Grazer Radfahrer Club
 
Sie befinden sich:  » Graz Radln  |  » Geschichte  |  » Panoptikum

Kurarzt und "Herr Militär" - Radpioniere in Pischelsdorf


Abzeichen Pischelsdorfer RV
Abzeichen Pischelsdorfer RV
Bildvergrößerung

Der 1889 gegründete Pischelsdorfer RV gehörte zu den frühen und größten Provinz-Radfahrvereinen der Steiermark. Als Proponent zeichnete Franz Guth das am 20. Mai an die Statthalterei gerichtete Ansuchen. Wie in den meisten Radvereinen sahen die Statuten ordentliche (ausübende), unterstützende und Ehrenmitglieder vor. Der Eintritt kostete zwei Gulden, zuzüglich eines jährlichen Mitgliedsbeitrages.

Als Mitinitiator und erster Obmann fungierte der Arzt Julius August Blumauer (1855-1904), der schon zuvor als aktiver Hochradfahrer und Mitglied des Weizer Bicycle Club (gegr. 1885) Ortswart des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes (StGRV) in Pischelsdorf war. Ihm zur Seite im Gründungsvorstand standen Johann Kotzbeck, Oberlehrer aus Prebensdorf, Fritz Feuchtinger, ebenfalls Lehrer, sowie der Kaufmann Josef Berghofer. Die regelmäßigen Treffen fanden im Clubzimmer des Gasthofes von Johann Herbst statt, das im „Tourenbuch von Steiermark für Radfahrer" als „sehr gut" empfohlen wird. Dort installierte man auch einen "Jourfixe", jeden Mittwoch um 7 Uhr Abends, "wobei auch Damen erscheinen und durch humoristische Vorträge und Gesangsvorträge für die Unterhaltung gesorgt wird. Es liegt auch jedesmal eine geschriebene Clubzeitung auf." 

Siebenter bei erster Fernfahrt Wien - Graz - Triest
Obwohl er schon im etwas fortgeschrittenen Alter war, mit Franziska Lieleg verheiratet und einen Sohn namens Theodor (geb. 1883) hatte, als er vom aufkommenden Radsport infiziert wurde, hatte Blumauer auch sportliche Ambitionen: 1891 verbuchte er eine Jahresleistung von 5872,6 km, 1892 wurde er bei der 
500 km-Fernfahrt Wien - Graz - Triest (unter 16 Teilnehmern) als bester Steirer Siebenter. 

Jahre später fuhr er - der Überlieferung nach - mit dem Hochrad nach Rom, erlitt aber auf der Rückreise eine Herzattacke. (Anm. d. A.: Dass Blumauer diese - leider undatierte, wohl aber nach 1892 ausgeführte - Reise mit seinem Hochrad, von dem noch das Vorderrad im Museum im Färberturm erhalten ist, absolviert hat, ist allerdings stark zu bezweifeln. Jemand, der zuvor bereits Rennen auf dem Niederrad gefahren ist, dürfte für eine derartige Fernfahrt wohl kaum wieder auf das Hochrad umgestiegen sein.)

Ob Blumauers Bemühungen, Pischelsdorf zu einem Kurort zu machen, mit seiner eigenen angegriffenen Gesundheit zu tun hatten, kann nur vermutet werden. Jedenfalls baute er den 1893 erworbenen Gasthof Herbst (heute Stibor) zu eine Cur- und Badeanstalt mit Park, Wandelbahn und Tennisplätzen aus. Die Eröffnung des Roma-Bades war im Sommer 1899, für Mitglieder des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes gab es Ermäßigung. Der Erfolg sollte allerdings - nicht zuletzt wegen geringer Resonanz des lokalen Publikums - ausbleiben. Sohn Theodor (1883-1928) führte den Betrieb nach dem frühen Tod des Vaters am 1.12.1904 als Gasthaus weiter.

Eine späte Würdigung erfuhr Kurarzt Blumauer 2006, also fast ein Jahrhundert nach seinem frühen Tod, als über Anregung des Künstlers Peter Knoll ein Weg im Rahmen des Externe Verknüpfung Kneipp Aktiv Parks Mittleres Feistritztal nach ihm benannt wurde.


