Grazer Radfahrer Club
 
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Rupert Graimers "Kraxen"
Über einen Almhirten, der Ende des 19. Jahrhunderts Holzfahrräder baute

Das Club-Organ des „Oesterreichischen Touring-Club" (OeTC, Vorläufer des ÖAMTC) widmete in seiner ersten Ausgabe (1.4.1898) einem urigen Gebirgsmenschen einen umfangreichen Artikel. Der „Autodidakt Peter Krainer" aus St. Peter in Steiermark hatte ein Holzrad gefertigt und war damit über 200 km nach Graz gefahren, wo er einen Fahrradindustriellen besuchte und von ihm im Tausch gegen sein selbst gebasteltes Tricycle ein modernes Stahlrad erhielt. 


Rupert Graimer alias "Peter Krainer"
Rupert Graimer alias "Peter Krainer"
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„Er spricht unverfälschtes Steirisch, das außer seinen engsten Landsleuten kein Mensch versteht, nährt sich hauptsächlich von Speckknödeln und verbringt den größten Teil des Jahres auf irgend einer Alm", schilderte das Blatt blumig den Burschen, der zum „innigen Verehrer des modernen Wunderdings Fahrrad" geworden war. Er habe ein Rad konstruiert, das er selbst „Kraxen" nenne, habe es zwei Stunden ins Tal getragen, um es auf einer Straße auszuprobieren. „Mit den blitzenden Rädern der 'Stadtleut' konnte Krainer allerdings nicht concurrieren, aber sein Rad ging doch, und wenn er durch das Dorf fuhr, ließ er alle die bloßfüßigen Concurrenten im Alter von 4 bis 16 Jahren hinter sich", heißt es in dem Artikel.

Schließlich zog es ihn in die Landeshauptstadt - zwei Tage radelte er nach Graz. Dass er dabei 200 Kilometer zurücklegen musste, belegt wohl, dass es sich beim genannten "St. Peter in Steiermark" um St. Peter am Kammersberg gehandelt haben muss (wobei die Kilometerleistung wohl etwas aufgerundet wurde). Launig wird geschildert, wie er vor Graz eine kleine Auseinandersetzung mit einem Eisenbahnwächter hatte, der trotz der Erklärung, er sei der Peter Krainer aus St. Peter, den Bahnschranken nicht öffnen wollte. In Graz wollte er dem Katzenkopfpflaster ausweichen und benutzte das Trottoir. Einem Wachmann, der ihn daran hindern wollte, bedeutete er:"Wos geiht denn das die o. I fahr wo I mog. Weicha eh alle Leit aus."

Der Almhirte wollte seine Graz-Visite mit einem Besuch bei seinen "Kollegen" verbinden. "Mit der echten Verschlagenheit eines Bauern", wie unterstellt wird, hatte er die Absicht, sein hölzernes Gefährt gegen ein eisernes umzutauschen. So suchte er die Styria-Fahrradwerke auf und wurde von Ingenieur Rumpf empfangen, der auch ein Foto von ihm und seiner Konstruktion anfertigte. (s. Abb.)

Das Abenteuer endete laut ÖTC-Organ damit, dass er von einem jungen Grafen auf dessen Schloss eingeladen wurde, wo es, seiner Ansicht nach, zu "gespreizt" zuging und er für die Nachtruhe - in Ermangelung einer Ofenbank - den Boden dem Bett vorzog. Dann kehrte er mit seinem modernen Niederrad zurück ins Dorf, wo er seine Geschichten dem staunenden Publikum auftischte.

"Dreiradl" und "Zweiradl"
Das gerade in seiner Hochblüte stehende Bicycle übte auch abseits der Städte - wo es sich anschickte, vom elitären Sportgerät zum Transportmittel für alle Schichten zu werden - große Faszination aus und inspirierte handwerklich praktische Talente am Land. Die neue Technologie wurde kopiert, modifiziert und übernommen, wobei man sich des örtlich verfügbaren Werkstoffes Holz bediente. Derartige Leistungen fanden auch in gebildeten Kreisen Interesse, wohl auch unter der Rubrik Binnenexotismus. So wurde z.B. im Rahmen der Grazer Landes-Ausstellung 1890 "ein Hochrad eigenthümlich solider Bauart , `ganz aus Holz´, wie die Aufschrift besagt, so eine Art `Pfahlrad´, aus Geiselsdorf in der Hartberger Gegend" gezeigt: "In der Oststeiermark fahren mehrfach einzelne Bauern, meist Schlosser oder Schmiede solche selbstgefertigte, weithin klappernde ungeschlachte Fahrzeuge mit großer Verve und unglaublichem Kraftaufwande."  

