Grazer Radfahrer Club
 
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Historische Streiflichter zum "RadKult" in Leoben
Über die frühe Radfahrgeschichte in der Montanstadt

Das Verhältnis in der Montanstadt Leoben zum Radeln war ambivalent: Einerseits zog hier der erste dokumentierte Bicyclist der Steiermark am Hauptplatz seine Kreise, andererseits wehte ein Kleingeist, der die Entfaltung der Radlerei hemmte.  


Leoben, Hauptplatz, 1886
Leoben, Hauptplatz, 1886
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Werbung für Howe
Werbung für Howe
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Hochrad im MuseumsCenter
Hochrad im MuseumsCenter
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Bicyclist, Leoben 1893
Bicyclist, Leoben 1893
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Spur zum steirischen Ur-Radler
Hinweise auf Bicyclisten in der Steiermark finden sich erst gut ein Jahrzehnt, nachdem das Hochrad von England aus seinen Siegeszug angetreten hatte. Bemerkenswert ist die Schilderung in der "Allgemeinen Sport-Zeitung" von Theodor Hildebrand vom Wiener Bicycle-Club (gegr. 1881), der auf einer Tour über den Semmering, Mürzzuschlag und Bruck an der Mur am 5.9.1882 nach Leoben kam: "Leoben ist ein reizendes Städtchen mit vielen alten interessanten Häusern, jedoch ist das Pflaster womöglich noch schlechter und fürchterlicher wie im Bruck; trotzdem aber tummelte sich hier ein Bicyclist auf dem Marktplatze umher."  Leider geht Hildebrand, der nach 20 Minuten Rast wieder aufgebrochen ist, auf den getroffenen "Leobener Bicyclisten" nicht näher ein - schade insoferne, weil es sich nach gegenwärtiger Quellenlage um den ersten steirischen Bicyclisten gehandelt haben könnte.  

Die Rekordfahrt des Wiener Radpioniers und Clubkollegen von Hildebrand, Ernst Brömer-Elmerhausen, von Wien nach Graz (12h, 10 min. Fahrtzeit in 2 Tagen) mit einer 50" Howe Maschine, wird am 14.9.1882 in der "Allgemeinen Sport-Zeitung" berichtet und galt bisher als erster Beleg für das Auftauchen eines Hochrades in der Grünen Mark. Brömer-Elmerhausen war es ja, der das Bicycle nach Graz brachte und entscheidend an der Gründung des Grazer Bicycle-Club (GBC) mitwirkte.   

Ein großes Hallo gab es im folgenden Sommer, am 10. August 1883, als Mitglieder des GBC auf der ersten großen Reise, die österreichische Radfahrer in Gemeinschaft unternahmen, nach Venedig in Leoben Station machten: „Wir gaben am Spätnachmittag am Hauptplatz ein Schul- und Kunstfahren zum besten bei so großem Zulauf der Einwohner, daß die Wache nur mit Mühe unsere Fahrbahn freihalten konnte, und wir hatten dann die Genugtuung, daß unser gut gelungenes Schaufahren Anlaß gab, unseren Sport auch in der Bergstadt einzuführen", berichtete GBC-Chronist Max Kleinoscheg.

Nach der Allgemeinen Fahrordnung war für Bicyclisten zwar kein genereller Erlaubnisschein oder eine verpflichtende Lenkbefugnis vorgesehen, lokale Behörden traten aber mit zahlreichen Vorschriften und Verboten ziemlich restiktiv auf den Plan. So auch in Leoben. 


Radfahrer um 1895
Radfahrer um 1895
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Spaziergänger vs. Radpioniere
Der erste Radverein war noch nicht gegründet, gab es auch schon die ersten Zores: Im April 1886 führten Beschwerden von Spaziergängern am Glacis dazu, dass per behördlicher Kundmachung das Fahren mit Bicycles und Tricycles am Glacis, im Stadtpark und auf den Gehsteigen und Trottoirs verboten wurde.

