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Am Anfang war das Fahrrad
"Der Standard" vom 10.11.2007, Seite K14

Vor 20 Jahren startete Paul Brandstätter mit Veloce den ersten Fahrradbotendienst Österreichs. Heute ist die Unternehmensgruppe weltweit tätig.

"1986 waren Menschen, die in der Stadt Rad fuhren, absolute Exoten", erinnert sich Paul Brandstätter, Erfinder und Chef des Fahrradbotendienstes Veloce. Damals war der gebürtige Salzburger, dessen Kindheit bereits eng mit dem Fahrrad verknüpft war, 21 Jahre alt, er hatte Gymnasium und Zivildienst hinter sich, war eben nach Wien gezogen und wurde Vater. Um seine werdende Familie zu versorgen, nahm er zunächst einen Job als Lkw-Fahrer an, privat bewegte er sich aber so fort wie immer: mit dem Fahrrad.

In der allgemeinen Öko-Aufbruchstimmung der 80er formierten sich Arbeitsgemeinschaften und Vereine, die öffentlich "pro Fahrrad" agierten und für Radwege kämpften. Das entsprach Brandstätter, hier fand er geistige Mitstreiter, aber - "weil zu gremial" - keine wirkliche Heimat. "Das war nicht meine Welt", erzählt der Radkurier-Gründer - seine Gedanken kreisten vielmehr um die effiziente, rasch umsetzbare Idee eines ökologisch korrekten, aber wettbewerbsfähigen Botendienstgeschäftsmodells, wie es etwa schon in New York erfolgreich bestand. Indirekt bekam er auch von dort Starthilfe: Er lernte Helmut Slachta, Architekt und bereits 20 Jahre zuvor in New York als Fahrradbote unterwegs gewesen, kennen. Slachta brachte Erfahrung und Kampfgeist mit und adaptierte ein Souterrainlokal am Mittersteig zu einem brauchbaren Erstbüro. Zwei weitere Freunde stiegen mit ein. Der Grundstock für "Veloce" war gelegt. "1987 gab es noch keine Mobiltelefone, Funkanlagen waren astronomisch teuer, aber Wien hatte ein enges Netz von Telefonzellen", erinnert sich Brandstätter weiter der Anfänge: "Jeder von uns machte alles, wir fuhren selbst und machten abwechselnd Bürodienst." Doch kein Mensch nahm die "vier am Rad" ernst, "nicht einmal die Grünen oder Greenpeace - und ich wusste, dass die alles mit Autos durch die Stadt schicken. Das war echt hart für mich", so der Radboten-Pionier. Motorisierte Branchenkollegen sagten Veloce spätestens mit dem ersten Winter das Aus voraus. Mitnichten. Der "Katastrophenwinter 87/88" kam, er ging, und die Fahrradboten waren immer noch da. Spätestens da wussten die vier, dass ihr Konzept richtig war. So richtig nämlich, dass die Kammer nach monatelangem Hin und Her sogar amtlich ein neues Gewerbe schaffen musste.

Grenzen überschreiten

Der Betrieb florierte fortan unaufhaltsam: 1993 war Veloce bereits der auftragsstärkste Botendienst Österreichs. Mit dem EU-Beitritt überschritt Paul Brandstätter auch selbst bisher strikte Grenzen: Er ließ Autos als Boten zu und gründete mit "GO! Express & Logistics" ein mittlerweile weltweit tätiges Transportlogistikunternehmen. 2007 verzeichnet die Veloce-Gruppe elf Millionen Euro Umsatz.

Doch die gelben Rucksäcke und die Radkuriere - bisher waren über 4000 Fahrradboten für Veloce unterwegs - sind aus dem Stadtbild weiterhin nicht wegzudenken, sie sind bereits "Kult". Ihre Leistung in Zahlen: 5,421.946 Zustellungen durch 37,012.341 gefahrene Radkilometer oder 3,752.112 nicht verbrannte Liter Benzin bzw. Diesel und somit 11.200 Tonnen nicht emittiertes CO 2 . (pab)

Thomas Rottenberg und Lena Gansterer: "Jung, wild, schön, schnell - 20 Jahre Fahrradboten in Wien", echomedia Verlag