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Schneeradeln - zwischen riskant und konsequent

Rund 30 Zentimeter Neuschnee Anfang Dezember, das hatte es in Graz schon lange nicht mehr gegeben. Trotz erst jüngst bekundeter Räum-Priorität für Radwege war das Radverkehrsnetz am 02./03.12. nur mit ziemlichen Einschränkungen benutzbar. Wieder einmal wurde die Frage aufgeworfen, ob Radeln unter diesen Bedingungen nicht zu gefährlich ist.

"Ein paar Hartgesottene wollten auch an einem solchen Tag nicht auf das Fahrrad verzichten", berichtete die APA - Austria Presseagentur aus Graz und zitiert einen Biker, der aus der Vorstadt zum Jakominiplatz angestrampelt gekommen war: "Es war heute eher mühsam".

Weiter hieß es: "Auch Radfahrer ließen sich nicht von der Witterung abschrecken, wenngleich auch wohl nur mehr die Hardcore-Biker unterwegs waren. Diese waren allerdings in ihrer Aufmerksamkeit gefordert, nicht etwa in im Schnee verborgene Straßenbahnschienen zu geraten." 


Am Murradweg
Am Murradweg
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Mitunter knappe Begegnungsräume
Mitunter knappe Begegnungsräume
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Immer im Einsatz
Immer im Einsatz
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Umsteige-Optionen wenig attraktiv
Ohne Zweifel und subjektiv gesprochen: Kaum einE RadlerIn spielt bei dem Wetter nicht mit Umsteigegedanken... Aber die Alternativen sind halt auch nicht wirklich attraktiv. Umsteigen auf die Öffis? Obwohl mitunter schlingernd und in 25 statt in 15 Minuten in die Arbeit war ich am 03.12. der erste im Büro, die Bahn/Straßenbahn-Nutzer hatten von der Peripherie ins Zentrum bis zu einer Stunde Verspätung. Gehen? Da muss der vergleichsweise Zeitgewinn wohl noch kleiner werden, und wenn ich die armen, in Matsch und auf Eis dahinzitternden SeniorInnen anschaue, bin ich vom Sicherheitsplus auch nicht ganz überzeugt. Ins Auto? Auch da hörte ich gewaltige Stau- und Verspätungsreports, nur dass man halt gut geheizt und vermeintlich doch sicherer im Stop-and-go-Verkehr vor sich hinschimpfen kann. 

Wie das Amen im Gebet taucht zu solchen Anlässen und bei diesen Bedingungen die Frage nach der Verantwortlichkeit auf. Bald sind da sonst propagierte Bekenntnisse zur Gleichberechtigung der Verkehrsmittel und zur Radverkehrsförderung über Bord geworfen. Im ORF "Steiemark heute" (02.12.) wartete Dieter Krainz mit der Aussage auf: "Es ist das Fahrrad eigentlich nicht geeignet für solche Bedingungen".

Ausgewogener nahm sich die
"Kleine Zeitung" des Themas an. Man holte verschiedene Meinungen ein, deren unterschiedliche Tendenz nicht überraschte: "Bei solchen Verhältnissen auf das Rad zu verzichten und mit den Öffis zu fahren - aus Selbstschutz", riet der Autofahrerclub ÖAMTC. Von der Polizei wurde klargestellt, dass es gesetzlich keine witterungsbedingten Einschränkungen für Radfahrer gebe. Allgemein verlange eine Schneefahrbahn halt das Einhalten größerer Abstände. Ebenfalls zitiert wurde Heidi Schmitt von der Radlobby ARGUS, die den Spieß umdrehte: "Wenn Autofahrer zu Hause bleiben und auf die Öffis umsteigen würden, hätten Radfahrer überhaupt kein Problem auf den Straßen."

Mehr dem Mainstream entsprechend die Antworten von Vizebürgermeisterin Lisa Rücker (Grüne) und Landesrätin Kristina Edlinger-Ploder (ÖVP): Letztere verzichtet im Winter überhaupt auf das Rad und auch Rücker ist das Radeln "derzeit zu gefährlich" - sie gehe zu Fuß und fahre erst wieder, wenn alles geräumt sei. (Was hoffentlich bald der Fall ist, Anm.)

