Sie befinden sich:  » Graz Radln  |  » Kultur & Kunst  |  » Buch "RadLerleben"

Editorial/ Inhalt
von Wolfgang Wehap


Wolfgang Wehap
Wolfgang Wehap
Bildvergrößerung

Ja, natürlich gibt es so etwas wie Radfahrkultur. Sie umfasst das, was Menschen, die oft und gerne mit dem Fahrrad unterwegs sind, in ihrem Way of life verbindet, was sie untereinander austauschen und weitergeben, wie sie Umweltbedingungen reflektieren. Sie findet sich wieder in bestimmten Verhaltensmustern des Alltags ebenso wie in künstlerischen Äußerungen der Musik, darstellenden Kunst, von Film oder - Literatur.

Die hier vorliegende Anthologie sollte ein Radlesebuch werden und ist es, so hoffe ich, auch geworden. Also weder politisches Manifest noch Strategiepapier, keine historische oder sonstige wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine Kompilation verschiedener kürzerer Beiträge zum Thema Radfahren mit dem Fokus auf das Alltagsradeln, verfasst von steirischen RadlerInnen und SchreiberInnen. Idealerweise fallen diese beiden Attribute bei fast allen zusammen, d.h. mit wenigen Ausnahmen sind die AutorInnen selbst RadlerInnen, die vom Sattel aus eigene Erlebnisse, Befindlichkeiten, Einschätzungen und Kritiken notiert haben.

Wer mehrere SchreiberInnen, konkret 25 an der Zahl, zu einem Thema zwischen den Deckeln eines Buches versammeln will, kann von Glück sagen, wenn dies so reibungslos und produktiv funktioniert wie im gegenständlichen Fall: Zuerst noch etwas unsicher, wohin denn die Reise gehen würde und ob ich mich nicht mit Überschneidungen, schwer verständlichen Kopfgeburten und an der Idee vorbeizielenden Polit-Statement herumschlagen müsse, wurde ich mit jedem eintreffenden Beitrag entspannter - das Ding rundete sich zu einem eigenen Ganzen in einer Weise, wie ich es gar nicht zu hoffen gewagt hatte. Ich war neugierig auf den jeweils nächsten eintreffenden Artikel und war fast traurig, als alle da waren. Und bis auf einige wenige waren auch alle in der abgemachten Zeit da. Herausgeberische Vorgaben und Eingriffe konnten sich da auf ein Minimum beschränken.

Ich gebe zu, ein Startvorteil war, dass ich einige KollegInnen aus der schreibenden Zunft um Mitwirkung gebeten habe. Da weiß man, was man hat, wenn die Eingeladenen selbst radeln und die Technik von Essay, Kommentar und Satire beherrschen. Doch es sind bei weitem nicht nur ProfischreiberInnen, die zur Feder bzw. in die Laptop-Tastatur gegriffen haben. Bis auf Ausnahmen folgen alle Beiträge dem Prinzip der selbst verfassten Erzählung: In nur zwei Fällen wird davon abgegangen, wenn Werner Schandor über seinen Lieblings-Mechaniker Werner Kunster und Andrea Stanitznig über die Zeitungsausträgerin Tini Pölzl berichten. Damit zusammenhängend wird im Falle dieser beiden Porträts - und beim Flügelrad von Edith Temmel - auch ausnahmsweise fotografisch illustriert. Sonst sprechen die Geschichten für sich, werden von Karikaturen des Georg Szyskowitz begleitet und durch Mini-Bios der AutorInnen im Anhang ergänzt.

Wichtig war mir persönlich, dass die wirklichen AlltagsradlerInnen, die man als Alltagsradler in Graz ja fast alle kennt, zu Wort kommen, dass Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen Gelegenheit hatten, ihre verschiedenen Zugänge zum Thema darzulegen, und dass auch die junge Szene vertreten ist: Wer, wenn nicht sie, wird den Spirit des Radfahrens weitertragen und dafür sorgen, dass eine seit 125 Jahren dem Prinzip nach unveränderte Erfindung weiterhin eine Erfolgsgeschichte bleiben wird?

Ein Wort zum Titel „RadLerleben", der sicher nicht rasant originell ist, aber in seinen beiden Betonungen die Hauptstoßrichtungen anzeigt: Das Erleben auf dem und das Leben mit dem Rad. Im Übrigen hat der erste steirische Radbuchautor, Baron Heinrich von Esebeck, sein 1885 erschienenes Büchlein mit „Radfahrerleben" ähnlich getitelt, wenngleich er seine Betrachtungen zum Thema durchgehend in Reimen abgefasst hat.

