Grazer Radfahrer Club
 
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Albls "Meteor" und "Graziosa"


Benedict Albl (1847-1918)
Benedict Albl (1847-1918)
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Erstes Inserat, Juni 1888
Erstes Inserat, Juni 1888
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Sammlerstück Kreuzrover
Sammlerstück Kreuzrover
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Der erste Grazer Fahrradfabrikant war nicht, wie landläufig kolportiert wird, Johann Puch, sondern Benedict Albl. Der gebürtige Kärntner begann 1888 in der Murvorstadt mit der Fahrraderzeugung, beschäftigte für kurze Zeit Puch als Mitarbeiter und produzierte Fahrräder der Marken "Meteor" und später "Graziosa", zuletzt auch Motorräder und erste Autos.  

Der 1847 in Althofen geborene Benedict Albl lernte in Wien Mechaniker und übersiedelte mit seiner aus Schwanberg stammenden Frau Martha nach Graz, wo er 1880 um die Berechtigung ansuchte, Nähmaschinen verkaufen und reparieren zu dürfen. Gemeinsam mit Philipp Palli übte er sein Gewerbe in der Annenstraße 15 aus und begann auch mit der Herstellung von Wasch- und Walkmaschinen. Für die Ausweitung der Produktion wurde um die Ecke, in der Elisabethinergasse 7, bei den Behörden um die Aufstellung einer Dampfmaschine angesucht. Laut einer alten Firmenchronik ging er im Jahre 1886 zur "selbständigen Fabrication von Fahrrädern" über. 

Eine Reise nach England dürfte Albl genutzt haben, um das neue "Safety" besser kennenzulernen und die Konstruktionsmerkmale zu studieren. Am 18. Mai 1888 meldete er das Mechanikergewerbe an und nahm die Erzeugung von „Bicycles, Bicyclettes, Tricycles und Jugend-Fahrrädern" auf. Daneben vertrieb er in- und ausländische Modelle und bot Reparaturen sowie „Fahrunterricht im Hause" an. Wohl aus dieser frühen Periode dürfte auch das älteste erhaltene Niederrad in der Steiermark stammen, das sich im Besitz von Helfried Neubauer befindet. Es handelt sich um einen
Kreuzrover, auf dessen Lenkstange der Schiftzug „Albl Graz" eingestanzt ist, das aber großteils aus englischen Teilen besteht. 

Während sein früherer Kompagnon Palli weiter unter der Adresse Annenstraße 15 mit Nähmaschinen und Fahrräder handelte, übersiedelte Albl Mitte Oktober 1888 an eine neue Adresse, Lendplatz 14, wo heute das weitläufige Objekt der Zentralfeuerwache steht. Im Obergeschoss befand sich die Wohnung, im Parterre Werkstätte und Lager. In Inseraten wurde eine "schöne und bequeme Fahrschule nebst Unterricht im eigenen Hause" angeboten. In dieser Zeit gab Johann Puch ein kurzes Gastspiel als leitender Mitarbeiter bei Albl, was durch eine erhaltene Reparaturrechnung mit den Unterschriften Albls und Puchs belegt werden kann.

Mit dem provisorischen Werkstättengebäude, das er zur Josefigasse hin errichten wollte, hatte Albl Schwierigkeiten. Zuerst wurde der Bau wegen der nicht vorhandenen Baubewilligung eingestellt, dann wurde beanstandet, dass das Objekt erheblich größer als erlaubt gebaut worden war. Ende Februar 1889 war der neue Trakt schließlich doch fertig und erfuhr eine ordnungsgemäße Kommissionierung. Eine Dampfmaschine mit 2 PS wurde angeschafft, eigens zwei Heizer eingestellt.

Mittlerweile beschäftigte Albl 24 Arbeiter. Für sein Modell „Meteor" erhielt er im Jahre 1890 den Silbernen Staatspreis, der in Anwesenheit von Kaiser Franz Josef bei der Allgemeinen Landesausstellung in Graz verliehen und der dann auch werbemäßig - beispielsweise auf Postkarten - vermarktet wurde. 1891 errichtete Albl eine Radfahrschule in der Schörgelgasse, Ecke Sparbersbachgasse.