Apropos Schneeräumung: War bei den ersten, kleineren Schneefällen tatsächlich festzustellen, dass die Hauptradrouten schnell geräumt wurden, war davon dann beim großen Batzen wenig zu merken. Wie üblich zeigte sich wieder das Problem der als Schneedepot genutzten Radstreifen gegen die Einbahn. Eine Schneefräse, wie schon oft gefordert, könnte hier Abhilfe schaffen. 



Radeln am Gehsteig, weil ...
Radeln am Gehsteig, weil ...
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... Radfahrstreifen nicht benutzbar
... Radfahrstreifen nicht benutzbar
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Radweg nicht geräumt, Radler auf der Fahrbahn
Radweg nicht geräumt, Radler auf der Fahrbahn
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Problemzone Radfahrstreifen
Problemzone Radfahrstreifen
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Drahtesel in den Stall verbannen?
Zum Kern der Schneeradeln-Debatte: RadlerInnen jetzt vom Verkehr ausschließen zu wollen, entspricht halt dem hegemonalen Wunschdenken mancher AutofahrerInnen oder aber einem eigentümlichen Sicherheitsverständnis nach dem Motto: Wenn die potenziellen Opfer nicht Warnwesten anziehen, den - schlecht gewarteten - Radweg benutzen oder bei Schlechtwetter nicht überhaupt auf ihr Gefährt verzichten, dann sind sie selber Schuld, wenn sie unter die Räder kommen. Und selbst ansonsten prounouncierte Radler wie "Kleine"-Redakteur Hans Andrej stellte in einem Kommentar die Frage, "ob Radfahren auf Schnee und Eis nicht mehr als fahrlässig ist". Dazu nachträgliche Anm. H.M.: "Ich gebe Herrn Andrej wortauslegerisch recht: Auf Schnee fährt sichs lässig, radfahren ist also fahr-lässig."

Sachlich sind die Verbannungswünsche unter schwierigen Wetter- bzw. Fahrbahnbedingungen, noch knapperen Platzressourcen und noch anspruchsvollerem Rücksichtslevel für alle nicht wirklich zu rechtfertigen: Generell sind die Unfallszahlen eher rückläufig, vor allem die Unfallschwere geht zurück, weil alle VerkehrsteilnehmerInnen logischerweise vorsichtiger und langsamer unterwegs sind. So sprach man beim Unfallkommando der Grazer Polizei von einer "ruhigen Zeit": Am 02. und 03.12. wurde nur ein Verletzungsunfall registriert, sonst sind es im Schnitt vier pro Tag. (Dazu ist zu ergänzen, dass die Polizei selbst das auch damit begründet, dass zu dieser Zeit "die Zweiradler zu 99 Prozent wegfallen", zudem werden nur Unfälle im Verkehr und nicht z.B. Sturzverletzungen von FußgängerInnen auf Gehsteigen aufgenommen, Anm.) Ein Ausfall von 99 Prozent ist bestimmt zu hoch gegriffen, vielleicht ist es ein Wunschdenken - zu beobachten war aktuell eine doch beträchtliche Zahl an SchneeradlerInnen, die aber sicher nicht mehr als ein Viertel oder 20 Prozent einer normalen Werktagsfrequenz ausmachten. 

Wie man es dreht und wendet: Gute Ausrüstung und entsprechende Fahrweise vorausgesetzt, lässt es sich wohl rechtfertigen, wenn man auch bei derartigen Wettersituationen mit dem Rad unterwegs ist und, umgekehrt, ist es auch gut verständlich, wenn der eine/ die andere RadlerIn ein paar Tage pausiert, bis die Radwege wieder einigermaßen geräumt und die Fahrbahnverhälnisse mehr dem entsprechen, was man subjektiv unter sicher versteht und sich selbst zumuten will.

P.S.: War es Tauwetter oder das reichlich eingesetzte Salz - jedenfalls hatten sich bereits am folgenden Samstag (04.12.) die Fahrbahnverhältnisse wieder weitgehend normalisiert. Am Dienstag (07.12.) verzeichneten die Messtellen auf der Keplerbrücke und im Stadtpark schon wieder mehr als 1.500 RadlerInnen/ Tag.

(ARGUS)