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Puch: Zum 150. Geburtstag Museum neu eröffnet

In der historischen Halle "P" wurde das Puch-Museum neu aufgestellt. Die Radabsteilung fristet nachwievor ein Schattendasein, wenngleich man sich nun mit dem - angeblich - ersten Puchrad schmückt.


Jubiläumsmarke und Ersttagsbrief
Jubiläumsmarke und Ersttagsbrief
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Kreuzrover
Kreuzrover
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Die offizielle Eröffnung erfolgte am 30. Juni, schon am 27. war in der nunmehr bezogenen Halle "P" (für "Pinzgauer", dem ebenfalls hier gefertigten Geländewagen) ein Sonderpostamt eingerichtet. Die Post hat eine neue Marke anlässlich des 150. Geburtstages (geb. 27.6.1862) aufgelegt, sie zeigt ein Porträt des Altmeisters und das Fahrrad Mod. IV aus dem Katalog 1901 bzw. am Ersttagsstempel ein Vollscheibenrad aus dem gleichen Katalog.

Bei der Vorlage für die Stampilgie blieb man offenbar gezielt auf der sicheren Seite und wählte nicht das der Legende nach erste Puchrad, einen Kreuzrover, der nun auch ausgestellt ist. Der im Besitz der Familie Edegger befindliche Rover mit Vollgummibereifung, vermutlich ein Kinderrad, weist einige Besonderheiten wie eine Stempelbremse mit eisernem Bremsschuh, eine Aufstiegshilfe an der hinteren Achse und eine dicke Blockkette auf. Nicht original ist die Karbidlampe späteren Datums sowie diverse Halterungen. Auf der sicheren Seite blieb man auch deswegen, weil Puchs Fabrikate erst 1899 unter seinem Namen firmierten - vorher war "Styria" der Markenname.  


Inserat 1889
Inserat 1889
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Rechnung 1889
Rechnung 1889
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Werkstatt Luchscheider
Werkstatt Luchscheider
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Legende vom ersten Puchrad
Der Legende nach hat Puch den Kreuzrover um 1888 als Gesellenstück verfertigt. Die ersten Niederräder sind in Graz 1887/88 dokumentiert, dass Puch genau dieses gefertigt hat, ist jedoch nicht belegt. Generell geht man davon aus, dass er in der ersten Zeit seiner Selbstständigkeit - bis 1888 war er ja im Dienste diverser Fahrradmechaniker und -bauer wie Luchscheider, Allmer und Albl - englische Fabrikate importiert und verkauft hat. Seine ersten eigenen Fahrräder, die unter der Marke "Styria" liegen, baute er auch nach dem System "Humber", d.h. nach den Konstruktionsmerkmalen eines frühen Diamantrahmens. Dass er jemals Räder mit Kreuzrahmen gebaut hat, ist unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Im Katalog 1892 findet sich beispielsweise auch ein Rover, bei dem ein zusätzliche Oberrohr angebracht ist.

Die Quellenlage zum Kreuzrover seitens des früheren Besitzers, des 1991 verstorbenen  Vizebürgermeister Erich Edegger, hilft auch nicht weiter: Bekannt ist nur, dass er das Rad Mitte der 1980er Jahre einem Antiquitätenhänder abgekauft hat, der behauptete, dass es sich um das erste Puchrad und somit um eine besondere Rarität handelte. Erich Edegger zahlte damals 50.000 Schilling dafür, einen Betrag, den er ohne Nachweis oder zumindest konkreten Hinweis auf die besondere Provenienz wohl nicht ausgelegt hätte. Auf einem Foto aus dieser Zeit ist eine Art Plakat im hinteren Laufrad angebacht, das die Herkunft ausweisen soll: "Erstes Rad von Puch 1889". Zumindest die Datierung könnte hinkommen, stammt doch eine von Puch selbst gezeichnete Rechnung aus dem Jahre 1889. Doch, wie gesagt, stichhaltige Befunde wie Urkunden, Stampiglien auf den Teilen oder auch nur schriftliche Modellbelege, die eine Einordnung des Einzelstücks erlaubten, gibt es nicht.       