Werbepostkarte, 1893
Werbepostkarte, 1893
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Puch als Konkurrent
Als Puch sich selbstständig machte, entstand mit dessen erstem Betrieb in der Murvorstadt (Bezirk Lend) Konkurrenz vor Albls Haustüre. Eine anonyme Anzeige, die Puch eine Zeitlang hinderte, den Betrieb in der Strauchergasse 18A aufzunehmen, dürfte auf Albl zurückgehen, vermuten Stadthistoriker. Umgekehrt scheuten Puch und sein Co. Victor Kalmann sich nicht, gegen Albl vorzugehen: Sie zeigten bei der Behörde an, dass er seinen Betrieb zu Unrecht „Fahrradfabrik" nenne, zumal er nur das Mechanikergewerbe habe und entsprechend weniger Steuer zahle. Tatsächlich korrigierte Albl diesen "Etikettenschwindel", indem er 1891 um das Gewerbe für die fabriksmäßige Erzeugung von Fahrrädern ansuchte. Wohl als Konter schaltete Albl dann Inserate, in denen er seinen Betrieb als "größte Fahrräder-Fabrik Steiermarks" anpries. 

Nicht auszuschließen ist, dass Albl sich auch mit seinem in dieser Zeit erfolgten Beitritt zum Grazer Bicycle-Club bewusst von Puch, der Funktionär beim Grazer Radfahrer Club war, abgrenzen wollte. Davor war Albl seit 1889 Mitglied des Radfahr-Verein "Edelweiss" gewesen.

Die Rivalitäten waren allerdings allem Anschein nach begraben, als 1894 die Probleme mit der Arbeiterschaft zunahmen und Vertrauensmänner - offiziell wegen Mangels an Arbeit - gekündigt wurden: Die Sozialdemokraten warfen Puch und Albl vor, eine Vereinbarung geschlossen zu haben, beim jeweils anderem entlassene Arbeiter in ihren Betrieben nicht einzustellen.

Albl blieb auf Expansionskurs: Die räumlichen Gegebenheiten am Lendplatz entsprachen bald nicht mehr den Anforderungen, auch mit den Anrainern gab es Zores. So beschloss er, wohl mit Hilfe von wohl bestallten Geldgebern, auf einem Areal zwischen Schönaugasse und Colisseumgasse (heute: Pestalozzistraße) eine neue Fabrik zu errichten. Im Oktober 1893 gab er in einem Inserat die Übersiedelung in die „neu erbaute, bedeutend vergrößerte Fabrik Schönaugasse Nr. 48" bekannt.

In der Schönaugasse 48h stand das Wohnhaus, das im Juni 1894 fertig war. Nach und nach wurde der Betrieb ausgebaut, im Oktober desselben Jahres ging das Kesselhaus mit einem Einflammrohrkessel und einem knapp 25 Meter hohen Schornstein in Betrieb.

Talent in der Familie
Irgendwie schien der Familie Albl das Radfahren im Blut gelegen zu sein, denn auch die Kinder taten sich damit hervor: Die beiden Töchter Luise und Mitzi (geb. 1879) waren 1893 Mitbegründerinnen des Grazer Damen Bicycle-Club. Sohn Josef (geb. 1875), genannt „der fesche Pepi", versuchte sich als Racer.

Von Josef Albl ist die Anekdote überliefert, dass er nach einer durchzechten Nacht den Start des Rennens Graz - Budapest beinahe verschlafen habe, dennoch - einigermaßen verkatert - an den Start eilte und auch noch gewann. Dass sich die Geschichte wirklich so zugetragen hat, ist zu bezweifeln. Wahrscheinlicher ist, dass sich das Vorkommnis auf die Rennen am 10.9.1893 in Budapest bezogen hat, wo er einmal stürzte, einmal (im Tandem-Bewerb) wegen Reifenplatzers ausschied und im Niederrad-Hauptfahren einen dritten Platz hinter Opel und Lurion erreichte.

In einem Artikel über die Grazer Rennsaison 1894 wird Albl jun. so charakterisiert: „Josef Albl, auf welchen man schon im Vorjahre eine grosse Hoffnung setzte, entsprach dieser auch heuer nicht. Er hatte zwar einige unbedeutende Erfolge zu verzeichnen, doch nimmt er die Sache zu wenig ernst, um Grösseres zu erringen."

