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Als Theodor Herzl auf seinem Opel durchs Ausseerland blitzte
Cylomanie im Fin de Siècle im Kreis des "Jung Wien"

„In der Kastanienallee, die Alpenheim mit der Privatvilla meines Onkels verband, übte sich eine herrliche Männergestalt im Radfahren. Zu dem tiefschwarzen Bart und den strahlenden dunkeln Augen hätte der Burnus besser als die Dreß gepasst. Theodor Herzl, der Schöpfer des Zionismus."  Was Helene Klepetar, Cousine von Adele Schreiber und Nichte des Betreibers der Kuranstalt Alpenheim in Aussee, Josef Schreiber, beobachtete und notierte, war im Salzkammergut und rund um den Semmering des Fin de Siercle nichts Außergewöhnliches: Dichter, Journalisten und Künstler, vornehmlich aus dem Wiener Kreis ("Jung Wien"), verbrachten hier nicht nur ihre Sommerfrische, sie übten sich auch in einem relativ jungen Sport, der zu dieser Zeit schwer angesagt war: dem Radfahren.

Theodor Herzl (1860-1904) war von Arthur Schnitzler (1862-1931) zum Radfahren animiert worden. Der Schriftsteller und Arzt war in dieser Hinsicht das "Zugpferd" für seine Wiener Literatenkollegen. Herzl und Schnitzler war auch die Liebe zum Ausserland gemeinsam: Während Schnitzler schon 1875 erstmals hier weilte, besuchte die Familie Herzl Aussee seit 1894 regelmäßig im Sommer.

In einem in der "Neuen Freien Presse" 1896 erschienenen Feuilleton widmete sich Herzl der veränderten gesellschaftlichen Akzeptanz des Radfahrens. Vor Kurzem noch "muntere Leibesübung junger Burschen oder lächerlicher Sportsnarren" sehe man heute "ehrenfeste unjunge Leute auf dem Zweirade durch die Gassen jagen, und sie machen dazu ernsthafte Mienen. Viele schämen sich freilich noch ertappt zu werden, weil sie sich einer Welt von Vorturteilen gegenüber befinden."  

Herzl räsoniert über die Auswirkungen des Fahrrad-Booms auf die Luxusindustrien - selbst Klavierfabrikanten beklagten sich bitterlich über halbierte Umsatzzahlen: "Man spielt also weniger Klavier, das ist ja gar nicht übel." Auch Buchverlage, Theater, Schneider, Schuster und Frisöre stöhnten, weil der Radfahrer weniger Zeit für die Muße hat, nicht mehr so viele Stiefel abnützt und angeblich weniger Sorgfalt auf Haar und Bart verwendet. Nicht betrübt brauche man über den Schaden für die Tabakmanufaktur zu sein. Den Ausfällen bei den Verkehrsunternehmen hält Herzl entgegen, dass sie seit der Eisenbahn verlassene Landstraße wieder zu Ehren komme: "Nun schwebt die leichte Bicyclette einher und führt ein neues Leben mit sich." 

Herzl, allgemein an Technik, Reisen und Bewegung interessiert, prognostiziert treffsicher eine Überproduktion teurer Fahrräder, der ein Preissturz folgen werde, der wiederum das Bicycle in die Massen bringen werde. Für die Fabriksarbeiter eröffne das Fahrrad die Möglichkeit, größere Distanzen zu überwinden und in billigeren und gesünderen Wohnverhältnissen außerhalb der Städte zu leben. Das Fahrrad sei jedenfalls ein nützliches, demnächst unentbehrliches Verkehrsinstrument, das gewaltig auf die Zustände der Menschen einwirken, das Aussehen der Städte und viele Bedingungen des Lebens verändern werde.
Th. Herzl, 1900
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Th. Herzl, 1900

"Es ist eine Poesie in der Hast"

"Es wird dem Einzelnen wieder zu seinem Recht verhelfen" - wie andere Zeitgenossen auch preist Herzl die Vorteile des neuen Individualverkehrsmittels gegenüber dem kollektivistischen Verkehr. Gezeichnet wird das moderne Bild des Schnelleren: "Die Fußgänger schleppen sich mit einer unveständlichen Langsamkeit und Trübsal dahin. Ein Tritt auf die Kurbel, und sie sind überholt, sie sind schon fern, schon klein. Es ist eine Poesie in der Hast." Ein Bild, das sich bald - aus Sicht der nun Motorisierten - gegen das Fahrrad wenden sollte. Doch noch waren waren die Perspektiven, die das Rad eröffente, verheißungsvoll, Standesunterschiede wurden aufghehoben, Einblicke in "dunkle, arme Gassen" und in Verhältnisse eröffnet, um die man sich sonst nicht kümmerte. "Da sieht man erst, was das ist: Ottakring, Gumpendorf, Margarethen! Was da alles vorgeht. Unsere Erfahrung wird bereichert und vertieft."    

