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Als die "VeloRution" Graz erfasste

Ende der 1970er-Jahre wurde Graz von der "VeloRution" erfasst: 2000 RadlerInnen demonstrierten am Hauptplatz, im Stadtpark wurde ein erster Radweg in Eigenregie markiert. Eine Zentrale Rolle spielte die 1981 geründete Arbeitsgemeinschaft Alternative Verkehrspolitik Graz (AVG).  

Unmittelbar nach der knappen Volksentscheidung gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf rottete sich im November auf Einladung der Erklärung von Graz (EvG) erstmals die österreichische Alternativszene zusammen. Beim Folgetreffen im Jänner 1979 in Salzburg formierte sich der "Arbeitskreis Verkehrspolitik", dessen Grazer Ableger die "Arbeitsgemeinschaft Alternative Verkehrspolitik Graz (AVG)" wurde. Die erste Feuertaufe hatte die AVG schon am 9. Juni, als man in Graz eine Fahrraddemo mit rund 2.000 RadlerInnen organisierte - das Pendant in Wien brachte übrigens die ebenfalls frisch gegründete "Arbeitsgemeinschaft Umweltfreundlicher Stadtverkehr (ARGUS)" in die Gänge, österreichweit spielte die ÖH eine tragende Rolle. In Graz mit im Boot war von den Kommunisten und den "Krisos" bis hin zur Katholischen Studierenden Jugend so ziemlich alles, was sich unter den etablierten Organisationen fortschrittlich nannte. 

Obwohl breiter angelegt, also nicht nur als Interessensvertretung der RadlerInnen, sondern auch der FußgängerInnen und ÖV-BenutzerInnen, war die grundsätzliche Zielsetzung damals wie heute im Kern die gleiche: Förderung des nicht motorisierten Verkehrs, Restriktionen beim Kfz-Verkehr, gefordert wurde eine "prinzipielle Verkehrsberuhigung". Vom Ansatz des Bürgerprotests mit verkehrspolitischem Hintergrund her reichen die Wurzeln übrigens noch weiter zurück bis ins Jahr 1970, als sich im Westen ein "Schutzverband" gegen die geplante Trasse der Pyhrnautobahn durch Graz gegründet hatte, oder gar bis Ende der 1960er Jahre, als Studierende gegen Tariferhöhungen bei den Grazer Verkehrsbetrieben auf die Straße gingen.     

Ankündigung Demo 1979
Ankündigung Demo 1979
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Jugendliches Publikum
Jugendliches Publikum
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Sammeln vor dem Rathaus
Sammeln vor dem Rathaus
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"...noch strampeln wir!"
"...noch strampeln wir!"
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Soundmobil anno 1979
Soundmobil anno 1979
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Finale im Stadtpark
Finale im Stadtpark
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Radweg W.-Fischer-Allee, spontimade
Radweg W.-Fischer-Allee, spontimade
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Demo der 2.000 vor dem "Radhaus"
Bei der Grazer Großdemo vom 9. Juni 1979 - Parallelveranstaltungen gab es in Linz, Salzburg und Wien - fungierte das Fahrrad als Metapher für eine andere Energie- und Verkehrspolitik, wie es einer der "Rädelsführer", der nachmalige ALG-Gemeinderat und Raumplaner
Günther Tischler formuliert. Angelegt als Sternfahrt und mit guter medialer Begleitung schon im Vorfeld strömten aus allen Stadtteilen RadlerInnen aller Altersgruppen und aus allen sozialen Schichten am Eisernen Tor zusammen und zogen gemeinsam durch die Herrengasse - hier wurden die Räder zeitweise in die Höhe gestemmt, um dagegen zu demonstrieren, dass hier nicht einmal das Schieben von Fahrrädern erlaubt war. "Vereinzelte Meldungen über diverse Reifen-`Patschen´ gingen hier vollends in der Euphorie über die große Teilnehmerschar unter", berichtete die "Südost-Tagespost".