Schwestern Mitzi und Louise Albl, 1892
Schwestern Mitzi und Louise Albl, 1892
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Der fesche Pepi auf der Rennbahn
Der fesche Pepi auf der Rennbahn
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"Meteor strahlt in hellem Glanze"
Die Meteor-Fahrradwerke waren bald über Graz hinaus bekannt. 1894 wurde eine größere Kollektion bei der internationalen Ausstellung in der Wiener Rotunde im Prater präsentiert, wobei ein Fachblatt urteilte: „Besonders die gelbbraun emailirten Renn- und Tourenräder erscheinen auch recht elegant."

Allerdings dürfte sich Albl mit dem Ausbau finanziell übernommen haben, weshalb er nach einem Teilhaber Ausschau hielt und ihn in Carl Franz auch fand. Der aus Pottenstein (NÖ) stammende Carl Ferdinand Franz (1838-1911) war 1894 als Miteigentümer der in der Habsburger Monarchie bedeutendsten Zündwarenfabrik Florian Pojatzi & Comp. in Deutschlandsberg ausgestiegen und hatte sich in Graz auf die Suche nach einer zukunftsträchtigen Geldanlage gemacht.

Über die Söhne hatte die Familie Franz Kontakte zur Grazer Radlerszene, genau genommen zum Akademisch-technischen Radfahr-Verein: Sohn Carl, damals Chemiestudent, trat dem AtRV 1887 bei, im Jahr darauf wurden Ehegattin Josefine und der zweite Sohn, Victor August (1870-1938), unterstützendes bzw. ausübendes Mitglied. 1888 beteiligte sich Carl jun. mit einigem Erfolg an internationalen Wettrennen in Graz.

Wie ein Blick ins Markenregister zeigt, war Franz sehr rührig: Er ließ sich den Markennamen "Meteor" durch eine Reihe von Plaketten-Varianten wie "Styrian Meteor" oder "The White Styrian Star" oder - das auch von Dürkopp verwendete - "Allzeit voran" schützen. Eingetragene Wortmarken wie "Mc Kinley" unterstreichen neben den bereits genannten die offensichtliche Export-Absicht, "Bergan" und "Hillclimber" lassen die Vermutung zu, dass man sich mit der Entwicklung von Mountainbikes befasst haben könnte. In der Emblematik wechselten Sonnenrad und Edelweiss als zentraler Blickfang.

Briefkopf, 1897
Briefkopf, 1897
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Obwohl er von der Materie wenig verstand, glaubte Carl Franz sein Geld gut investiert und übernahm 4.10.1895 die Meteor-Fahrradwerke. Sohn Victor August, schon bei Pojatzi ab 1891 in verantwortlicher Funktion, erhielt die Prokura übertragen. Der Markenname „Meteor" wurde beibehalten, 1896 lautete ein Werbeslogan: "Meteor strahlt in hellem Glanze und beherrscht den Markt durch seine tadellose Bauart". Die Räder wurden auch in kettenloser Ausführung mit „Präcisions-Getrieben" angeboten. In Wien X., Eugengasse 5, gab es eine "Filialfabrik".




1895
1895
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1896
1896
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1901
1901
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Übersiedelung in den Norden der Stadt

Dass Graz ein hart umkämpfter Markt war, darauf weist ein Inserat hin: "Styrian Meteor bleibt doch trotz aller Anfeindungen einer bedrohten Concurrenz die beste Marke für 1897." Aus nicht bekannten Gründen hielt Carl Franz nach einem anderen Standort Ausschau. Er erwarb 1898 die Ebenwaldner Mühle („Jesuitenmühle") in der Wiener Straße 50 (heute 182), die Anton und Barbara Ebenwaldner am Mühlgang als Farbenmühle betrieben hatten, und adaptierte sie für seine Zwecke.

Im Jänner 1899 übersiedelten die Meteor-Werke in den Norden der Stadt. Ein Situationsplan aus diesem Jahr wies Gebäudeteile mit Nutzungen wie Fabrik, Schlosserei, Reparaturwerkstätte, Tandembau, Magazin, Bureau und Expeditmagazin aus, auf dem Plan skizzierte Erweiterungen deuten auf Expansionspläne hin. 1899 erwarb man vom Marineingenieur Joseph Schaschl ein Patent auf eine "Vorrichtung zum alternativen Einrücken zweier verschiedener Übersetzungen an kettenlosen Fahrrädern". Dafür, dass ein so ausgestattetes Fahrrad auch tatsächlich gebaut und verkauft wurde, gibt es allerdings keinen Hinweis. Das Patent wanderte später weiter an die Fa.
Cless & Plessing.  