Dazu kam die Fahrordnung, die der Ende 1886 aus der Taufe gehobene Leobener Radfahr-Verein (LRV) sich selbst gab: Radler hatten demzufolge am Hauptplatz in Gruppen zusammenzubleiben, während Schulkinder unterwegs waren, sollte nicht gefahren werden, beim Bergabfahren durfte man nie die Füße von den Pedalen geben usw.  

Behörden und Vereine spielten zusammen: Ein Erlass der k.k. Statthalterei von 1886 ermöglichte zwar die Nutzung der Gehwege entlang der Reichsstraßen - ein Zugeständnis, dass 1898 im Ortsgebiet von Leoben ohnehin wieder abgeschafft wurde -, doch hatte „der Bicyclefahrer das vom Club ausgestellte und von der Localbehörde vidirte Fahrtüchtigkeits-Zertificat bei sich zu führen".  (Gdv 573) In Anbetracht des in der Regel schlechten Zustands der durch „Wagengleise" in Mitleidenschaft gezogenen Fahrbahn kam dies über Land einem Ausschluss nicht „zerifizierter" Radler gleich. Diese gab es aber dennoch, wie regelmäßige Klagen über „Wilde", d.h. vereinslose Radler, belegen.


Einladung gründende Versammlung LRV
Einladung gründende Versammlung LRV
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Gauverband Mitgliedskarte 1896/97
Gauverband Mitgliedskarte 1896/97
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Abzeichen LRV
Abzeichen LRV
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Vereinsgründung im Geiste Jahns
Als Pionier im Leobner Radvereinswesen kann der Bergakademiker Hugo Rößner gelten, der am  30. November 1886 die Gründung des „Leobner Radfahr-Bundes" bei der Behörde anzeigte. Laut den handschriftlich abgefassten Satzungen lautete der Vereinszweck auf „jedwede Förderung der Kunst des Radfahrens." Und weiter: „Nach Thunlichkeit strebt er die Pflege aller, die körperliche Kraft und Gewandtheit fördernden Übungen an."

Wie Rößner bei der Gründungsversammlung am 24. Jänner 1887 im Hotel Post deutlich machte, fühlte man sich dem Turnwesen als „echt deutsche Institution" im Geiste Jahns verpflichtet. Der Verein rekrutierte sich aus ordentlichen, unterstützenden und Ehren-Mitgliedern, ordentliche Mitglieder mussten - abgesehen vom jährlichen Mitgliedsbeitrag - einen Gulden Eintrittsbeitrag zahlen. Die Vereinsleitung wurde vom Obmann, seinem Stellvertreter und dem Schrift- und Säckelwart gebildet.

Im ersten Jahr brachte es der Verein, der bald auf „Leobner Radfahr-Verein" umbenannt wurde, auf 22 ausübende und 16 unterstützende Mitglieder. 41 Herren war Fahrunterricht erteilt worden. Reparaturwart war Josef Lutz, Schlosser aus Göß, der praktischerweise eine Werkstätte vis-a-vis des Vereinslokals Hotels Post am Hauptplatz eingerichtet hatte. Mit dem Wechsel in das geräumigere Hotel Mohr konnten daselbst auch Fahrabende abgehalten werden.

Auch in die Ferne schweifte man: 1887 unternahm Hugo Rößner mit Klubkollegen Potiorek Touren nach Italien und Breslau bzw. Olmütz. Bei festlichen anlässen wurde die dem Radfahr-Verein gewidmete "All Heil"-Polka intoniert.