Am Hauptplatz fand eine Kundgebung statt, eine Resolution wurde verlesen. "Wir wollen nicht unter die Räder kommen: noch strampeln wir!", "Wir haben nichts zu verlieren, außer unseren Ketten" oder "Macht Platz, Fahrrad kommt" lauteten die Slogans, wobei es nicht nur um die Anliegen der RadlerInnen, sondern um eine neue Verkehrspolitik ingesamt ging. Einer der Hauptakteure, Peter Pritz von der EvG - später ein Mitbegründer der Alternativen Listen Graz und Österreich und 1983 mit 38 Jahren früh gestorben - erklomm den Rathausbalkon, hängte sein Fahrrad an Seilen hinaus und benannte das Rathaus in "Radhaus" um, wie ein Transparent signalisierte.

Weitere Demo-Fotos

Eigentlich waren zu dieser Zeit die Weichen von Planungsstadtrat Erich Edegger schon gestellt worden: Sein Verkehrskonzept, das in das Stadtentwicklungskonzept (STEK) 1980 mündete, ging aber zu langsam in Realisierung, andere Mitglieder der Stadtregierung - auch seiner eigenen ÖVP - agierten als Bremser und die "Radiatoren" verloren die Geduld. Tatsächlich ließ Edegger auch gegenüber den Medien durchblicken, dass er durch die Demo seine politischen Zielsetzungen unterstützt sehe, die Aktionen der AVG also durchaus in sein Kalkül passten.

Im Anschluss an die Kundgebung zog der Troß durch die Sporgasse in den Stadtpark, wo der auf einem Hochrad mitfahrende Grazer Dorotheum-Direktor Otto Hans Ressler (heute Chef des Auktionshauses im Wiener Palais Kinsky) eine Auktion von 50 Gebrauchträdern leitete. Zwischen 50 und 270 Schilling erbrachten die alten Drahtesel, daneben wurden noch außergewöhnliche Fahrräder prämiert. Im Pavillon neben dem Künstlerhaus spielte der Provo-Rocker Simon Pichler."Das war damals auch pionierhaft für das Bespielen des öffentlichen Raumes - es war ein richtiges Fest", erinnert sich Günther Tischler.

Illegale Markieraktion - Mythen um Schablone

Sponti-Pinsler zum 10-Jahre-Jubiläum
Sponti-Pinsler zum 10-Jahre-Jubiläum
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Pickerl-Tableau der AVG
Pickerl-Tableau der AVG
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An das Anti-Atomkraft-Emblem angelehnt
An das Anti-Atomkraft-Emblem angelehnt
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"Macht Platz..."
"Macht Platz..."
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Pickerl, entworfen von Walter Titz
Pickerl, entworfen von Walter Titz
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Plakat AVG
Plakat AVG
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In einer Pressekonferenz Anfang August legte die AVG beim Vorschlag nach, Einbahnstraßen für Radler zu öffnen: Gefordert wurde diese Sonderregelung in Nebenstraßen wie Schmiedgasse, Kalchberg- und Kaiserfeldgasse oder Klosterwiesgasse, insgesamt 13 Einbahnstraßen an der Zahl. (Heute gibt es rund 60 geöffnete Einbahnen, die Schmiedgasse ist für RadlerInnen offene FUZO, Anm.)

Doch wieder waren Monate vergangen, ohne dass die Stadt Taten hätte folgen lassen. Da griffen die Aktivbürger zur Selbsthilfe. "Manchem Sportsfreund dürfte heute früh in der Wilhelm-Fischer-Allee der Mund vor Staunen offen geblieben sein", berichtete die NZ über den in einer "nächtlichen Malaktion" improvisierten Radweg: Der südseitige Gehsteig war in der Mitte mit einer weißen Trennlinie versehen worden, Radsymbole und Kartonschilder gaben Orientierungshilfe und Anrampungen aus Bitukies ermöglichten den RadlerInnen die barrierefreie Nutzung der "ersten Teilstrecke des Grazer Radwegenetzs (lt. Konzept)".

Dabei passierte den Aktivisten um Günther Tischler eine Kommunikationspanne: Um für die am folgenden Tag angebraumte 2. Sternfahrt zu werben, in deren Rahmen auch die "erste Teilstrecke" eröffnet werden sollte, informierten sie die Medien schon vorab - und riefen mit der verfrühten Veröffentlichung prompt die Polizei auf den Plan. 

