Grazer Radfahrer Club
 
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Als Radartist bei der größten Schau der Welt
Aus Dokumenten und einem Gespräch mit Karl Schwarzbauer jun. (1933-2013)


Chaludis, USA 1950
Chaludis, USA 1950
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"Die Leute waren nach dem Krieg deprimiert, jede Abwechslung war willkommen und jedes Varieté hat gezogen", erzählt Karl Schwarzbauer (Jg. 1933) von seinem Einstieg ins Showbiz im zarten Alter von 14 Jahren. Sein Vater, gelernter Schlosser und Kunstradfahrer, der sich seine Räder selbst baute, hatte den Amateuren bei Puch adieu gesagt und bot dem Junior gemeinsame Sache an: Ab 1948 tingelten die beiden Schwarzbauers durch Deutschland, traten für Kost und Logis für die GIs auf und schnupperten Zirkusluft. In den blonden Schwestern Lucia und Dita (Gerda) Müller (Muller) fanden sie kongeniale Partnerinnen und formierten die "Chaludis".


Zirkus Krone, Berlin
Zirkus Krone, Berlin
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Legendär: Kopf auf Kopf
Legendär: Kopf auf Kopf
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Poschgan aka "Grasso"
Poschgan aka "Grasso"
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Die atemberaubenden "Chaludis"
Der Name "Chaludis" erklärt sich aus den Anfangssilben  der Vornamen Charles, Luci, Ditta, das "S" am Ende steht für den Sohn. Top-Nummer der gemischten Truppe war der Kopf-auf-Kopfstand der Mädchen auf dem radelnden Karl sen., Karl jun., der davor ein Solo-Programm absolvierte, assistierte. Man hatte Engagements auch außerhalb Europas, mehrfach in den USA ("Insgesamt habe ich sieben Jahre in Amerika gearbeitet") und in Asien.

Ein Höhepunkt war 1950 die Tour mit dem 
Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus von Florida nach New York. Über diese Mega-Zirkusshow mit 1.500 Akteuren und hunderten Tieren wurde auch ein semidokumentarischer Spielfilm Externe Verknüpfung "Die größte Schau der Welt" mit Charleston Heston und James Stewart gedreht, der 1952 in die Kinos kam und in dem auch die "Chaludis" zu sehen sind. Externe Verknüpfung ("The Greatest Show on Earth") gilt als der Zirkusfilm schlechthin. "Kein Tag vergeht, wo er nicht träumt von dieser Zeit", schaltet sich die heutige (zweite) Ehefrau Rosemarie ein.

"Das waren gute Zeiten, weil wir gut waren", blickt Karl Schwarzbauer zurück. Und man habe auch gut verdient, etwa im Vergleich zu den Amateuren, wie Onkel Josef einer war. "Wir sind mit dem großen Mercedes vorgefahren, er mit dem kleinen VW." Josef Poschgan, mehrfacher Staatsmeister und auch international erfolgreich, habe auch mit einer Profi-Karriere geliebäugelt, vor dem Umstieg aber gezögert: "Die Arbeitsbedingungen waren andere: Das fängt bei den technisch schwierigen glatten Flächen in Nachtclubs und der aufwändigen Ausrüstung und Garderobe an, während er als Kunstrad-Amateur zum Trainieren große Flächen etwa in Hallen benötigte."

Onkel Josef trat dann doch auch in Showacts auf, zuerst vor US-amerikanischen Truppen in Deutschland und Italien, dann auch in heimischen Bars und Revuen, bis er im Alter von 45 Ende der 1950er Jahre in einen zivilen Beruf wechselte.


Jonglage auf Einrad, Tokio
Jonglage auf Einrad, Tokio
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Auftritt mit Spezialrad
Auftritt mit Spezialrad
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Als "Duo Caprice" auf Tour
Doch der Höhenflug der "Chaludis" währte nur kurz: 1956 starb Luci im Alter von 23. Die Truppe löste sich auf, auch Vater und Sohn gingen getrennte Wege. Karl jun. konzentrierte sich auf Jonglagen auf dem Einrad und zog solo durch die Lande. 1958 lernte er die dänische Trapezkünstlerin Birthe kennen und lieben; die beiden heirateten und traten fortan als "Duo Caprice" auf.

1964 kam Tochter Sissy zur Welt, doch das Duo war weiterhin im Unterhaltungsfach tätig. In Graz bestritt Karl auch etliche Auftritte für die Arbeiterkammer und die SPÖ, im Keller der AK hatte er die Möglichkeit zu trainieren. Wenn er spezielle Radteile und Umbauten benötigte, schaute er bei
Franz Vychodil in der Elisabethinergasse vorbei: "Der hat mir dann schon z.B. eine Kurbel abgeschnitten, so wie ich das brauchte."  (Anm.: J.M.: ... und verkürzt wieder zusammengeschweisst; das braucht man regelmässig für Einräder von 20 Zoll und kleiner, um in der Kurve nicht zu streifen und schnellere Trittfrequenz geradeaus zu schaffen.)

Es war 1982, als er den Artisten-Beruf endgültig an den Nagel hängte: "Die Jobs sind weniger geworden, ich wollte nicht mehr reisen und dachte letzlich auch an die Pension, die ich einmal genießen wollte."  So heuerte Karl - wie auch Ehefrau Birthe - beim Kaufhaus Kastner & Öhler an und fand als vielseitiger Sportler im Sporthaus ein interessantes Betätigungsfeld.

1989 starb Birthe mit 54 Jahren; Karl heiratete später noch einmal, Rosemarie (Erika gerufen), eine Arbeitskollegin. Dem Fahrrad blieb er auch nach dem Ende der Profi-Laufbahn und in der Pension treu: Von seinem Häuschen nahe Don Bosco erledigte er die meisten Wege mit dem Fahrrad, zuletzt bis zu einer Erkrankung 2011 mit E-Unterstützung. In der Garage stehen und hängen seine Fahrräder zwischen Jonglierutensilien und Werkzeug und erinnern an eine glanzvolle Zeit auf der Bühne und in der Manege.

Nachtrag: Karl "Charly" Schwarzbauer starb am 28.05.2013. In einer Parte in der "Kleinen Zeitung" hieß es: "Und immer sind und bleiben irgendwo Spuren deines Lebens".


WOLFGANG WEHAP (2012)



Erinnerungsstücke in der Garage
Erinnerungsstücke in der Garage
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