Funktionäre des RV, um 1895
Funktionäre des RV, um 1895
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Leobner RV nach 1895
Leobner RV nach 1895
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Gescheiterter Putsch der Antisemiten
Der zwischenzeitlich auf 22 ordentliche und zwei unterstützende Mitglieder (1891) geschrumpfte Leobner Radfahr-Verein erfing sich wieder, 1895 wurden 52 ordentliche und drei unterstützende Mitglieder gezählt. Anfang 1896 gab es dann offenbar zu so etwas wie einen „Putsch", in der Obersteirischen Volkszeitung war von einer „Miniaturrevolution" die Rede: Ein gewisser H. Bauer übernahm das Kommando und Schriftführer Waldemar Kjölbye unterrichtete die Behörde von der Umbildung des Vereins in „Leobner Herrenfahrer". Damit verbunden war nicht nur eine explizite Festlegung auf einen reinen Männer- und strengen Amateurverein, sondern eine weitere ideologische Verengung, hieß es doch im neuen Statut, „Vereinsangehörige können nur Deutsche (arischer Abstammung) werden".

Die Kursänderung wurde aber offenbar von der Mehrzahl der Mitglieder nicht goutiert: Bei einer Vollversammlung knapp drei Monate später, am 28.3.1896, wurden Umbenennung und Statutenänderung rückgängig gemacht, der neue Vorstand trat zurück und der Kaufmann Josef Möstl wurde wieder als  Obmann eingesetzt. Nach ihm war es der nachmalige Bürgermeister Dr. Josef Grübler, der über viele Jahre die Geschicke des Leobner Radfahr-Vereins lenkte.

Der deutsch-nationale Geist wehte übrigens in einem anderen Verein weiter, der von „Putschist"  H. Bauer geführt wurde:  Die deutsch-nationalen Radfahrer „Leobner Wanderer" verfolgten den Zweck der „Pflege und Verbreitung des Radfahrens im deutschen Volke als Mittel zur Erhöhung allgemeiner Tüchtigkeit und (...) Anleitung zur körperlichen und sittlichen Ausbildung und Kräftigung", wobei  Mitglieder „nur Angehörige des deutschen Stammes werden" konnten.


Kundmachung 1894
Kundmachung 1894
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Kundmachung 1905
Kundmachung 1905
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„Warmes Interesse vermisst man hier..."
Trotz der rührigen Vereinsaktivitäten kam das Radfahren in Leoben insgesamt nicht recht vom Fleck. Der Gegenwind bei Behörde und Politik, aber auch in der Bevölkerung scheint groß gewesen zu sein, wie sich dem Organ des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes entnehmen lässt: „Warmes Interesse der Bevölkerung am Radsport" vermisse man hier, stattdessen herrschten "Kastengeist" und "große Teilnahmslosigkeit".

Weit gefehlt, wer glaubt, die Reglementierungen seien im Laufe der Jahre gelockert worden: 1894 verschärfte die Gemeinde - wieder nach Eingaben von Bürgern, die sich belästigt fühlten - die Fahrbeschränkungen, sodass generell nur noch im Schritt gefahren werden durfte und das „Umherfahren auf den Plätzen" überhaupt untersagt wurde.

Auch die Erlaubnis, die Gehwege entlang der Reichsstraßen zu befahren, wurde - ausgehend von Leoben - wieder in Frage gestellt und im Ortsgebiet auch tatsächlich wieder abgeschafft. Der Leobner Bezirkshauptmann schlug als Lösung Nummernzwang und verpflichtenden Fahrbefähigungsnachweis vor. Eine weitere Kundmachung, 1905 unterzeichnet von Bürgermeister Josef Grübler, der ja selbst aus der Radfahrerschaft kam, bekräftigte, dass „das schnelle Fahren mit Fahrräder jeder Art (Motor-, Automobil- u. gewöhnlichen Rädern) in der Stadt und die Benützung des Hauptplatzes und der Franz Josefstraße zu Übungsfahrten auf das Strengste geahndet"  wird. 