Dass diese Pläne auch umgesetzt wurden, darauf wird im Katalog für 1901 Bezug genommen: "Just während dieses bedenklichen Zeitaumes des Niederganges der Fahrrad-Industrie sahen wir uns (...) bemüssigt, einen Fabriks-Neubau im großen Style aufzuführen, denselben aber auch gleichzeitig mit den neuesten und modernsten Maschinen auszurüsten. Zum Betriebe der ganzen Fabriks-Anlage bedienen wir uns ausschliesslich elektromotorischen Kraft (...). Ueberdies pflegen wir seit jeher auf tadellose, fachgemässe Construction sowie auf sorgsamste Auswahl allerfeinsten steirischen Stahles grössten Werth zu legen." 

Es wird auf "bedeutendste Erfolge" im Bahn- und Straßenrennsport hingewiesen, was sich aber anhand der vorliegenden Berichte nicht ganz nachvollziehen lässt. Aufzeigen konnte man lediglich in regionalen Bewerben, etwa 1899 bei den letzten Grazer Pfingstrennen oder bei der steirischen Straßenmeisterschaft, wo Ernst Bittner, der zunächst von der Disqualifikation Ferdinand Graf Platens (AtRV) wegen Behinderung profitiert hatte und schon den Sieg in der Tasche zu haben schien,  schließlich aber selbst ebenfalls disqualifiziert wurde. Der Grund: Als Angestellter der Meteor-Fahrradwerke fuhr er ein „Werksfabrikat", was gegen die Herrenfahrer-Bestimmungen (Amateurregeln) verstieß. Dies passierte vor dem Hintergrund einer geänderten Firmenstrategie: War man 1896 noch stolz darauf, dass "Meteor-Räder niemals von bezahlten Rennfahrern benutzt werden", feierte man 1899 werbetechnisch"Sieg auf Sieg". 

Auf der Fahrradausstellung in München wurde ein patentiertes Dreirad für den Personentransport vorgestellt. Seit 1900 umfasste das Verkaufsprogramm neben Fahrrädern auch fabriksmäßig produzierte Motorfahrzeuge und Schreibmaschinen, zusätzlich erzeugte man elektrischen Strom.

Verkaufsstellen befanden sich am Joanneumring 10 und in Klagenfurt in der Stern-Allee, in Graz verfügte man über zwei Fahrschulen, eine u.a. mit einem „Velo-Lernapparat" („Stürzen ausgeschlossen") ausgestattete Sommerfahrschule in der Mandellstraße 35, und eine Winterfahrschule in der Colisseumskaserne, Zimmerplatzgasse 3. Für kurze Zeit hatte man 1898/99 auch in Cossebaude bei Dresden eine Niederlassung (vorm. Heinrich Franz Klein & Co.), die später als Zenith-Fahrradwerke weitergeführt wurde. 





Triplett, 1897
Triplett, 1897
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Plakat Meteor
Plakat Meteor
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Meteor bei Nacht
Meteor bei Nacht
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Gemälde Brand
Gemälde Brand
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Ansicht Fabrik, 1901
Ansicht Fabrik, 1901
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Meteor der letzten Generation, um 1920
Meteor der letzten Generation, um 1920
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Meteor und Simson-Fahrradteile
Meteor und Simson-Fahrradteile
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Doch die Tage der Franz'schen Fahrradfabrik waren gezählt: Nachdem schon im Dezember 1899 Feuer in der Radkammer ausgebrochen war, richtete ein Brand 1902 beträchtlichen Schaden an. Zwar wurde das Objekt wieder aufgebaut, Carl Franz sah aber offenbar die Zeit gekommen, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen, was Ende 1904 auch formal passierte. Die von Sohn Victor gemeinsam mit einer Eiserzeugung betriebene Stromproduktion wanderte Mühlgang aufwärts, wo sie seither - nach wie vor in Familienbesitz - unter der Adresse Viktor-Franz-Straße 13,  Ecke Eiswerkgasse, als Elektrizitätswerk Gösting etabliert ist.

