| Ja, natürlich gibt es so etwas wie Radfahrkultur. Sie umfasst das, was Menschen, die oft und gerne mit dem Fahrrad unterwegs sind, in ihrem Way of life verbindet, was sie untereinander austauschen und weitergeben, wie sie Umweltbedingungen reflektieren. Sie findet sich wieder in bestimmten Verhaltensmustern des Alltags ebenso wie in künstlerischen Äußerungen der Musik, darstellenden Kunst, von Film oder - Literatur.
Die hier vorliegende Anthologie sollte ein Radlesebuch werden und ist es, so hoffe ich, auch geworden. Also weder politisches Manifest noch Strategiepapier, keine historische oder sonstige wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine Kompilation verschiedener kürzerer Beiträge zum Thema Radfahren mit dem Fokus auf das Alltagsradeln, verfasst von steirischen RadlerInnen und SchreiberInnen. Idealerweise fallen diese beiden Attribute bei fast allen zusammen, d.h. mit wenigen Ausnahmen sind die AutorInnen selbst RadlerInnen, die vom Sattel aus eigene Erlebnisse, Befindlichkeiten, Einschätzungen und Kritiken notiert haben.
Wer mehrere SchreiberInnen, konkret 25 an der Zahl, zu einem Thema zwischen den Deckeln eines Buches versammeln will, kann von Glück sagen, wenn dies so reibungslos und produktiv funktioniert wie im gegenständlichen Fall: Zuerst noch etwas unsicher, wohin denn die Reise gehen würde und ob ich mich nicht mit Überschneidungen, schwer verständlichen Kopfgeburten und an der Idee vorbeizielenden Polit-Statement herumschlagen müsse, wurde ich mit jedem eintreffenden Beitrag entspannter - das Ding rundete sich zu einem eigenen Ganzen in einer Weise, wie ich es gar nicht zu hoffen gewagt hatte. Ich war neugierig auf den jeweils nächsten eintreffenden Artikel und war fast traurig, als alle da waren. Und bis auf einige wenige waren auch alle in der abgemachten Zeit da. Herausgeberische Vorgaben und Eingriffe konnten sich da auf ein Minimum beschränken.
Ich gebe zu, ein Startvorteil war, dass ich einige KollegInnen aus der schreibenden Zunft um Mitwirkung gebeten habe. Da weiß man, was man hat, wenn die Eingeladenen selbst radeln und die Technik von Essay, Kommentar und Satire beherrschen. Doch es sind bei weitem nicht nur ProfischreiberInnen, die zur Feder bzw. in die Laptop-Tastatur gegriffen haben. Bis auf Ausnahmen folgen alle Beiträge dem Prinzip der selbst verfassten Erzählung: In nur zwei Fällen wird davon abgegangen, wenn Werner Schandor über seinen Lieblings-Mechaniker Werner Kunster und Andrea Stanitznig über die Zeitungsausträgerin Tini Pölzl berichten. Damit zusammenhängend wird im Falle dieser beiden Porträts - und beim Flügelrad von Edith Temmel - auch ausnahmsweise fotografisch illustriert. Sonst sprechen die Geschichten für sich, werden von Karikaturen des Georg Szyskowitz begleitet und durch Mini-Bios der AutorInnen im Anhang ergänzt.
Wichtig war mir persönlich, dass die wirklichen AlltagsradlerInnen, die man als Alltagsradler in Graz ja fast alle kennt, zu Wort kommen, dass Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen Gelegenheit hatten, ihre verschiedenen Zugänge zum Thema darzulegen, und dass auch die junge Szene vertreten ist: Wer, wenn nicht sie, wird den Spirit des Radfahrens weitertragen und dafür sorgen, dass eine seit 125 Jahren dem Prinzip nach unveränderte Erfindung weiterhin eine Erfolgsgeschichte bleiben wird?
Ein Wort zum Titel „RadLerleben", der sicher nicht rasant originell ist, aber in seinen beiden Betonungen die Hauptstoßrichtungen anzeigt: Das Erleben auf dem und das Leben mit dem Rad. Im Übrigen hat der erste steirische Radbuchautor, Baron Heinrich von Esebeck, sein 1885 erschienenes Büchlein mit „Radfahrerleben" ähnlich getitelt, wenngleich er seine Betrachtungen zum Thema durchgehend in Reimen abgefasst hat.
In der Anordnung habe ich im Groben versucht, einen Bogen zwischen zwei Texten mit historischem Bezug zu spannen: Zwischen Günther Tischlers Abriss über jene Zeit, in der die heutige Ära des Stadtradelns (in Graz) begann, bis zu Günter Getzingers Mobilitäts-Utopie (für Graz), die über das Radfahren hinausgeht, dieses aber zum Kern hat. Dazwischen liegen handfeste und liebevolle Schilderungen des RadlerInnenalltags von PendlerInnen und solchen ZeitgenossInnen, die berufsbedingt mit Radfahren und Fahrrädern zu tun haben, empirische und philosophische Beiträge und pointierte Kommentierungen, die immer gut lesbar sind und stets kurzweilig bleiben. Natürlich werden auch Standards der Rad-Sachliteratur berührt, etwa wie viel Disziplin täte oder welches Kraut gegen Raddiebe gewachsen sein könnte.
Punktuell habe ich mit der Aneinanderreihung extrem unterschiedlicher Lösungen desselben Phänomens Wirkung zu erzielen beabsichtigt: Etwa, um die ferne Verwandtschaft aufzuzeigen zwischen dem jungen abenteuerlustigen Weltrumradler-Paar und der 80-jährigen Zeitungsausträgerin, die in summa vier Mal die Erde umrundet hat, dafür aber nie ihre kleine Route in der Grazer Umgebungsgemeinde verlassen hat.
Nochmals: Das größte Kompliment gehört den BeiträgerInnen, die es hier - weitgehend unabgestimmt - geschafft haben, einiges von dem Mikrokosmos textlich abzubilden, was das Radfahren und die Radfahrkultur abseits vom trockenen verkehrspolitischen Diskurs ausmacht. Besonderer Dank gebührt Verkehrslandesrätin Kristina Edlinger-Ploder, und zwar in dreifacher Hinsicht als Beiträgerin, als Sponsorin und als Ideengeberin für das Projekt an sich, sowie dem Leykam-Verlag in Person von Christine Wiesenhofer, die nach dem kulturhistorischen Sachbuch „frisch, radln, steirisch" (2005) nun das zweite Projekt aus dem Genre mit mir gemeinsam realisiert hat.
Graz, im April 2009
|