Schreiben (Petition) LRV in Sachen Rennbahn
Schreiben (Petition) LRV in Sachen Rennbahn
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Ersuchen Leobner BC "Schwalben"
Ersuchen Leobner BC "Schwalben"
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Kampf um eine eigene Bahn
Die schwierige Situation, geeignete Fahrmöglicheiten zu finden, wird in einem Bericht über die Generalversammlung des Leobner RV von 1889 deutlich: „Fahrübungen wurden, nachdem dem Vereine weder eine Winter- noch eine Sommerfahrbahn zur Verfügung steht und der sonst zu Übungszwecken benützte Hauptplatz im vergangenen Jahr derart beschottert war, daß Übungen auf demselben nicht ausgeführt werden konnten, nicht abgehalten."

Von den öffentlichen Verkehrs- und Parkflächen verdrängt, tauchen unter den Leobner Radlern Pläne für eine Renn- und Schulbahn auf, die sich 1889, vor dem Gautag des Steirischen Radfahrerbundes in Leoben im Herbst verdichten. Konkret will Leobener RV ein 400-m-Oval auf der Repetenten-Wiese errichten - in Graz war eben die 2. Bahn In Betrieb genommen worden, Leibnitz hatte auch schon eine. Allerdings gibt man auf, als der Gemeindeausschuss die Öffnung für alle Radler zur Bedingung für die Zurverfügungstellung des Grundes macht.

1890 scheint sich die Lage zwar etwas gebessert zu haben, heißt es doch in einem Bericht über die Generalversammlung, dass 10 Schulfahren in der Sängerhalle und im Stadtparke abgehalten wurden (MStRGV 31/1.5.1891), es folgen aber Eingaben, die letztlich ein Verbot des Übungsfahrens auf dem Hauptplatz zur Folge haben. In den folgenden Jahren wird immer wieder kommerzieller Radfahrunterricht in der Sängerhalle angeboten.


Hauptplatz 1909
Hauptplatz 1909
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Abzeichen Gautag 1923
Abzeichen Gautag 1923

Festumzug 1923
Festumzug 1923
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Spendenmarke
Spendenmarke
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Erste Rennen, eine Warnungstafel und drei Gautage
Das erste Radrennen ist vom 24. Juni 1888 belegt, als der Leobener Radfahr-Verein beim Volksfest des Deutschen Schulvereins eine 500-m-Bahn improvisierte, "die gegen den Andrang des Publikums trotz der Absperrung durch Seile und der Bemühungen vieler Ordner nur mit Mühe und Noth freigehalten" werden konnte. Das Hindernisrennen gewann Lokalmatador und RV-Fahrwart Johann Fischerauer, im Bewerb der Sicherheitsmaschinen ging der Kindberger Thalmann als Sieger hervor. Im folgenden Jahr entschied Fischerauer auf der Grazer Rennbahn das 2000-Meter-Gauverbandsrennen auf den hohen Zweirad mit Vorgabe für sich.

Leoben war dreimal Schauplatz von Hauptgautagen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes, und zwar 1889, 1903 und 1923, jeweils im September. Diese „Gautage" waren große Events; der von 1889 am 7. und 8. September, umfasste einen Empfangsabend, ein Rennen, einen Frühschoppen, die Hauptversammlung, ein Bankett sowie Corso, Schaufahren mit Kunstfahren, einen Commers und schließlich die Preisverleihung. Die Häuser waren beflaggt und am oberen Platze prangte in riesigen Lettern: „All Heil!" als Willkommensgruß. Den in einziehenden Radfahrern wurden auf dem Weg „Blumen von schönen Händen geworfen", die Stadtmusik spielte, zahlreiches Publikum erwartete die Teilnehmer am 50 km-Meisterschaftsrennen, das unterhalb von Peggau - verspätet, wegen des aufgeweichten Zustandes der Straßen - gestartet worden war. Sieger wurde Franz Mlaker vom Grazer Radfahrer-Club in 2h 21 ½ min., obwohl er zweimal gestürzt war.

Beim Schaufahren nahmen 82 Radfahrer teil, Meisterfahrer Hubert Endemann und andere Kunstfahrer zeigten Evolutionen.  „Nach gelungener Arbeit", wie in der "Obersteirer Zeitung" berichtet wird, ging es nach Göß, wo sich die Radler an gespendeten zwei Hektoliter „trefflichen Gösser Stoffes" in Restaurationsgarten labten.