Ähnlich wie die Erfindung der Daguerreotypie trage das Fahrrad dazu bei, dass die Welt lichter werde: "Nichts ist uns zu nah und nichts zu fern". Auch, wenn diese - wie auch andere - Neuerung nicht gleich jedermann einleuchte: "So wird uns dieses Fahrzeug zu einem sinnvollen Paradigma für das Schicksal der Ideen, für ihr Leiden und ihrenendlichen wunderbaren Sieg." 

"Alles kurier ich durchs Rad"

Arthur Schnitzler, der seine Radfahrbegeisterung immer wieder betonte ("Der Strohhalm, mit dem ich mich an die Lebensfreude klammere") und der daraus auch Inspiration für sein literarisches Schaffen schöpfte, versuchte schon 1893 Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) zu überzeugen ("Sie müssen Bicycle fahren lernen!") obwohl - oder weil - er selbst erst kurz radelte. Seinem Tagebuch ist am 13. Juni 1893 zu entnehmen: "Erste Bicycle-Lection". Sechs Wochen später:"Bicycle-Prüfung". 

Schnitzler wurde 1893 Mitglied der Radfahrer-Union "Vorwärts" und gab sich auch als der Bicycle Community zugehörig zu erkennen, indem er in seinem Tagebüchern wiederholt Fachtermini verwendete: "Bic.clubpartie" , "Bic. Klosterneuburg-Kierling-Wien. Mit Radfahrern soupiert" oder schlicht "Pneum. hin". Allein im hochaktiven Jahr 1898 finden sich 80 Vermerke das Radfahren betreffend. Adele Sandrock schenkte ihrem Geliebten übrigens eine "Bic-peitsche".

Wenngleich Schnitzler zahlreiche Radfahrten des Vergnügens wegen unternimmt, sind diese ihm zum einen Quelle der Inspiration, zum anderen aber auch schlichte Verkehrsangelegenheiten: "Auch heute bin ich wieder zu Bescuhs- und Besorgungszwecken herumgecyclet; das ist ja doch der eigentliche Sinn des Rades." 

Bei "Vorwärts" wurden später auch Hofmannsthal, Richard Beer-Hofmann (1866-1945) und Hermann Bahr Mitglieder. Schriftsteller Hermann Bahr (1863-1934), der ebenfalls zu den Ausseer Sommerfrischlern zählte und auf den der Funke der Radfahrbegeisterung voll übergesprungen war, berichtete seinem Vater über die wunderbare Wirkung des Radelns: "Fällt mir nichts ein, fahre ich Rad. Gift ich mich, fahre ich Rad. Hab ich Kopfweh, fahre ich Rad. Immer fahre ich Rad. Alles kurier ich durchs Rad. Es ist eine herrliche Erfindung und für die Gesundheit unbeschreiblich." 

Schnitzler unternahm Touren mit Hofmannsthal, Jakob Wassermann und die meisten mit Felix Salten. Nach einer Fahrt mit Salten von Salzburg nach München schwärmte er mit kulturkritischem Einschlag, ähnlich wie im Jahr darauf Herzl: "Das war sehr schön. Man hat schon ganz aufgehört, so mitten durch Dörfer und Flecken zu fahren, mitten durch das Leben und die Naivität des Ortes. Von Stationen aus, wo sie naturgemäß künstliches sammelt, sieht man das alles schief. Auch die Landstraßen werden wieder lebendig, wachen auf, und man gehört mit zu den Erweckenden. Auch Zufälle gibt es wieder, und, das beste, man hält den Zug an, wo es beliebt. Dagegen fällt das macherlei unangnehme, daß es regnen kann und daß man naß u. kotig wird u. stürzt, wenig ins Gewicht."  

Von Juli bis September 1898 absolvierte Schnitzler z. T. gemeinsam mit Hofmannsthal eine Radtour durch Österreich, die Schweiz und Oberitalien. Er war auch in der Steiermark unterwegs, wie sich aus seinen Tagebuchaufzeichnungen nachvollziehen lässt. So traf er beispielsweise am 7.7.1900 mit dem Fahrrad aus Admont kommend in Reichenau ein, wo er im Kurhaus abstieg.

Jacob Wassermann (1873-1934), ein erfolgreichern Romacier und Mitarbeiter des „Simplicissimus", kam durch Hugo von Hofmannsthal nach Altaussee, angeblich von München mit dem Fahrrad.  Arthur Schnitzler notierte in seinem Tagebuch: "Vormittags kommt Jacob Wassermann mit seinen Söhnen zu Rad". 1919 übersiedelte Wassermann übrigens für immer ins steirische Salzkammergut.

Ein weiterer aus dem Kreis war Felix Salten (1869-1945), wie Herzl gebürtig aus Budapest, nachmals Autor von "Bambi, ein Leben im Walde" (1923). Er schrieb Hofmannsthal von einer Tour:"Die Fahrt durch die Pracht des Ampezzo u Cadore Tales und der Aufenthalt hier haben gelehrt: Es genügt nicht, daß der Mensch den Tod Tizians schreibe, er muß auch Bicycle fahren können. Ersteres haben Sie getan, das Zweite bleibt Ihnen noch."  Hofmannsthal, der, 20-jährig erstmals in der Gegend und sich, indem er von "uns Altausseern" schrieb, quasi als Einheimischer fühlte, sattelte dann tatsächlich auf - und sollte dem Rad am längsten treu bleiben.

