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Brescia und seine Seen

Ausgangspunkt der "RadKulTour 2010" von ARGUS Steiermark war Brescia. Die Stadt rangiert stets in der zweiten Reihe: Wirtschaftlich ist Brescia, nach dem übermächtigen Mailand, nur die zweitgrößte Stadt der Lombardei und die drittgrößte Industrieregion Italiens, touristisch steht sie im Schatten des wesentlich bekannteren Gardasees.

Von Brescia aus wurde sternförmig in fünf Touren die Umgebung erkundet, wobei der Aktionsradius mit Bahn und Boot erweitert wurde. Geradelt wurde überwiegend auf kleineren Straßen. Die AutofahrerInnen waren überwiegend recht vorsichtig, nur an den immer häufiger anzutreffenden Kreisverkehren wurde es für die vierzehn RadlerInnen manchmal etwas eng.



Blick Richtung Monte Isola
Blick Richtung Monte Isola
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Fähre Iseosee
Fähre Iseosee
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Iseosee und Monte Isola
Mit einem modernen Zug der privaten Bahngesellschaft "Le Nord" ging es nach Iseo. Diese Privatgesellschaft ging im Gegensatz zur Staatsbahn präzise auf die ARGUS-Wünsche ein und stellte die benötigte Transportinfrastruktur zur Verfügung. Von Iseo aus fuhr die Gruppe per Boot über den Iseosee zur Insel Monte Isola. Der Iseosee ist im Ausland kaum bekannt, so waren die wenige Touristen meist ItalienerInnen. Ein Teil der Gruppe begab sich nach einem kurzen Bad im sauberen See zur 6 km langen Inselumrundung per Rad auf die etwas hügelige Straße. Am höchsten Punkt hatte man einen sehr schönen Blick auf den See, die umliegenden Berge und die kleine Privatinsel Loretto. Es war auch sehr nett, durch die kleinen Orte mit ihren engen Gassen zu fahren. Die ganze Insel ist weitgehend autofrei, Privat-Pkw sind nicht erlaubt.

Mit der Fähre ging es dann nach Sulzano und von dort radelte die Gruppe nach Iseo zur Cascina Clarabella, einer landwirtschaftlichen Sozial-Kooperative, die Menschen mit psychischen Problemen beschäftigt und diese wieder in den Alltag eingliedert. Die Kooperative ist sehr vielseitig: Das Angebot reicht von einem Agriturismo (Übernachtungsbetrieb) mit schön renovierten modernen Appartements, über eine Gärtnerei, ein kleines Café, Oliven- und Weinanbau bis hin zu einer Möbel- und einer Fahrradwerkstatt. Der gesamte Betrieb wurde heuer auch preisgekrönt.

Im Naturreservat Torbiere del Sebino musste man kurioserweise an einer Art Parkscheinautomat „Eintritt" zahlen. Viele seltene Tiere und Pflanzen finden dort in den Wasser- und Waldflächen Schutz, die sich aus Torfgruben gebildet hatten. Einen sehr schönen Blick auf das Naturreservat hatte man von der im 11. Jh. gegründeten Cluniazenser-Abtei San Pietro in Lamosa. Im Inneren sind zahlreiche Fresken ab dem 12./13. Jh. zu bewundern. Zurück ging es durch die Weingärten der Franciacorta.


Am Oglio
Am Oglio
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Socino
Socino
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Regionalpark Oglio Nord
Ein Teil der Gruppe fuhr mit dem Zug nach Chiari, der sportlichere Teil der Gruppe reiste per Rad an. Über Rudiano ging es durch den Regionalpark Oglio Nord auf einer Radroute den Fluss Oglio entlang. Gegen Mittag erreichte die Gruppe Soncino. Die Burg wurde im 15. Jh. in nur zwei Jahren als ausgeklügelte Wehranlage errichtet. Die 30 dort stationierten Soldaten dürften aber ein recht geruhsames Leben geführt haben, da sie niemals angegriffen und all die Mechanismen nie gebraucht wurden. Dafür diente die Burg fünfmal als Filmkulisse. Nach einem Zwischenstopp in der Kirche Santa Maria Assunta aus dem 12. Jh. mit farbenfrohen Fresken aus dem 16. Jh. ging es ins Druckereimuseum.

Die jüdische Drucker-Dynastie Soncino, ursprünglich aus dem deutschen Speyer stammend, druckte hier zwischen 1482 und 1490 u.a. die erste komplette Bibel. Signor Franco führte den Druckprozess anhand der ersten Bibelseite vor. Weiter ging es dann per Rad den Oglio entlang bis zum Bahnhof Verlolanuova und mit dem Zug zurück.