Der Steirische Radfahrer-Gauverband, der seit 1887 quasi die Rolle einer Dachorganisation innehatte und 1889 knapp über 400 Mitglieder zählte, machte sich vor allem durch eine Förderung des Tourenradelns - u.a. mit der Herausgabe von Karten und Führern  („Tourenbuch für Steiermark" 1889, Neuauflagen 1894, 1899) -, der Bestellung von den Radreisenden behilflichen Ortswarten, der Auszeichnung und -Beschilderung von Radfahrer freundlichen Gasthäusern und der Anbringung von Wegweisern und Gefahrenhinweisen verdient. So wurde die erste  Warnungstafel  in der Steiermark in Herbst 1887 am Häuslberg aufgestellt -  im Frühjahr war sie von Vandalen wieder abmontiert worden.

Um die Straßenverhältnisse zu verbessern, wurde vom Verband oder auch von den einzelnen Vereinen Zuwendungen an die Wegeinräumer gezahlt, was auch dem bald aufkommenden Automobil den Weg ebnen sollte. Nicht zufällig waren prominente Vertreter des Radfahrwesens auch die ersten Autofahrer und Autoklub-Funktionäre.  


1903
1903
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Filiale Fahrradhaus
Filiale Fahrradhaus
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Auf "All Heil!" folgte "All frei!"
Der zweite Leobner Bicycle-Club, die „Schwalben",  wurde 1893 aus der Taufe gehoben und nahm explizit Herren und Damen als ausübende Mitglieder auf. Doch schon der Start gestaltete sich schwierig: Bereits im zweiten Vereinsjahr kam es zu einem gröberen Zerwürfnis, der Vorstand trat zurück und die Behörde wurden wegen statutenwidrigen Verhaltens eingeschaltet. Der neue Vorstand entgegnete, es ginge nur um „persönliche Eifersüchteleien" - die Vorhalte hätten sich erledigt, die Unzufriedenen wären in neuen Vereinen untergekommen: Tatsächlich hatten die Schwalben-Mitbegründer Raimund Zwirn und Josef Falmhaupt 1894/95 den Leobner Bicycle-Club und den Radfahr-Club „Edelweis" gegründet. Wie auch der RV „Wanderer" bestand der RC „Edelweis" nur kurz: ersterer wurde 1898 freiwillig aufgelöst, wobei viele Mitglieder zum Geselligkeitsverein „Deutsches Heim" übertraten, letzterer im Jahr darauf.  

Während die bürgerlichen Vereine das Radfahren auf dem Hochrad und ab 1888 auf dem Niederrad primär zu Sport- und Freizeitzwecken nutzen und mit „All Heil!" grüßten, verstärkten die seit 1896 organisiert auftretenden Arbeiterradfahrer den Trend, das Fahrrad als Verkehrsmittel einzusetzen. Ihr Gruß lautete "All frei!"

1898 wurde die Ortsgruppe Leoben des Steiermärkischen Arbeiter-Radfahrerbundes gegründet, zwei Jahre später schlossen sich die Leobner Arbeiterradler - als erste in der Steiermark - dem Verband Österreichischer Arbeiterradfahrer (gegr. 1899) an, der von Graz aus als „zentralistisch" abgelehnt wurde. Es sollte schließlich bis 1928 dauern, bis die beiden „Marken" unter dem Namen Arbeiter-Radfahrerbund Österreichs ARBÖ fusioniert wurden. Die Vorreiterrolle der Leobner Arbeiterradfahrer war wohl mit Grund dafür, dass hier 1919 die erste steirische Filiale des vereinseigenen Fahrradhauses „Allfrei" eröffnet wurde.


