Glacis-Zinzendf
 
Sie befinden sich:  » Graz Radln  |  » Aktuelles  |  » 2010

Rarer Bambus in neuem Glanz

In der ersten Blütezeit des Fahrrades wurde auch viel mit neuen Werkstoffen experimentiert. So auch mit Bambus. Ab 1896 wurden in Oberferlach von "Grundner & Lemisch" Fahrräder aus Bambus hergestellt, die über die Grenzen der Monarchie bekannt wurden. Eines der seltenen erhalten gebliebenen Exemplare wurde in Graz wiederentdeckt und von Oldtimer-Spezialist Egon Lampl restauriert.



Plakatentwurf
Plakatentwurf
Bildvergrößerung

Inserat 1897
Inserat 1897
Bildvergrößerung

Geschäft in Klagenfurt
Geschäft in Klagenfurt
Bildvergrößerung

Anno 1893 wurden bei der Londoner „Stanley Show" erstmals Fahrräder aus Bambusrohr ausgestellt, produziert von der „Bamboo Cycle Company" in London, 1895 sah man sie auf der 3. Dresdener Fahrrad-Ausstellung. Der Funke sprang auch auf Österreich über. 1898 wurde in Wien sogar ein Radverein namnes "Bambusradler" gegründet. Mit dem neuen Werkstoff experimentiert hat u.a. der Grazer Fahrradfabrikant Benedict Albl ("Graziosa"), ohne ihn dann wirklich in der Fertigung zu verwenden.

1896 erhielten Karl Bräuer (geb. in Atzgersdorf bei Wien) und der 1893 nach Klagenfurt gezogene Weststeirer Franz Grundner (geb. 1861 in St. Josef im Saggautal) das ausschließliche Privileg für den Bau von Fahrrädern aus Bambus- und Pfefferrohr. Noch im selben Jahr erwarb Otto Lemisch (geb. in St. Veit an der Glan), der schon ein Jahr zuvor mit Grundner in Oberferlach die Fahrraderzeugung "Grundner & Lemisch" gegründet hatte, die Anteile Bräuers. So nahm nun die „k. k. priv. Bambus-Fahrräder-Fabrik Grundner & Lemisch" den Betrieb auf - bis 1901 wurden von bis zu 62 (1898) Arbeitern Damen-, Herren- und Kindermodelle und sogar Tandems gefertigt.

Das aus Shanghai importierte Bambusrohr wurde gegen Hitze und Nässe widerstandsfähig gemacht, zugeschnitten und in die eingekitteten Verbindungsstücke aus Metall getrieben. Dass jemals Felgen aus biogenem Material - wenn, dann eher Pfefferrohr - hergestellt wurden, wird bezweifelt. Klar dokumentiert ist es jedenfalls nicht.

Die Oberferlacher Entwicklung erhielt zahlreiche Auszeichnungen und die Bambus-Räder aus Kärnten wurden über die Grenzen der Monarchie hinaus verkauft.

Wegen persönlicher Differenzen schied Grundner, der übrigens 1894 den Klagenfurter Radfahrverein "Vorwärts" gegründet hatte, bereits 1898 aus der Firma aus. Er blieb aber im Geschäft und fungierte als Alleinverkäufer für Styria-Räder in Klagenfurt an der alten Adresse Wienerstraße 10.

Lemisch verlegte die Bambusrad-Produktion 1902 nach Ebenthal, wo sie noch bis 1905 lief. Aus dieser kurzen Produktionszeit von zehn Jahren sind heute nur etwa ein Dutzend kompletter Räder in einigen europäischen Museen erhalten.

Briefkopf Grundner & Lemisch
Briefkopf Grundner & Lemisch
Bildvergrößerung





Fundstück vor Restaurierung
Fundstück vor Restaurierung
Bildvergrößerung

Detail Fundstück
Detail Fundstück
Bildvergrößerung

Ausschnitt
Ausschnitt
Bildvergrößerung

.
.
Bildvergrößerung

Bambusrad, restauriert
Bambusrad, restauriert
Bildvergrößerung

Wiederentdeckung des Grazer Bambusrades
Im Jahr 2000 wurde ein Bambusrad, das offensichtlich von Grundner & Lemisch stammte, in Graz entdeckt. Der Besitzer hatte es einige Jahre davor auf einem Flohmarkt gekauft und war eine Zeitlang sogar noch damit gefahren, bis es zunehmend instabil wurde. Bei der Auffindung - ein fahrradhistorisch interessiertes ARGUS-Mitglied hatte einen Tipp bekommen - waren sämtliche Bambusrohre gesprungen, Lenker, Sattel, Pedale und Räder waren nicht original, die Rahmenmuffen, das Kettenblatt, die Tretkurbeln und die Pedale waren bunt lackiert, die Bremse fehlte. Gegen eine Kiste Bier wechselte das Rad bzw. das, was davon übrig war, den Besitzer. 

Es stellte sich heraus, dass eine Restaurierung mit viel Aufwand, Können und Kosten verbunden sein würde. Aus diesem Grund reichte es der neue Besitzer nach einigen Jahren Zwischenlagerung 2009 an den Inhaber des Fahrradmuseums Neumühle in Werndorf, Egon Lampl, weiter, von dem er wusste, dass es somit in fachkundigen Händen war.

Lampl investierte rund ein Jahr Arbeit, in der Werkstatt, auf Ersatzteilsuche und Recherche, um aus dem Fahrrad-Fragment ein wieder grundsätzlich fahrbereites Fahrrad zu machen.

Die Arbeitsschritte im Detail: Einpassen von zwei neuen Bambusrohren (Ober- und  Unterrohr), die restlichen alten, gesprungenen Rohre wurden geleimt, danach alle Holzteile mit Beize lasiert; Anfertigen eines neuen Lenkers; Ablaugen aller Metallteile, neu vernickeln und patinieren (um die Gebrauchsspuren zu erhalten, wurde nichts abgeschliffen); Montage neuer Räder mit Weißwandreifen (Felgen in Holzoptik lasiert); Zerlegen der Kette und Zusammenbau mittels neu angefertigter Bolzen; Montieren von Pedalen, einer selbst angefertigten Klotzbremse, eines Assmann-Racer-Sattels mit Rosshaarpolsterung und eines originalen Steuerkopfschildes aus eigenem Museumsbestand.

Durch das Ablaugen wurde sichtbar, dass eine Tretkurbel verkürzt worden war - vermutlich hatte der Besitzer ein kürzeres Bein. Um den Originalzustand wieder möglichst nahe zu kommen, wurde also die Tretkurbel vorsichtig verlängert.

Das Ferlacher Bambusrad von „Grundner & Lemisch" ist ein Zeuge österreichischer Industrie- und Mobilitätsgeschichte und seit dem Frühjahr 2010 ein neuer Höhepunkt in Egon Lampls Fahrradmuseum in Werndorf. Zur offiziellen Erstpräsentation unternahm die ARGUS Steiermark eine Ausfahrt ins Museum Neumühle.



Lenker
Lenker
Bildvergrößerung

Gabel, Steuerkopf
Gabel, Steuerkopf
Bildvergrößerung



Literatur
Gerhard REIBLING (Hg.), Das Ferlacher Bambus-Fahrrad, Buch zur Sonderausstellung (26.4. - 26.10.1997) im Historama - Museum für Technik und Verkehr, Ferlach
Mittheilungen des "Oesterreichischen Touring-Club", Nr. 1/1898, 4

WALTER BRADLER/ WOLFGANG WEHAP