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Burning Down the House, Cycling Down the Street (Rezension)
"Falter" Nr. 05/2012 vom 01.02.2012, Seite 16

Der Musiker David Byrne beweist, dass Popstars auch nachdenken und Rad fahren können: Seine Analysen des urbanen Alltags sind ganz fein.

David Byrne scheint ein sympathischer, intelligenter, normaler Mensch zu sein. Das ist eigentlich schon ziemlich viel für einen Popstar. Außerdem, verrät er uns, ist er schüchtern. Deswegen hat er, seit er in den 80er-Jahren mit den Talking Heads rund um den Globus tourte, auf Reisen stets ein Faltrad im Gepäck dabei. Das trug er heimlich an der Rezeption vorbei ins jeweilige Hotelzimmer, schraubte es dort zusammen, schlich sich raus aus den Hotellobbys, weg von Verpflichtungen und PR-Terminen, rein ins lokale Leben.

Dass das Fahrrad das ideale Verkehrsmittel für Menschen ist, die schüchtern, aber dennoch weltoffen sind - diese Idee ist neu und bei genauer Betrachtung bestechend logisch. Das Fahrrad ist etwas Vertrautes, an dem man sich anhalten kann, während man sich der Fremde aussetzt. Es erlaubt einem, sich von A nach B oder auch völlig ziellos fortzubewegen, ohne Geld wechseln, Fahrscheine kaufen, mit Taxifahrern verhandeln oder sonst wie kommunizieren zu müssen. Man kann sich durch unbekanntes Territorium bewegen, ohne erklären zu müssen, warum oder wohin.

Anders alsder zu Fuß gehende Tourist wirkt man dabei stets geschäftig und einheimisch. Und anders als der Auto- oder Busfahrende ist man ganz nah dran. "In jeder Stadt stellte sich, wenn Luft und Straßen an mir vorbeihuschten, dieselbe Faszination ein. Ich wurde süchtig nach diesem Gefühl."

Inspiriert von Che Guevara

Seit Che Guevara und seinen berühmten "Motorcycle Diaries" wissen wir, dass Herumfahren das politische Weltbild schärfen, und dabei das Verkehrsmittel das Bewusstsein bestimmen kann. Auch Byrne ist von mehr als touristischer Neugierde getrieben, wenn er durch Berlin und Buenos Aires, durch Istanbul und Manila, durch London und L.A. radelt.

Er will wissen, wie Städte funktionieren, was sie als soziale Organismen zusammenhält, und auf welche Regeln sich ihre Bewohner geeinigt haben. "Städte sind physische Manifestationen unserer tiefsten Überzeugungen und unserer manchmal unbewussten Gedanken, nicht von uns als Individuen, sondern als soziale Lebewesen", meint er. "Ein Wissenschaftler muss sich nur anschauen, was wir bauen - unsere Bienenstöcke - um zu wissen, wie wir denken und was wir für wichtig halten. Es ist alles da, offen, offensichtlich, und manchmal beinahe peinlich verräterisch."

In Berlin ist Byrne schockiert über die zivilisierte Gelassenheit - die "Straßen auf Prozac". In Los Angeles wundert er sich über die grell bemalten, nuttig gekleideten Frauen - und führt das darauf zurück, dass man einander aufgrund der breiten Autobahnen nie aus der Nähe sieht und daher deutliche Signale senden muss. Und in Australien, wo er bei seinen Expeditionen giftigen Fröschen, Insekten, Wasser, Sand, Sonne und Schlamm begegnet, begreift er, wie sehr die feindliche Natur die Selbstwahrnehmung der Nation beeinflussen muss: "Dort draußen lauert immer irgendwas, das dich dran erinnert, dass du bloß ein Gast auf diesem Kontinent bist."

Am unheimlichsten wird es, wo die Zivilisation am perfektesten scheint, in Valencia zum Beispiel, einer amerikanischen "Stadt unter Anführungszeichen".

"Es ist früher Abend. Ich gehe hinaus. Ich bin anscheinend nirgendwo. Oder in einer Filmkulisse. Jedenfalls ist keine Menschenseele da. Auf der anderen Staßenseite sind Malls, die architektonisch Straßen imitieren, aber auch auf diesen ‚Straßen‘ sind keine Menschen. Eine Bronzestatue ist im Gehsteig verankert - sie zeigt Mutter und Tochter mit Einkaufssackerln. Ein Shoppingdenkmal? Ich gehe weiter, fröstle - und fürchte mich mehr als in einem New Yorker Problemviertel. Es schaut aus, als wäre unmittelbar vor meiner Ankunft eine Neutronenbombe explodiert. Überall üppiges Grün, das von verborgenen Sprinklern genährt wird. (...) Dieser Ort ist ein Traum, der wahr geworden ist. Er hat alles, von dem wir immer sagen, dass wir es wollen. Aber wenn wir das alles kriegen, ist es ein Alptraum."

Mit Prinz Charles gegen Kapital und Marx

Nein, David Byrne mag keine mehrspurigen Autobahnen, keine standardisierten Einkaufszentren und keine seelenlosen Stahlbetontürme. Er sieht in diesen Bauten, wie sich "der Kult des Kapitalismus mit jenem des marxistischen Materialismus trifft".

Diese Abneigung teilt er mit Prinz Charles. Anders als Prinz Charles jedoch schwärmt er, als Gegenmodell, nicht von idyllischer Natur, sondern von rauer Urbanität. Von gewachsenen Orten mit krummen Linien, kurzen Distanzen, finsteren Winkeln und unberechenbaren Bewohnern. Also von Orten, an denen Dichte, Reibung und Überraschungen möglich sind.

"Warum schauen alle Märkte in der Dritten Welt strukturell ungefähr ähnlich aus?", fragt er. Ob in Marrakesch, Oaxaca oder Kuala Lumpur: "Es scheint ein ungeschriebenes Layout zu geben, eine unsichtbare Landkarte", nach der Menschen ihre Wege ausrichten; ein Bedürfnis nach Vielfalt und überschaubarem Chaos, samt Gerüchen und Geräuschen. Dieses "menschliche Maß" macht Kommunikation, Öffentlichkeit und, zu Ende gedacht, Demokratie erst möglich.

Ja, das klingt alles recht sympathisch. Uneitel, unamerikanisch und auf eine recht coole Art uncool. Angenehm ist, dass man es sehr leicht in der englischen Originalversion lesen - oder es sich gleich vom Autor selbst vorlesen lassen kann, unterlegt mit Originalgeräuschen aus dem Straßenverkehr.

Angenehm ist auch, dass die lange Reise, anders als bei Che Guevara, nicht in flammenden revolutionären Schwüren endet, sondern bloß in Designideen für neue New Yorker Fahrradständer.

Sibylle Hamann