In der Anordnung habe ich im Groben versucht, einen Bogen zwischen zwei Texten mit historischem Bezug zu spannen: Zwischen Günther Tischlers Abriss über jene Zeit, in der die heutige Ära des Stadtradelns (in Graz) begann, bis zu Günter Getzingers Mobilitäts-Utopie (für Graz), die über das Radfahren hinausgeht, dieses aber zum Kern hat. Dazwischen liegen handfeste und liebevolle Schilderungen des RadlerInnenalltags von PendlerInnen und solchen ZeitgenossInnen, die berufsbedingt mit Radfahren und Fahrrädern zu tun haben, empirische und philosophische Beiträge und pointierte Kommentierungen, die immer gut lesbar sind und stets kurzweilig bleiben. Natürlich werden auch Standards der Rad-Sachliteratur berührt, etwa wie viel Disziplin täte oder welches Kraut gegen Raddiebe gewachsen sein könnte.

Punktuell habe ich mit der Aneinanderreihung extrem unterschiedlicher Lösungen desselben Phänomens Wirkung zu erzielen beabsichtigt: Etwa, um die ferne Verwandtschaft aufzuzeigen zwischen dem jungen abenteuerlustigen Weltrumradler-Paar und der 80-jährigen Zeitungsausträgerin, die in summa vier Mal die Erde umrundet hat, dafür aber nie ihre kleine Route in der Grazer Umgebungsgemeinde verlassen hat.

Nochmals: Das größte Kompliment gehört den BeiträgerInnen, die es hier - weitgehend unabgestimmt - geschafft haben, einiges von dem Mikrokosmos textlich abzubilden, was das Radfahren und die Radfahrkultur abseits vom trockenen verkehrspolitischen Diskurs ausmacht. Besonderer Dank gebührt Verkehrslandesrätin Kristina Edlinger-Ploder, und zwar in dreifacher Hinsicht als Beiträgerin, als Sponsorin und als Ideengeberin für das Projekt an sich, sowie dem Leykam-Verlag in Person von Christine Wiesenhofer, die nach dem kulturhistorischen Sachbuch „frisch, radln, steirisch" (2005) nun das zweite Projekt aus dem Genre mit mir gemeinsam realisiert hat.

Graz, im April 2009



Inhalt

Günther HUBER: Konstante - Veränderung. Ein bekannter Gastronom erlebt die Stadtentwicklung über die Jahre vom Fahrradsattel aus auf dem Arbeitsweg.

Peter GRABENSBERGER: Eine kleine, feine Sicht der Dinge. Der Leiter des Grazer Kulturamtes führt als Kronzeugen für seine Radpassion klassische Denker und Schreiber an.

Edith TEMMEL: Tretkurbelrad mit Glasflügeln. Mit Phantasie wird aus dem Drahtesel ein edles Pferd, das hilft, die Fesseln der Erdenschwere abzustreifen.

Gunther HASEWEND: City-Cruisen mit dem Dreirad - Mein Nahverkehrsmittel ohne Führerschein. Für den LBD a.D. ist sein Gefährt das gemütlichste Fahrzeug der Welt. Eine Begründung.

Johannes KOREN: Der „Simultan-Stern" zu Graz. Auch geübte Alltagsradler sind vor Stürzen nicht gefeit, vor allem nicht in einer Stadt mit Straßenbahn.

Günther TISCHLER: Das Fahrrad als Metapher für eine andere Verkehrspolitik. Ein Radaktivist der ersten Stunde über Erich Edegger, die Grazer VeloRution und was davon geblieben ist.

Kristina EDLINGER-PLODER: Büroradeln und das Dilemma mit dem Chic am Bike. Die steirische Verkehrslandesrätin taucht ins morgendliche Verkehrsgewühl, kommt auf dem Weg ins Büro auf die richtige Betriebstemperatur und sieht über modische Unpässlichkeiten hinweg. 

Monika SAVAS: Seit drei Monaten trocken. Eine Alleinerzieherin stieg von heute auf morgen auf das Fahrrad um und erlebte Überraschendes.

Matthias RASSI: Lebensbahnen statt Autobahnen. Beruflich fuhr er Lkw, sonst immer Rad, weil das Radfahren seinem Konzept von Mobilsein und Sportlichkeit entspricht.