Damit ist die Geschichte der „Meteor-Werke" aber noch nicht ganz zu Ende: Nach einem kurzen Comeback des inzwischen Pleite gegangenen Benedict Albl verkaufte Carl Franz die Marke an den aus der Externe Verknüpfung 
Thüringer Waffen- und Fahrradunternehmerfamilie stammenden Ernst Simson, der das Areal Wienerstraße 182 übernahm und mit 25 Beschäftigten den Handel, vermutlich auch die Produktion von Fahrrädern weiterführte bzw. wiederaufnahm. Hinweis dafür ist u.a. ein Patent für ein von außen nachstellbares Tretkurbellager, das er 1906 anmeldete. Am 3.12.1907 vernichtete ein in der Lackiererei ausgebrochenes Feuer das Fabrikgebäude vollständig.

1910/11 findet sich Simson, der 1920-1926 deutscher Vizekonsul in Graz war, am Standort Babenbergerstraße 116-120, unweit des Frachtenbahnhofs gelegen. Laut Adressbuch umfasste der Betrieb „Waffenfabrik und Fahrradwerk", hergestellt wurden „alle Fahrradbestandteile und Artikel der Feinmechanik". Baupläne für eine Aufstockung des Fabriksgebäudes von 1908/09 lassen den Schluss zu, dass Simson schon früher aus der Wiener Straße hierher gezogen war oder eine Zeit lang an beiden Adressen produziert hat.

Die Eintragung des Markennamens "Suhler Waffenrad" weist auf eine enge Kooperation mit seiner Thüringer Unternehmerverwandtschaft hin, zudem ließ er sich die Wortmarke "Hubertus" schützen; erstere Registerung wurde - aus nicht bekannten Gründen - bald wieder gelöscht, letztere existierte bis 1920. Um diese Zeit erzeugten laut Finanz-Compass 150 Arbeiter hauptsächlich Volksfahrräder. Ein Externe Verknüpfung Meteor-Modell aus dieser Zeit wurde vom Gleisdorfer Max Reder wieder in Stand gesetzt. 

Simsons Betriebsleiter Gustav Schmidt gründete den Radfahrer-Verein „Meteor", der sich die Förderung des Kunst- und Reigenfahrens, verbunden mit Turnen, auf die Fahnen geschrieben hatte. Dieser wurde 1913 in RV "Komet" umbenannt und bestand bis 1922. Um diese Zeit dürfte wohl auch die Geschichte von "Meteor" endgültig zu Ende gegangen sein.  





Meteor Chainless
Meteor Chainless
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Graziosa, um 1900
Graziosa, um 1900
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Graziosa Damenmodell
Graziosa Damenmodell
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Albls letzter Anlauf
Nach seinem Ausstieg bei „Meteor" hatte Benedict Albl keineswegs die Absicht, sich aus der Branche zurückzuziehen. 1896 nahm er die Produktion in der Werkstatt des Alois Riegler ("Aeolus-Räder") in der Mühlgasse 2 am Lendplatz wieder auf. Das Verkaufslokal befand sich (seit 1895) in der Annenstraße 18, die Fahrschule war zunächst in der Sackstraße 16, dann in der Grazbachgasse 67 etabliert. Auch in Klagenfurt gab es in der Bahnhofstraße eine Niederlage und Fahrschule. Wieder hatte er Ärger mit der Behörde, weil die Darstellung seiner "Fabrik" auf dem Briefpapier nicht mit der in Wirklichkeit wesentlich kleineren Werkstatt korrespondierte. Wie diese wiederholten Probleme nahelegen, liebte es Albl wohl dick aufzutragen. 

Beanstandeter Briefkopf, 1896
Beanstandeter Briefkopf, 1896
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Geschäft in der Annenstraße 18
Geschäft in der Annenstraße 18
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Als sich abzeichnete, dass Carl Franz die Übersiedelung in den Norden der Stadt beabsichtigte, suchte Albl im April 1897 darum an, in der Schönaugasse 48c - neben dem alten Meteor-Werk Ecke Steyrergasse - eine Fahrradfabrik erbauen zu dürfen. Um der Expansion gewachsen zu sein, engagierte er Experten: Der Konstrukteur Rudolf Plessing und der bisher für Puch tätige Buchhalter Franz Koneczny übernahmen die Prokura.