Breno Stazione
Breno Stazione
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Römische Brücke
Römische Brücke
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Valcamonica: Breno - Iseo
Diesmal hängte "Le Nord" sogar einen eigenen Radwaggon für die Gruppe an den Zug. Damit ging es nach Breno. Von dort aus radelte die Gruppe dann das landschaftlich reizvolle Valcamonica entlang. Erste Station war das römische Minerva-Heiligtum. Dieses war auf einem hunderte von Jahren älteren Wasserheiligtum errichtet worden, das wahrscheinlich ebenfalls einer weiblichen Gottheit geweiht war. Die dort zu sehende Minerva ist eine Kopie des Originals im Museum von Cividate Camuno. In dem Ort erregte zunächst der in den steilen Felswänden angelegte terrassenartige Garten des Poeten Romano Felappi Aufsehen. Er kultiviert dort diverses Gemüse in Hochbeeten, alle anderen Fleckchen wurden mit Blumen bepflanzt.

Im Theater waren zur Römerzeit Aufführungen für die gebildeteren Bürger, im nebenan gelegenen Amphitheater die Spiele für das normale Volk veranstaltet worden. Auch Reste der Thermenanlagen für die Gladiatoren waren zu sehen. Das kleine archäologische Museum beherbergt römische Fundstücke aus dem gesamten Valcamonica. Das Tal ist seit Jahrtausenden, mindestens aber schon sein dem Neolithikum besiedelt. Es trägt seinen Namen aufgrund der Camunni, die sich dort in Form von Felsgraffiti nachhaltig verewigt haben. Heute sind die Gravuren Teil des UNESCO Weltkulturerbes. Eine Kostprobe davon war auf einem 1961 entdeckten großen Felsblock in Corni Freschi zu sehen, auf dem neun Helebarden eingeritzt sind. Die Pfahlbauten im Archeopark von Darfo Boario Terme geben einen Eindruck, wie die Camunni wahrscheinlich gelebt haben.

In Pisogne erreichte die Gruppe den Iseosee. Ein Felssturz hatte ein paar Wochen vorher den nagelneu errichteten Radweg unten am See zerstört und war gesperrt. So nahmen einige gleich den Zug zurück, der Rest der Gruppe radelte auf der Alternativstrecke wie ein Glühwürmchenschwarm durch teilweise unbeleuchtete Tunnels im tosenden Verkehr und erreichte nach einigen Kilometern wieder die Radroute entlang des Sees. Von Iseo aus fuhr wieder ein Zug mit eigens angehängtem Radwaggon zurück.


Brescia
Brescia
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Brescia und Kontrast Gardasee
An diesem Tag stand Brescia selbst im Vordergrund. Auf der Stadtrundfahrt ging es zur Loggia (Rathaus) an dem wahrscheinlich auch Palladio mitgearbeitet hatte und zum Uhrturm. Im romanischen alten Dom aus dem 11. Jh. sind an einigen Stellen sind noch Reste des Fußbodens der Vorgängerkirche aus dem 6. Jh. zu sehen. Der neue Dom aus dem 17. Jh. wurde aus Geldmangel nicht fertig gestellt. Seine erst 1825 vollendete Kuppel ist die dritthöchste Italiens. In der Kirche San Francesco beeindruckte besonders der gut erhaltene Kreuzgang von 1394. Nach einem kurzen Halt am Kapitolstempel und dem Theater aus der Römerzeit ging es hinauf zum Castello, wo man einen herrlichen Blick auf die Stadt hatte.

Dann radelte die Gruppe ins Weinland der Franciacorta, das vor allem für seinen Schaumwein bekannt ist. In Rodengo Saiano stand im Weingut Mirabella, wo die Weinernte in vollem Gange war, die Verkostung von Brut, Rosé und Satèn auf dem Programm. Beschwingt ging es auf Stephans Schleichweg zurück zum Hotel. Als Kontrastprogramm zum ruhigen Iseosee ging es an diesem Tag auf einer beschilderten Radroute Richtung Gardasee. Bei Tormini fuhr die Gruppe ein Stück entlang einer bereits 1966 aufgelassenen Bahnstrecke. Über eine steile, teilweise steinige Abfahrt ging es hinunter in die hübsche Stadt Salò am Ufer des Gardasees. Zwischen 1943 und 1945 war sie kurzzeitig Hauptstadt der international nicht anerkannten faschistischen Italienischen Sozialrepublik gewesen.

Mit einer großen Fähre fuhr die Gruppe zur Halbinsel Sirmione, das 4 km lang wie ein "i" mit Tüpfelchen in den Gardasee hineinragt. Sirmione ist Inbegriff des Massentourismus am Gardasee und es war aufgrund der Menschenmassen kaum möglich, durch die verwinkelte Altstadt zu schieben. Die Fahrräder wurden also am Strand geparkt und der kulturell interessiertere Teil der Gruppe ging hinauf zur Ausgrabungen einer riesigen römischen Villenanlage Le grotte di Catullo inmitten eines Olivenhains am äußersten Ende der Halbinsel.

Ob die Villa einer reichen Familie gehörte oder ein öffentliches Gebäude darstellte, ist nicht bekannt. Fest steht, dass die Bewohner den schönsten Platz der Halbinsel bebaut hatten, denn von dort hat man einen wunderbaren Blick auf den größten See Italiens. Nach einem Blitzbad ging es dann per Rad weiter nach Peschiera zum Bahnhof und im Zug zurück.

Heidi SCHMITT und Stephan LANDGRAF (August 2010)