Putzker-Vollscheibenrad
Putzker-Vollscheibenrad
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Zieleinlauf Bruck - Leoben 1914
Zieleinlauf Bruck - Leoben 1914
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"Partie nach Leoben"
"Partie nach Leoben"
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Sportliche Erfolge - bald unter Motorführung
Mit dem steirischen und Kärntner Straßenmeistertitel durch Franz Prodinger und Leitner 1903 zeigten die „Schwalben" sportlich auf. Durch eigene Rennen und mit Hilfe des Brucker Bicycle-Club, der 1900-04 die von der Einstellung bedrohten steirischen Straßenmeisterschaften ausrichtete, verlagerte sich in dieser Zeit der Schwerpunkt des Radsportgeschehenes von Graz in die Obersteiermark. Die Zwischenkriegszeit war auch die Ära der schnellen Brüder Franz, Hans und Erich Kollment aus Bruck und Josef und Hermann Kapfenberger aus Leoben - Hermann wurde 1921 auch steirischer Straßenmeister.  

Bei den Gautagen 1903 und 1923 wurde bereits auf Motorfahrzeuge zurückgegriffen: 1903 wurde der Festzug von einer Gruppe Motor-Zweirräder und Motorwagen angeführt, 1923 wurden die Rennen auf der neuen Radrennbahn am Sportplatz des Leobner Deutschen Sportvereins zum Teil mit Motorführung ausgetragen. Die „Schwalben" brachten auch reine Motorradrennen zur Austragung, bei denen quasi im Showteil auch Damen-Radrennen geboten wurden.  Ein kombiniertes Rad- und Motorrad-Straßenrennen ist von 1905 belegt.

Für die Integration der motorisierten Zweiräder sorgte auch Schwalben-Obmann Erwin Putzker, der am Hauptplatz ein Fahr- und Motorrädergeschäft betrieb. Die Motorisierung vollzog sich allmählich auf allen Ebenen: Der Gauverband hatte 1909 eine Motor-Radfahr-Riege eingerichtet, 1932 nannte er sich in „Steirischer Rad- und Kraftfahrer Gauverband" um.

1934 wurden mit allen anderen sozialdemokratischen Einrichtungen auch der ARBÖ, dem in der Steiermark rund 70 Arbeiterradfahr-Vereine angehörten, aufgelöst. Der Gauverband wurde 1936 an den Österreichischen Radfahrer Bund (der austro-faschistischen Österreichischen Sport- und Turnfront) eingegliedert, 1939 erfolgte der Anschluss der noch verbliebenen Radvereine an den Deutschen Reichsbund für Leibesübungen, Gau 17 „Deutschösterreich".  

Nach dem Krieg war es der ARBÖ, der eine passable Rennmannschaft und mit Christian Frisch und Richard Durlacher den Nachwuchs für die Teams des RV Junior und des 
Puch-Dreamteam der späteren 1950er Jahre heranbildete.  

Kriterium, Anfang der 1950er-Jahre
Kriterium, Anfang der 1950er-Jahre
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Statt Volksmotorisierung "Regeneration für das Fahrrad"
Der Regimewechsel nach dem "Anschluss" im März 1938 brachte die Abschaffung der Fahrradsteuer, den Wechsel von Links- auf Rechtsverkehr und die Einführung der im "Altreich" geltenden Verkehrsvorschriften, die insgesamt dem Kfz den Vorrang einräumten.

Doch die in der Zeit der NS-Herrschaft verheißene Volksmotorisierung wurde keineswegs realisiert, im Gegenteil, es kam zu einer ersten Renaissance des Fahrrades, wie dies Propaganda gefärbte Texte aus der "Obersteirischen Volkszeitung" unter schmeichlerischen Titeln wie "Das Fahrrad kommt wieder zu Ehren" oder "Lob des Fahrrades" belegen: "Der Krieg erweist sich, je länger er dauert, umso mehr als eine Art Regeneration für das Fahrrad. Das Kleinstmotorrad, der Volkswagen und der Ausflugsautobus, die es ehedem hart bedrängten, mußten ihm sozusagen wieder die Bahn freigeben." 