Schon Mitte August meldete Albl der Behörde die Fertigstellung des Rohbaues. Bereits ein Jahr später erfolgte der erste Zubau, 1899 wurde auch das Kesselhaus mit dem 35 m hohen Schornstein vergrößert. 
Fassadenplan Schönaugasse 48c, 1897
Fassadenplan Schönaugasse 48c, 1897
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Plakat um 1895
Plakat um 1895
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Steuerkopfschild
Steuerkopfschild
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Fabrik innen und außen
Fabrik innen und außen
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Rechnung 1899 (Ausschnitt)
Rechnung 1899 (Ausschnitt)
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Plakat "Graziosa"
Plakat "Graziosa"
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Kettenloser Racer
Kettenloser Racer
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"Allzeit voran!" vs. "Chainless"

Nach der Erteilung des Gewerbescheins wurden am 13. Juli 1897 die „Graziosa Fahrradwerke in Graz, Commanditgesellschaft Benedict Albl & Comp." gegründet, die kurz darauf in „Fahrrad- und Motor-Fahrzeugwerke" umbenannt wurden. Als Gesellschafter - und vermutlich neben Dr. Heinrich Graf Taffee, Victor Frankl und Isidor Hirsch auch als Financier - war der Hausbesitzer Theodor Schumy zeichnungsberechtigt.
 
Albl und sein Team experimentierten mit neuen Werkstoffen wie Bambus, baute Kardan-Räder und ein „Tandem mit ausschaltbarem Mittelstück" (auskuppelbarer Kurbel für den Sozius). Die Nachbarn Franz und Albl lieferten sich um 1898 ein „Duell" über Zeitungsinserate: Franz warb mit „Meteor-Räder - Allzeit voran!" sowie für „kettenlose Räder mit Präcisions-Getriebe", Albl offerierte 1896/97 das „kettenlose Zukunftsrad Graziosa-Chainless", wobei es sich um die ersten in Österreich erzeugten Kardan-Fahrräder gehandelt haben dürfte. Um die Jahrhundertwende sollen 300 Beschäftigte an 150 amerikanischen Specialmaschinen für Albl gearbeitet haben.

Motorrad und Motorwagen
1900 wurde eine "Frictionskupplung zum Wechsel von zwei oder mehreren Geschwindigkeiten" als Patent amtlich registriert - zu einer Zeit, in der auch schon an Motorrädern und Autos gearbeitet wurde. Im September 1899 bewältigte das erste Albl-Motorrad die Ries, eine Bergstraße im Nordosten von Graz, die bisher nur von Motordreirädern bezwungen worden war. Mit einer solchen Maschine (Graziosa-Hille), ausgestattet mit einem Motor System Aster mit Kupferrippen, war man in Wien auf der Praterbahn erfolgreich. Im Oktober wurde der erste, 7 PS starke "Albls Phönix leichter Motorwagen" mit zwei luftgekühlten, französischen Dion-Motoren fertiggestellt, schon davor erfolgte die Vorstellung eines "Phaeton" u.a. in Wien.

Auch persönlich war Benedict Albl offenbar schon ins Auto umgestiegen: In der Mitgliederliste des Steiermärkischen Automobilclubs scheint er 1900 an erster Stelle auf. An einem Unterhaltungsabend der Graziosa-Belegschaft trug ein Herr Prodinger demgemäß ein richtungsweisendes Radfahr-Couplet vor: „... Drum lob ich mir ein Chainless der Graziosa-Fabrik, das lauft fast von selber, bleibt niemals zurück; und wer dann am Zweirad nicht treten mehr will, der kauft sich beim Albl ein Automobil". Gegeben wurde auch ein Zweiakter von A. Müller: „Das kettenlose Fahrrad als Heirathsvermittler".

Bei der Entwicklung der Motorfahrzeuge war Sohn Josef beteiligt. Doch dieser starb früh 1903, ohne dass sich ein nennenswerter kommerzieller Erfolg eingestellt hätte. Wieder schien sich Benedict Albl übernommen zu haben bzw. von seinen Geldgebern im Lichte der Krise, in welche die Fahrradindustrie inzwischen geschlittert war, im Stich gelassen worden zu sein. Auch der Automobilbau dürfte eher gekostet als Einnahmen gebracht haben, wofür auch der Umstand spricht, dass Puch seinen 1900 begonnenen Automobilbau 1902 - vorübergehend - zugunsten des Motorrades wieder aufgelassen hat. Jedenfalls befand sich "Graziosa" Ende 1901 in Liquidation. Ein Inserat, in dem das Inventar zum Abverkauf angeboten wurde, zeugte vom endgültigen „Aus". 

