Grazer Radfahrer Club
 
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Manfred Muller: Erfolge im Puch-Kunstradteam und bei Heinz Conrads


Muller mit Strebel
Muller mit Strebel
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Beim Training in der Puch-Baracke
Beim Training in der Puch-Baracke
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Beim Wirten um die Ecke in der Reininghausstraße - damals wegen des noch seltenen TV-Gerätes beliebter Treff für Jung und Alt - kam Manfed Muller (Jg. 1944) erstmals mit dem Kunstradfahren in Berührung. Zu sehen in Schwarzweiß war ein Bericht von der WM. Der Erstkontakt sollte prägend sein: Manfred war so begeistert, dass er stante pede zum Kino fuhr, wo er seinen Freund wusste, ihn ausrufen ließ und ihn vor den Fernseher schleppte. Das war an einem Sonntag Ende der 1950er Jahre - eine Zeit, in der das Saalsport, respektive das Kunstradfahren, auch in der Steiermark einen gewissen Stellenwert hatte.

Am folgenden Montag waren Manfred und sein Freund Harald Strebel, ein guten Turner, beim Radhändler Zisser, und wie der es Zufall wollte, kam gerade jemand von ARBÖ Puch-Radteam vorbei. Auf der Stelle traten die Freunde dem Verein, der auch eine Kunstradsektion führte, bei ("Eine Entscheidung von Minuten") und trainierten fortan unter Toni Leiner, der Werkmeister in der Fahrradschlosserei bei Puch war. Das hatte den Vorteil, dass die Vereinsräder selbst gebaut und gewartet werden konnten. In dieser Zeit fuhr man noch keine Schlauch-, sondern Drahtreifen, deren Profil man zwecks besserer Haftung abfeilte.

Trotzdem war Manfred mit dem Eigenbau nicht ganz zufrieden, er wollte Besseres, um mit der Konkurrenz mithalten zu können. 1961 kaufte er sich ein Bauer-Rad zum damals unglaublich hohen Betrag von 20.000 Schilling, gefertigt aus dünnwandigen, gezogenen Reynolds-Stahlrohren. Der Markennamen wurde entfernt, weil man ja schließlich unter der Puch-Flagge fuhr. Später wurden diese Modelle von Trainer Leiner auch selbst nachgebaut. Puch sponserte die Räder, den Trainer, Masseur, die Halle - eine Baracke - und einen Bus.


Ankaran, Slowenien
Ankaran, Slowenien
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Steuerrohreigen
Steuerrohreigen
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Verwandt mit Zirkusartisten
In Sachen Fahrrad gab es für Manfred Muller auch so etwas wie eine erbliche Vorbelastung: Seine Mutter Maria Elsner war in den 1940er und 1950er Jahren Fahrrad-Mechanikerin in der Grazbachgasse, Ecke Maygasse, und vertrieb u.a.
Junior-Räder. Sein Vater, der in Holland von der SS desertiert und mit den britischen Besatzern als Übersetzer nach Österreich gekommen war, hatte schon qua seiner Herkunft einen engen Fahrradbezug. 

Im Alter von 2 1/2 Jahren lernte Klein-Manfred das Radfahren. Später, in der Schule schwänzte er hin und wieder den Unterricht, weil er lieber mit dem Rad auf die Pack fuhr. Einmal schrieb er von dort dem Lehrer eine Ansichtskarte. 1958 begann Manfred eine Kfz- und Motorrad-Mechanikerlehre bei seinem Bruder.

Sportlich brachte es Manfred bald zur Perfektion, vor allem als Untermann im Zweier-Kunstfahren. Binnen eines Jahres hatte er sich auch in der Sechser-Mannschaft etabliert. In dieser Formation ritterte sich sein Team mit Zeltweg, während man beim Vierer unschlagbar war. Steirische und nationale Größen, die er kannte und mit denen er auch in Bewerben fuhr, waren Hans Huber, Rudi Gollner, Sepp Piok, Hans Maier, Hermann Kovacic oder Emmi Gröbl, Erika und Martha Popp, Lilli Leiner und Anna Wolf.

Auch wenn Kunstradfahren eher den Eindruck eines grazilen Sports macht: "Das Training war hart, als Untermann ist vor allem der Rücken ziemlicher Belastung ausgesetzt. Auch Fersenprellungen gab es regelmäßig", erinnert sich Manfred Muller. Ein Sturz beim Aufstieg trug ihm den Bruch von drei Rückenwirbeln ein - ein Malheur, das er erst Jahre später bemerken sollte.

In seinen Pass ließ sich Manfred unter Beruf "Artist" eintragen, nicht zuletzt deshalb, weil er so problemlos zerlegte Räder aus Deutschland einführen konnte. Auch war diese Berufsbezeichnung nicht so weit hergeholt ("Es waren ein paar im Verein, die zum Zirkus gingen"), wie etwa die Karriere von Karl Schwarzbauer sen. zeigte.  

Achtfacher Staatsmeister
Öfters wurde bei ARBÖ-Veranstaltungen gefahren, etwa zum 1. Mai oder 1963 beim ASKÖ Bundesfest in Wien. Seinen Urlaub in Ungarn finanzierte sich Manfred mit Auftritten in einer Bar, 1966 trat er bei Heinz Conrads ("... seavas die Buam") in einem gemischten Trio auf.

Insgesamt brachte es Manfred Muller auf acht österreichische Meistertitel im Zweier-, Vierer- und Sechser-Kunstradahren. Als Puch 1967 das Kunstradfahren aufgab, hörte auch Manfred auf. Er blieb aber dem Fahrrad treu und fuhr auf einem Jager-Rad in Begleitung eines Freundes die Österreich-Radrundfahrt 13 1/2 mal nach. Er war und ist heute noch, trotz Zuckerkrankheit, oft und gerne allein unterwegs, auch zu Therapiezwecken:"Wenn ich mich nicht wohl fühle, setze ich mich aufs Radl".   


Auf dem Weg zur Arbeit, 1959
Auf dem Weg zur Arbeit, 1959
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Im Garten, 2007
Im Garten, 2007
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