J. Berghofer
J. Berghofer
Bildvergrößerung

Eintrag Fremdenbuch
Eintrag Fremdenbuch
Bildvergrößerung

Neben Blumauer war vor allem Josef Berghofer eine schillernde Figur der Pischelsdorfer Radler: In seiner Jugend Wiener Sängerknabe, in Heeresdiensten und danach „Herr Militär" genannt, war er im Zivilberuf Kaufmann in Pischelsdorf. (Josef Perghofer hatte 1835 einen Kaufmannsladen eröffnet. 1929 war dieser von Josefine Eber übernommen worden, deren Schwiegersohn Franz Fröschl und zuletzt dessen Tochter Josefine ihn bis 1992 betrieben. Heute Elektro Bünte.)

1891, in einer Zeit, als zum Teil noch mit dem Hochrad gefahren wurde, siegte Berghofer auf einem Niederrad bei den ersten offiziellen steirischen Straßenmeisterschaften über 50 km anlässlich des V. Hauptgautages des StRGV in Windischgraz (Slovenj Gradec) auf der Strecke Unterdrauburg - Windischgraz - Wöllau - Windischgraz. 1892 wurde er bei diesem Bewerb Dritter.

Hochblüte bis 1895
Mit über 90 Mitgliedern, davon jeweils die Hälfte ausübende und unterstützende, erlebte der Verein in den Jahren 1892 bis 1895 seine Hochblüte. In jener Zeit besorgte der Schlosser Paul Feuchtinger, ebenfalls Vereinsfunktionär, die Reparaturen am zweirädrigen Fuhrpark. Frauen spielten bereits eine aktive Rolle: So sind etwa 1894 vier „ausübende" Damen vermerkt. Wie aus Eintragungen in den Fremdenbüchern von Burgau und Fürstenfeld der Jahre 1892-98 hervorgeht, waren die Pischelsdorfer auch wackere Tourenradler, die zumindest in der Region einzeln oder im Rahmen von „Clubparthien" herumkamen.

Josef Berghofer, der über mehrere Jahre Obmann des Pischelsdorfer RV und 1900-03 Bürgermeister war, wurde noch 1909 als Ortswart des StRGV geführt. In der Zeit des Ersten Weltkrieges scheinen die Vereinsaktivitäten - wie bei vielen anderen (Rad-)Vereinen - eingeschlafen und nie mehr richtig in die Gänge gekommen zu sein. Die behördliche Auflösung des Pischelsdorfer RV erfolgte am 3.10.1929, nachdem die Behörde festgestellt hatte, dass der letzte Obmann Theodor Blumauer schon im Jänner 1928 verstorben war.

Literatur und Quellen
Titus LANTOS, Im Schatten des großen Zeigers. Eine Geschichte des Marktes Pischelsdorf und seiner Umgebung. 950 Jahre Pischelsdorf 1043-1993
Hanns PROPST, 125 Jahre Steirischer Radsport, zweite Auflage 1991, 34

Illustrierte Fremden-Zeitung 2/5.5.1901, 2, Roma-Pischelsdorf
Österreichisch-ungarische Radfahrer-Zeitung (Wien) VI/18/15.9.1891;
VII/4/15.2.1892
Radfahr-Chronik (Bl. Radfahr-Humor, München) VI/1/1.10.1892; Radfahrer-Club-Chronik VIII/11/1894
Tourenbuch von Steiermark für Radfahrer, Hg. Steirischer Radfahrer-Gauverband, 1889
Mitteilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes 28/1.1.1891 ("Jourfixe")
Info Karl Stibor, Urenkel von Julius Blumauer, Jg. 1940, GH „Neue Post"
Vereinsakt Pischesldorfer RV Statth. 54-12236/1889, Stmk. Landesarchiv
Archiv der Diözese Graz-Seckau, Sterbematriken der Pfarre Pischelsdorf 1904, Julius Blumauer, http://matriken.graz-seckau.at/ 

WOLFGANG WEHAP