Ende in ärmlichen Verhältnissen
Im Jahre 1903 übernahm die Universitäts-Buchdruckerei Styria die bestehenden Objekte und baute sie um. 1904 wurde hier die erste Ausgabe der "Kleinen Zeitung" gedruckt, nach der Übersiedelung der Druckerei 1992 verblieb die Redaktion bis 2014 an diesem Standort.

Benedict Albl fand mit seinem Betrieb noch kurzzeitig in der Werkstatt seines Sohnes Josef in der Zeilergasse 100 Unterschlupf. Der Exekutor war ihm aber wegen offener Sozialversicherungsabgaben bereits auf den Fersen. Dann tauchte er nochmals bei Carl Franz in der Wienerstraße auf, womöglich, um Restbestände seiner Produktion zu verkaufen.

1905 legte Benedict Albl das Gewerbe zurück. Seine Frau betrieb eine Studentenküche, er selbst arbeitete als Handelsreisender und starb 1918 in ärmlichen Verhältnissen.



Literatur und Quellen

Walter BRUNNER (Hg.), Geschichte der Stadt Graz, Bd. 4, Stadtlexikon, Graz 2003
Heimo HALBRAINER, Gerald LAMPRECHT, "So dass uns Kindern eine durchwegs christliche Umgebung geschaffen war." Die Heilandskirche Graz und ihre "Judenchristen" zwischen 1880 und 1955, Graz, 2010, 189-191 (Ernst Simson)
Gerhard MARAUSCHEK, Johann Puchs frühe Anfänge in Graz, in: Janez Puh clovek, ki je svet obrnil na glavo, Katalog, Pruj Zgodovinski arhiv Pruj 1999, 110-113 
Michael SCHACHERL, 30 Jahre steirische Arbeiterbewegung 1890 bis 1920, Graz
Walter ULREICH, Notizen zu Johann Puch, 2001 (unveröff.) 
Amtsblatt der Wiener Zeitung 24.01.1899, 248 (Patent Schaschl)
Alpenländische Sport-Zeitung (Bl. im "Grazer Tagblatt")  VI/35/1905
Allgemeine Automobil-Zeitung 1.4.1900
Allgemeine Sport-Zeitung 617 (Inserat "Meteor")
Broschüre E-Werk Gösting, Infos und Pläne Eberhard Franz
Compass, finanzielles Jahrbuch, Wien, 1920/21 (E. Simson)
Die Ostmark VI/24/30.8.1897; VIII/6/1899
Deutsch-österreichischer Radfahrer (Wien) VI/9/1894
Draisena 5/22/24.11.1899
Freie Stimmen Nr. 17 24.4.1891
Stadtarchiv Graz: Gewerbeakt Albl, 23.643/1891-2; Baupläne (Simson) 153797/08, Babenbergerstraße 116-120
Amtsblatt der Wiener Zeitung 24.01.1899, 248 (Patent Schaschl)
Grazer Geschäfts- und Adressenbuch 1898, 1899, 1900, 1920
Grazer Sport-Blatt 2/29.5.1899 (Pfingstrennen)
Grazer Volksblatt 4.12.1907, 5 (Brand Simson)
Handelsmarkenregister der Wirtschaftskammer Steiermark
Mittheilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes (MStRGV) 1.6.1888, 15.10.1893
Mittheilungen des "Oesterreichischen Automobil-Club", 11/1898, 9 (Chainless); 23/(1.12.)1899, 2ff (Graziosa-Automobile); 9/1906, 7 (Patentbericht)
Oesterreichisches Patentblatt. Hg. vom K. K. Patentamt, Wien
Oesterreichs Industrie in Wort und Bild nach dem Stande der Jubilaeums-Ausstellung 1898, Wien 1899
Radfahr-Chronik (mit Radfahr-Humor, München) VII/41/1893; VIII/11/1894; IX/21/1895; X/56/1896
Tagespost, Graz, 1.7.1898, 3.7.1898, 21.1.1902 
Rechnung "Benedikt Albl, Mechanische Werkstätte für Fahrräder", Lendplatz 14, an Herrn Mlekus, ausgestellt am 9.10.1888, gez. von B. Albl, vidiert von Joh. Puch (Sammlung Lampl)

WOLFGANG WEHAP