Die Spuren des Almhirten aus St. Peter lassen sich an anderer Stelle wieder aufgreifen, und zwar im Grazer Volkskundemuseum. Dort findet sich als einziges Fahrrad im Bestand - alle anderen historischen Räder finden sich in der Kunstgewerblichen Sammlung des Universalmuseum Joanneum - ein "primitives, hölzernes Fahrrad", bei dem es sich laut Inventarkarte um ein Geschenk der Puchwerke aus dem Jahre 1924 handelt. Nach der technisch-konstruktiven Beschreibung heißt es da in den Bemerkungen: "Dieses Fahrrad wurde im Jahre 1898 von Rupert Graimer aus der Pöllau bei St. Peter am Kammersberg hergestellt. Graimer erhielt für das Holzrad von der Firma Puch ein modernes Fahrrad." 

Die Vermutung, dass es sich bei dem Rupert Graimer um jenen Peter Kreiner aus St. Peter handelt, der in der OeTC-Zeitung vorgestellt wurde, wird durch die örtlichen Pfarrmatriken untermauert: Hier findet sich ein Rupert Graimer, der am 27. März 1876 in Pöllau am Greim Nr. 3 geboren wurde.

Auch der Umstand, dass es sich bei dem "primitiven" Zweirad des Volkskundemuseums eindeutig nicht um das Tricycle der Illustration zu dem OeTC-Artikel handelt, lässt sich durch weitere Umfeldrecherche erhellen: Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei dem dreirädrigen Gefährt um ein früher gebautes Modell, worauf ein anderer Zeitungsartikel ("Neue Freie Presse", 4.6.1898) schließen lässt, in dem Graimer davon spricht, schon 1893 ein "Dreiradl" gemacht zu haben und damit nach Graz gefahren zu sein. Anders als bei dem älteren Tricycle, das durch ein extrem breites Tretkurbellager am vorderen, größeren Antriebsrad auffällt - was übrigens auch im OeTC-Text angemerkt wird -, ist das "Zweiradl" aus dem Volkskundemuseum ein Veloziped mit Tretkurbeln und der Besonderheit, dass der Antrieb über das größere Hinterrad erfolgt, über dem der Fahrer thront. Eine eher unübliche Konstruktion, die auf Experimentierfreudigkeit verweist.

Sein Tricycle hat Graimer laut OeTC-Artikel in Graz bei den „Styria-Fahrradwerken" gegen ein modernes eisernes Fahrrad eingetauscht. Er war von Victor Rumpf empfangen worden, einem der Pioniere der Externe Verknüpfung Grazer Fahrradindustrie, zunächst Weggefährte, 1898 quasi Nachfolger als Direktor der "Styria-Fahrradwerke"und später Konkurrent von Johann Puch. Über den Verbleib des eingetauschten "Dreiradls" gibt es keine Informationen.

Rupert Graimers ...
Rupert Graimers ...
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... Tretkurbelrad aus dem ...
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... Volkskundemuseum
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Begnadeter Naturmechaniker oder frecher Schwindler?
Einiges deutet darauf hin, dass der schlaue Obersteirer mehrfach Tauschgeschäfte mit der selben Masche gemacht hat, die Styria-Fahrradwerke also ursprünglich im Besitz eines Zwei- und eines Dreirades waren. Denn schon bei der am 21. November 1896 in Wien abgehaltenen "Radfahrerakademie" war als Leihgabe der Firma ein hölzernes Hochrad zu sehen, bezeichnet als "Unicum" und "Erzeugniss eines Bauernburschen, welcher über 300 km auf diesem Rade zurücklegte"; was sehr nach Graimers Holz-Zweirad klingt, das dann - anders als auf der Inventarkarte angegeben - vor 1898 gebaut worden wäre.  

Belegt ist, dass der schlaue Bauernbursche zwei Jahre später und bald nach Erscheinen des OeTC-Artikels selbst in Wien sein Glück versucht hat: Wie einem Bericht der "Neuen Freien Presse" zu entnehmen ist, war ein Rupert Greiner (sic!) mit einem selbst angefertigten hölzernen Zweirad am 3. Februar 1898 aus seinem Heimatort Pöllau in Steiermark in Wien angekommen. "[Er] ist ein kräftiger Bursche von 22 Jahren und repräsentiert in seinem Steirergewand den Typus des urwüchsigen Steirers", beschrieb das Blatt und verriet auch den Grund seines Besuches: "Als er hörte, dass der Kaiser sein 50jähriges Jubiläum feiere und aus diesem Anlasse eine Ausstellung stattfinde, fasste er den Entschluss, nach Wien zu fahren und zu Ehren des Kaisers auch sein 'Radl' auszustellen." Zu dem selbst angerfertigen "Zweiradl" wird bemerkt,"es ist ganz aus Holz und nur die Kurbel aus Eisen hergestellt".  

Die "Reichspost" reportierte, dass der Bauernknecht in viereinhalb Tagen aus seiner obersteirischen Heimat bis Baden geradelt sei und dort, weil ziemlich erschöpft, nach einer Nächtigung für das letzte Stück die Eisenbahn genommen habe. Auf der Polizeidirection habe er sich ausruhen dürfen und sei verköstigt worden. "Vom Michaeler Gasthause begab er sich in die Hofburg, um sein Gesuch in der kaiserlichen Cabinetskanzlei einzureichen", berichtet die "Neue Freie Presse".