Man machte aus der Not eine Tugend und knüpfte an des Jahnsche Ideal an, nicht ohne Häme gegen die Verweichlichung, die so konterkariert wurde: "Ehemalige Autofahrer haben sich zu einer ganz unerwarteten Leibesertüchtigung bequemen müssen, die ihnen gar nicht so übel bekommt." Man kommt zum Schluss, dass sich "mehr Räder als je" auf den Straßen bewegten, notgedrungen: "Sie schließen die Lücke, die der Krieg in die Bestände der übrigen Verkehrsmittel gerissen hat." Schließlich wurde noch darauf verwiesen, dass die Gummiknappheit der Fahrradnutzung enge Schranken setzt. Ab 1939 wurde der Bezug von Fahrrädern kontingentiert, die Fahrradindustrie - auch die steirischen Werke Puch, Junior und Assmann - produzierte fast nur noch für die Wehrmacht. 
Wehrmachtseinheit in Leoben
Wehrmachtseinheit in Leoben
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"Der Radler werden immer weniger ..."
Die Verhältnisse sollten sich erst in den 1950er Jahren gravierend ändern, als tatsächlich das zwei- und vierspurige Kfz seinen Siegeszug antrat und das Fahrrad an den Rand drängte. Ein "Tag des Fahrrades", der vom Steirischen Radfahrer-Verband und der "Kleinen Zeitung" initiiert wurde, sollte dieser Entwicklung entgegensteuern und machte 1959 in Leoben Station. In einem bunten Programm fanden sich neben einem Kriterium auch ein Sandbahnrennen im Stadion, ein Auftritt der Kunstradfahrer und die Wahl zur "Miss Velo".

Die Einleitung des Berichts liest sich allerdings wie eine düstere verkehrspolitische Diagnose: "Auto, Motorrad und Moped verdrängen das einst so bleibte, brave und anspruchslose Fahrrad immer mehr. Der Radler werden immer weniger, nicht weil das Radeln aus der Mode gekommen wäre, sondern weil auf die Radfahrer zu wenig Rücksicht genommen wird."

Literatur und Quellen
Hilde HARRER, Grazer Radfahrvereine 1882-1900. Ein Beitrag zur Geschichte des steirischen Radfahrwesens (Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark, hg. von der Historischen Landeskommission für Steiermark XLI. Band), Graz 1998
Archiv MuseumsCenter Leoben, GdV 573 (Pläne für Rennbahn auf Repetenten-Wiese)
Allgemeine Sport-Zeitung, Wien,
28.9.1882, 743
Mittheilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes, Graz, 8/1.1.1888 (All Heil-Polka),
5/15.3.1888 (Kritik an Leobner Publikum, Warnungstafel); 14/14.5.1889 (Pläne für Rennbahn auf Repetenten-Wiese); 20/1.3.1890 (Bericht Generalversammlung)  
Obersteirer Zeitung 12.9.1889, 2f

Obersteirische Volkszeitung 5.4.1896, 3 ("Putsch" beim LRV); 9.9.1903, 5; 1.9., 11.9.1923, 2f (Gautage); 23.8.1905, 4 (Motorrad-/Radstraßenrennen); 30.8.1923, 3 (Damenbewerb Schwalben); 6.5.1943 ("Das Fahrrad kommt wieder zu Ehren") 
Tagespost, Graz, 10.8.1913 (Venedig-Reise)
Kleine Zeitung, Graz, 9.6.1959, 7, "Das Fahrrad feierte einen Triumph in Leoben"

Dieser Artikel entstand im Rahmen der Ausstellung "RadKult", die von 28.4.-30.9.2012 in der Kunsthalle Leoben gezeigt wurde und zu der es eine Reihe von Rahmenveranstaltungen gab. In kleinerem Rahmen gab es auch danach textliche bzw. illustratorische Adaptierungen.

WOLFGANG WEHAP