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Neues aus dem Raduniversum des Architekten

Das 2007 vorgelegte "Smart Move" war ein Augenschmaus. Jetzt gibt es Embacher reloaded: "Cyclopedia" ist die auf 100 ausgesuchte Fahrräder erweiterte querformatige Präsentation seiner Sammlung, die nun auf international getrimmt ist.   


Michael Embacher
Michael Embacher
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Cover Cyclopedia
Cover Cyclopedia

Eigentlich war er ja schon beim selbst verlegten "Smart Move" der Meinung, dass seine Sammlung auf dem Dachboden über seinem Wiener Architekturbüro fertig ist. Doch vom Buch angestoßene Neuzugänge belehrten ihn eines Besseren: "Es scheint, dass schöne Fahrräder nur an gute Plätze gegeben werden. Die spannenderen Stücke sind erst jetzt dazugekommen."

So sind in "Cyclopedia" 100 muskelkraftbetriebene Vehikel versammelt, die einen Querschnitt verschiedenster Typen - 99 ein- und zweisitzige Zweiräder und ein Tricycle - aus neun Jahrzehnten zeigen. Selbst Eingeweihte staunen, was da neben dem klassischen Rahmenbau und dem erprobten Kettenantrieb mit Schaltung noch so alles blüht. Die Exponate sind aus den großen Ländern der Radindustrie, fünf kommen aus Österreich (Dusika, Capo Elite Eisrad, 2WD Dual Power, zwei Puch "Vent Noir").

Für Embacher ist das Fahrrad ein "auf vielen Ebenen sehr sinnliches Produkt", er liebt das Radfahren und die Optik. Neben seinem kontrollierten Zugang zur Sammelleidenschaft macht ihn auch sein Credo, dass ein Fahrrad, auch ein altes, bewegt werden muss, zu einem atyptischen Sammler: "Jedes einzelne habe ich getestet, sei es bei einer kleinen Probefahrt auf dem Dachboden oder bei größeren Ausfahrten in meinem Baustellenalltag als Architekt. Die Möglichkeit, die teilweise skurillen Geräte benutzen zu können und in ihrer Unterschiedlichkeit als lustvollen Teil der Alltagskultur zu erleben, bedeutet für mich großen Luxus."

Wie schon beim Erstling ist der Zugang primär ein ästhetischer und sekundär technischer, Objekt- und Kulturgeschichte spielen keine Rolle. Dadurch, dass nun auf Rahmentexte mit Ausnahme des kurzen historischen Abrisses von Martin Strubreiter und Michael Zappe überhaupt verzichtet, ist diese Rigidität noch greifbarer. Embacher verabsäumt es leider, diese Intension im Buch zu begründen, ebenso wenig wie die kurzfristige Abfolge zu "Smart Move", in dem immerhin schon knapp die Hälfte der Modelle vorgestellt wurde. 

Ziel war es offensichtlich, das schöne Nischenprodukt zu einem schönen internationalen Nischenprodukt zu machen. Über Thames & Hudson (London) und DuMont (Köln) gelang es, den 3.000 (angeblich vergriffenen) Exemplaren von "Smart Move" 35.000 mal "Cyclopedia" (Startauflage) in mehreren Sprachen draufzusetzen. Aus Konsumentensicht wirkt sich das - und dass in China produziert wurde -  mit einem erheblich günstigeren Kaufpreis (ca. € 30.- statt ca. € 50.- Euro) aus.


Smart Move
Smart Move
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Faszinierende Einfachheit
Verglichen mit dem Vorgänger von 2007 ist es gelungen, einige Forschungslücken zu schließen: So lief der am Cover abgebildete weiße Konzept-Bahnrenner als anonymes "Time Trial Bicycle", jetzt wurde er als "Bianci C-4" identifiziert. Inzwischen weiß Embacher auch, dass das wie aus Matador-Elementen konstruierte Faltrad "Inconnu" zusammengelegt einen Anhänger für ein Faltboot ergibt. Aber diese Erkenntnis wird erst in Opus No. 3 einfließen, so es eines gibt.

"Die Faszination liegt in der Einfachheit der Idee - die Übersetzung menschlicher Energie in ein Maximum an Mobilität - und in der Umsetzung dieser Idee in dreidimensionales Design", beschreibt Embacher seine Begeisterung für das Fahrrad in der Einleitung. Verbündete gegen die Unterschätzung dieses an sich bescheidenen Produkts zu finden, ist seine Mission, die er auch und gerade mit "Cyclopedia" zu verfolgen scheint. Wie heißt es am Ende eines FAZ-Artikels von 2008 über den Ideenbastler von 2008 zu schön: "Aber einfach wird das nicht. Weil das Einfache das Schwierige überhaupt ist." 

Nachtrag: Michael Embacher entschied sich 2015, seine Sammlung aufzulösen. Für 19.05.2015 war die Versteigerung der gesammten Collection - 203 Fahrräder - im Dorotheum Wien angesetzt.

(ARGUS)