Bei der Aufnahme der Personalia waren die Uniformierten dann einigermaßen verwundert, fast durchwegs Diplomingenieure als Tatverdächtige der Sachbeschädigung vor sich zu haben: Neben Tischler waren dies Gottfried Weißmann, Norbert Kotzurek und Franz Holzer, allesamt junge akademische Mitarbeiter an der TU oder am Institut für Umweltforschung (IfU - später Joanneum Research). Komplettiert wurde die Pinslertruppe von Peter Hagenauer, damals auch beim IfU und Urgestein der Grünen, und vom Grafiker Walter Lendl. Außerdem zählen noch die beiden Gustls, Gustl Gogg und der Ziviltechniker Externe Verknüpfung 
Gustav Kolbe zur Kerntruppe der AVG ab, die im Jänner 1981 die Rechtsform eines Vereins erhielt. 

Wie die Geschichte der illegalen Malaktion ausgegangen ist, dürfte bekannt sein: Edegger sorgte dafür, dass die Aktivisten ungeschoren davonkamen, im Gegenzug stellten diese ihm - ohnedies gerne - die aus einem Wachmaschinenkarton gebastelte Radschablone zur Verfügung, um für die künftigen - offiziellen - Markierungen eine Vorlage zu haben. 

Exkurs: Über den Verbleib der Orginalschablone gab es Spekulationen, die aber über die Analyse des legendären "Club 2" vom 14.8.1984 zumindest teilweise klären ließen: Am Schluss der Sendung vermachte Club-Gast Günther Tischler den symbolträchtigen farbbeklecksten Karton der Stadt Wien und den Wiener RadlerInnen, damit sie sich von Graz was abpausen könnten. Eine Rolle kam der Schablone, mit deren Hilfe die ersten Radlogos auf den Asphalt gebracht wurden, übrigens bei der Ausstellung Externe Verknüpfung "Grazgeflüster" zu, die 2011 im Grazer Externe Verknüpfung Stadtmuseum zu sehen war.      

Mit behördlichem Segen in Betrieb ging der Radweg in Wilhelm-Fischer-Allee im Herbst 1980, ziemlich zeitgleich mit dem ersten Abschnitt des Andritzer Radwegs. 1981 folgten weitere Etappen wie Ring- und Kai-Radweg, Augartenbrücke, die Öffnung der Achse Hans-Sachs-Gasse - Stubenberggasse sowie die der ersten Einbahn in der Zinzendorfgasse. Gerade bei der Öffnung der Einbahnen wagte sich Edegger weit auf rechtlich unsicheres Terrain vor: Mit einer "unechten Einbahn", d.h. der Beschilderung "Einfahrt verboten" mit dem Zusatz "Ausgenommen Radfahrer" umging er die bestehende StVO-Regelung, die erst 1983 entsprechend novelliert werden sollte.

1982 fand eine weitere Sternfahrt statt, die inhaltich auf den Ausbau des Öffentlichen Verkehrs fokussiert war, aber unter geringerer Beteiligung abging - das bunte Sammelbecken an Spontis und Protestlern hatte eine parteipolitische Klärung erfahren, der etablierte Teil war nicht mehr dabei bzw. an die Kandare genommen worden. 

Literatur/ Quellen
Gerfried SPERL, Seit die Steirer zu alternativen Pionieren geworden sind, in: Andreas Unterberger (Hg.): A...wie alternativ, Wien - München 1981, 49-55
Wolfgang WEHAP, frisch, radln, steirisch, Graz 2005
Südost-Tagespost, Kleine Zeitung, Neue Zeit vom 10.6.1979
Südost-Tagespost 3.8.1979
Neue Zeit 14.6.1980
Stellungnahme zum Fuß- und Radwegenetz-Graz, AVG, Nov. 1979
1. Grazer "Frei-Lauf-Manifest", zusammengestellt von der AVG, Mai 1981
Einladung zur 1. "ordentlichen" Generalversammlung der AVG am 17.5.1982

Spezieller Dank gebührt Günther Tischler für seine bereitwillige Unterstützung mit Material und Infos sowie ihm und Peter Hagenauer für weiterhin gute Beiträge im Sinne einer modernen Radverkehrspolitik und sanfter Mobilität.
 

(ARGUS/ WW)