Im Mai 1897 gab sich Hofmannsthal in einem Brief an Schnitzler bereits geübt: "Das Radfahren macht mir große Freude: es ist wunderschön, ein bisserl ermüdet und erhitzt sich irgendwo still hinzusetzen und über die Sträucher, die Wiesen und die Hügel hinzuschauen, und abends ist es sogar wunderschön, in den Straßen der Vorstädte zu fahren. (...) Ich war erst in Weidling am Bach, und in Heiligenkreuz."  Im Sommer 1898 war er gemeinsam mit Schnitzler in der Schweiz unterwegs, im Jahre 1900 fuhr er durch Österreich und Norditalien.

Herzls Opel Blitz

Im August 1904 ist die Radlbegeisterung von Schnitzler merklich abgeflaut, wenn er in einem Brief an Hofmannstal von Ausflügen in der Umgebung von Wien notiert: "Rad  beinah gar nicht - die vielen mühelosen Dahinraser im Automobil verderben einem die naive Freude. Aber es wird schon wieder kommen, in fremderen Gegenden."  Es wurde für ihn Zeit, vom Drahtesel zu steigen. "Das Radfahren ist aber wohl auch ein ziemlich ausgeträumter Traum",  schieb der 1905, um fünf Jahre später als 48-Jähriger an Hofmannsthal von seinem personlichen "Fin de Cycle" zu berichten: "Vom Semmering habe ich eine Fußpartie gemacht, denken Sie, mein Rad habe ich - verschenkt".

Herzl indes wandte sich schon recht bald der nächsten technischen Neuerung zu, wie dies viele aus der Elite der frühen Radlerei taten. Drei Jahre nach seinem schwärmerischen Feuilleton über das Radfahren stellte er in einem Essay über das Automobil die rhetorische Frage: "Ist es nicht eigentümlich kühn und schön, die gebändigten Explosionen zum Vorwärtskommen zu benützen?"  1904 starb Herzl 44-jährig in Reichenau an der Rax.

Geblieben von dieser radbesessenen Zeit Theodor Herzls Opel Blitz, das er seinem letzten Ausseer Gastgeber, dem Schneiderwirt, hinterlassen hat. In den 1970er-Jahren wurde es auf dem Dachboden aufgestöbert und kam in den Besitz des Literaturmuseums Altaussee. Dort fristete es - weiter unter Ausschluss der Öffentlichkeit - an verschiedenen Orten sein Ausgedinge. 2008 kam es als Leihgabe an das Jüdische Museum Wien und wurde als eines der "Prunkstücke" ("Tagesanzeiger" vom 23.06.2009) der Ausstellung "Hast du meine Alpen gesehen?" über den Alpinismus aus jüdischer Sicht in den Jüdischen Museen Hohenems und Wien sowie im Alpinen Museum des Deutschen Alpenverein in München - noch bis 27.2.2011 - gezeigt.
Herzls Opel Victoria Blitz
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Herzls Opel Victoria Blitz
Präsentation im Jüdischen Museum
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Präsentation im Jüdischen Museum

Literatur und Quellen

KRIPPEL, Ursula: "Sag mir was du machst, und ich sag' dir wer du bist." (Peter Altenberg) Sport als Realität im Dichterkreis "Jung Wien". Diss. Univ. Wien 2003
BRAUNE, Asja: Konsequent den unbequemen Weg gegangen. Adele Schreiber (1872-1957) Politikerin, Frauenrechtlerin, Journalistin, Diss. an der Phil Fakultät III der Humboldt-Universität Berlin, 2003  
EBNER, Hanna, SCHÖNAUER, Magdalena: Theodor Herzl, Information http://www.literaturmuseum.at
HERZL, Theodor: Die treibende Kraft, hg. von Marcus G. Patka, im Auftrag des Jüdischen Museums Wien und der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Picus Wien 2004
HOFMANNSTHAL, Hugo von, SCHNITZLER, Arthur: Briefwechsel, Hg. v. Th. Nickl u. H. Schnitzler, S. Fischer, Frankurt/M. 1964
MILCHRAM, Gerhard: Das Fahrrad von Theodor Herzl, Manuskript
POLT-HEINZL: Arthur Schnitzler urlaubt in Reichenau und entdeckt Payerbach, in: "Wiener Zeitung" Nr. 089 vom 09.05.2003, 8
SCHENKEL, Elmar: Cyclomanie - Das Fahrrad und die Literatur, Eggingen 2008
SCHNITZLER, Arthur: Briefe 1875-1912, Hg. von Therese Nickl und Heinrich Schnitzler, S. Fischer, Frankfurt/M. 1981 
SCHNITZLER, Arthur: Tagebuch 1879-1931. Gesamtausgabe - Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien

WW

Letzte Änderung:
15.05.2010
Wolfgang Wehap
wolfgang.wehap@apa.at

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