In der Tat scheint Graimer, der nicht ungeschickt die Presse einspannte und direkt vor Pressevertretern ein Majestätsgesuch um Unterstützung für die Heimreise und weitere Gesuche verfasste, sein Projekt verwirklicht zu haben: Wie aus einem Bericht der OeTC-Zeitung einige Tage später hevorgeht, war in der radtouristischen Ausstellung des Touring-Club im Rahmen der Externe Verknüpfung Kaiser-Jubiläumsausstellung neben dem Urania-Theater in einer "kleinen Sammlung radhistorischer Spezialitäten" neben einer Laufmaschine des Grafen M. Esterhazy und einem Fahrrad-Vorfahren aus den 1860er-Jahren auch "eine Art Rückbildung aus der Gegenwart" zu sehen: "Ein aus Holz hergestelltes primitives Fahrrad, welches der in der ersten Nummer des Cluborgans abgebildete steirische Bauernknecht Peter Kreiner selbst verfertigt hat, und auf welchem der selbe aus seiner Heimat nach Wien gefahren sein will. Erzherzog Ludwig Victor, welcher Freitag schon die Ausstellung des Oe.-T.-C. mit seinem Besuche beehrte, besichtigte dieses Product eines Naturmechanikers mit großem Interesse."

In der gleichen Ausgabe der Mittheilungen des OeTC vom Juni 1898 hat Graimer eindeutig an Kredit verspielt: Die Rede von einem "Schlingel", er habe "mit seinen Erzählungen die hiesige Tagespresse und ganz Wien zum Besten gehalten."  Als er das Gefährt nicht seinen Vorstellungen gemäß losbrachte, habe er "unverschämte Briefe" an die Polizei und an einen Radclub geschrieben. Überdies konnte weder er noch ein anderer dieses Rad über längere Strecken benützen; er selbst sei nämlich mit der Eisenbahn nach Wien gefahren, behauptete das Blatt. "Also ein Schwindel, von dem man nicht weiß, ob man sich mehr über die Verschlagenheit Krainers oder über seine Frechheit wundern soll."

Zusammenfassend kann geschlossen werden, dass Rupert Graimer im Zeitraum 1893-98 zumindest zwei "Zweiradln" und ein "Dreiradl" gebaut hat. Erhalten geblieben ist nur das zweirädrige Holzrad, das als Schenkung der Puchwerke an das Volkskundemuseum gekommen ist. Was aus Rupert Graimer geworden ist, bleibt in der Folge weitgehend im Dunkeln: Sein Elternhaus ging in andere Hände über, er selbst schien nicht unter den Erben auf.

Ein später Hinweis datiert aus dem Jahre 1941, als die "Tagespost" die Konstruktion von Graimer und seine Fahrt nach Graz noch einmal aufgriff und zu berichten wusste, dass der "nunmehr 70-Jährige" wieder nach Graz gekommen war und es sich nicht nehmen ließ, auf seinem Holzrad eine Runde zu drehen. Zu Graimers Vehikel bemerkte der Autor anerkennend: "Es handelt sich um eine durchaus eigene Konstruktion, die überraschendes technisches Verständnis und ausgesprochene Handfertigkeit erkennen läßt, jedenfalls als eine sehr beachtliche Leistung zu werten ist."

Literatur und Quellen
Th.N., Auf dem Hochrad von Graz nach Aegypten, in: Tagespost 21.12.1941, 5
Club-Organ des „Oesterreichischen Touring-Club“ I/1/1898, Ein Autodidakt, S. 4 f ; I/6/1898, 2f, Die radtouristische Ausstellung des "Oesterr. Touring-Club in der Jubiläums-Ausstellung"; I/6/1898, 9, Rundschau/ Ein Autodidact.
Mittheilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes 25/1.8.1890, Die Ausstellungs-Gruppe des "Steirischen Radfahrer-Gauverbandes" auf der Grazer Landes-Ausstellung 1890, unter gleichem Titel, gez. D.Z., in: Deutsch-österreichischer Radfahrer 21/5.11.1890, 342ff
Neue Freie Presse vom 4.6.1898, 6
Reichspost vom 4.6.1898, 3
Radfahr-Sport 48/1896, 1098, Die Radfahrer-Akademie zu Wien
Volkskundemuseum Graz, Objekt und Inventarkarte Nr. 7431, „primitives, hölzernes Fahrrad“
Pfarramt St. Peter am Kammersberg, Tauf- und Geburtenbuch E, Seite 114, Registerzahl 15

Dank für Informationen, Recherchen und Beratung an: Diakon Rupert Unterkofler, Ingrid Stocker, Nic Zöchling, Elisabeth Schöggl-Ernst (Stmk. Landesarchiv)
2006, 2012

WOLFGANG WEHAP (2006; Neuf. 2013)