Hubert SUDI: Pendeln in der „fliegenden Banane" oder: Meine Vorliebe für supereffiziente Exoten. Der Südsteirer fährt täglich 55 km zur und von der Arbeit und bedient sich dabei  unkonventioneller radfahrtechnischer Lösungen.

Harald RÖSSLER: Radlfoarn "im Dienst" in einer Landgemeinde. Ein Gemeindeamtsleiter und Standesbeamter erzählt von Missverständnissen, für die sein Aufkreuzen bei Bauverhandlungen und Trauungen mit dem Waffenrad gesorgt hat.  

Walter MÜLLER: Semper et ubique. „Der Standard"-Redakteur ist schon zu 50 Prozent Rad. Über die Gefahr, süchtig zu werden, und die Gewissheit, stabil zu bleiben.

Ernst SITTINGER: Vom Elend des Alltagsradl(n)s. Ein Sportgerät ist kein Verkehrsmittel - oder doch? Auch Höchstleistungsradler finden viele Hinderungsgründe, im Alltag auf das Fahrrad umzusteigen. Ein individueller Therapieansatz.

Martin ORTHACKER: Fixed Gear und kalkuliertes Risiko. Martin, Funkname „Sic", wurde Fahrradbote und leitet heute den Botendienst „Veloblitz".

Angela PILZ: Aus dem Leben einer Fahrradbotin. Dienst bei Schneeregen, im Kampf mit diversen Problemen - und trotzdem bereit für den nächsten Auftrag.

Eva RÜMMELE: "Velochics" - von Renn- und sonstigen Hühnern. Die Gründerin der „velochicks" reflektiert über den Sinn eines Frauenradvereins und zieht einen Vergleich zu den „Vorfahrerinnen" des  Grazer Damen-Bicycle-Club (gegr. 1893). 

Werner SCHANDOR: Kunsters Kosmos. Werner Kunster betreibt sein Ewigkeiten eine Fahrradwerkstätte in einem Hinterhof im Grazer Zentrum und ist der letzte echte Fahrradmechaniker.

Andrea STANITZNIG: Ein Leben im Sattel. Junge Kleine Zeitung-Journalistin trifft die 80-jährige Kleine Zeitung-Austrägerin Tini Pölzl, die in ihrem Leben schon viele tausend Kilometer auf kleinem Raum gemacht hat.

Philipp und Valeska SCHAUDY: Radlalltag anderswo. Grazer Paar durchradelt alle Kontinente - Impressionen vom Radalltag in Afrika, Australien und Indien.

Heidi SCHMITT: Wo viel Licht ist, ist auch... Radlerdisziplin am Prüfstand. Eine abendliche Ausrüstungskontrolle wirft auch die Frage auf, wie viel an Ordnungswidrigkeit gut tut.   

Klaus HÖFLER: Geständnis eines Ausgenommenen. Warum es so toll ist, gegen Gesetze und die guten Sitten zu verstoßen. Anmerkungen und Anregungen aus dem Luxusbiotop individueller Straßenverkehrsanarchie.

Jörg-Martin WILLNAUER: Auf dem Rad. Ein Gedicht.

Colette SCHMIDT: Die gestohlene Freiheit oder: Psychogramm eines Fahrraddiebes. Die mehrfach ihrer Zweiräder und einmal sogar ihres Einrades bestohlene Autorin rechnet auf ihre Weise mit den Langfingern ab. 

Wolfgang WEHAP: Emmas schnittige Sänfte. Anfänge einer Radkarriere. Wann werden die Weichen für die künftige Verkehrsmittelwahl gestellt? Dem Nachwuchs in einem Kinderanhänger Fahrgefühl und Umwelt nahe zu bringen, ist ein guter Anfang.

Günther GETZINGER: Blick in die Zukunft urbaner Mobilität - Bikecity Graz 2020. Ein Universitätsmensch entwirft eine Utopie, wie sich ein sanft mobiles Graz entwickeln könnte.



Hinweise:

Bericht über die Buchpräsentation

Externe Verknüpfung "RadLerleben - Der Film"

"RadLerleben - Der Film" beim Bicyclefilm Festival Vienna

Die Beiträge des Buches finden sich hier in loser Reihenfolge. Sie sind inhaltlich unverändert, wurden aber zum Teil mit neuem Fotomaterial (in den vorangestellten Kurzbiografien) und ergänzenden Hinweisen versehen.