Eisrad
Eisrad
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Enge Präsentation
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Puch Camping Klapprad
Puch Camping Klapprad
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Museum oder Depot?
Wie schon in der alten Aufstellung eine Halle weiter sind die Fahrräder in der 1912 errichteten Halle "P" in einem eigenen Segment ausgestellt; durchaus interessante Teile, Waffenräder, Renn- und Alltagsräder, sehr viel aus den 1960er bis 1980er Jahren, zur Verfügung gestellt von alten "Puchianern". Auch die 1997 bei der Räumung des Reinerhofs geborgenen Teile von Puchs Arbeitgeber Luchscheider genutzte Werkstätte ist zu sehen. Doch wie auch bei den Fahrrädern ist die Dokumentation rudimentär bzw. über die Begleitteste kaum oder gar nicht nachvollziehbar. 

Die Aufstellung bzw. Hängung der Räder ist so, dass BesucherInnen die meisten Objekte, egal ob weitgehend in Originalzustand oder "verbastelt", nicht näher in Augenschein nehmen können. Dies lässt den Eindruck eines Depots aufkommen und die museumpädagogische Aufgabe eines Museums, Technik- und Zeitgeschichte mit Vita von Objekt und NutzerIn zu verbinden und in einen Kontext zu stellen, missen. Zu hoffen ist, dass die von Obmann Peter Piffl-Percevic bei der Eröffnung in Aussicht gestellten Sonderausstellungen und Veranstaltungen hier zu Nacharbeiten genutzt werden - Verbesserungspotenzial wäre jedenfalls vorhanden. Auch wenn sich die Art der Präsentation durch die ganze Schau zieht, bei den Rädern sind die Beschreibungen besonders frugal ausgefallen - was eben unterstreicht, dass der Schwerpunkt des Puchmuseums anderswo liegt.      


Demo vor der CA
Demo vor der CA
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Ende des Zweirades vor 25 Jahren
Ein zweites denkwürdiges Datum fand indes weit weniger Beachtung: Anfang August 1987, also vor 25 Jahren, lief das letzte Puchrad vom Band, von 1.800 "Zweiradlern" wurden 650 ins Vierrad umgeschichtet, der Rest abgebaut und entlassen. Maschinen und Marke wurden an den Konkurrenten Piaggo verkauft.

Vinzi-Pfarrer Wolfgang Pucher, der die Segnung vornahm und sich als Puch-Fan outete, erinnerte bei der Eröffnungsfeier daran: "Weinen hätte ich können."  

Die Grazer Rathaus-Achse Alfred Stingl - Erich Edegger setzte sich seinerzeit zwar für den Erhalt des Zweirades ein, sie blieben aber ebenso erfolglos wie eine Bürgerinitiative rund um die Liebenauer Ärzte Gustav Mittelbach und Rainer Possert. Am 19.2. demonstrierten rund 800 Menschen vor der CA, der Eigentümerbank, bei Regen in der Herrengasse gegen die Schließung, auch aus der Belegschaft kam offener Widerstand. Der damalige KPÖ-Gemeidnerat Ernest Kaltenegger: "Die Verschleuderer des Zweiradwerkes haben sich durchgesetzen können, weil die Großparteien und der Betriebsrat keinen ernstzunehmenden Kampf gegen die Zusperrer organisieren wollten und weil der Vorstand die Rückendeckung der Regierung hatte."

Die Würfel waren längst gefallen, die Entscheidungsträger setzten auf das Auto, insbesondere das allradgetriebene, und glaubt nicht an das Zweirad. Bezeichnend die Aussage von Vorstand Otto Voisard, der 1990, als das Fahrrad bereits wieder bereits wieder boomte, meinte: "Im Vergleich zur Zeit vor zwanzig Jahren ist auch die derzeitige Nachfrage mickrig. Damals fuhr noch jedermann Rad, heute ist es lediglich ein Freizeitvergnügen, ähnlich wie Hula-Hoop-Reifen". und Die weitere Geschichte ist bekannt: 1998 übernahm Frank Stronachs Magna Steyr-Daimler-Puch, 2002 verschwand der Name Puch endgültig aus der Firmenbezeichnung, die nun Magna-Steyr lautet. Die Marke "Puch" wurde zum Wanderpokal, heute vertreibt der schwedisch-italienische Marken-Multi "Cycleurope" Fahrräder im Mittelpreis-Segment unter diesem Label.

Übrigens: Ganz augelöscht ist der Name Puch doch nicht. Es gibt weiter den Allgemeinen (früher Arbeiter) Sportverein "ASV Puch" mit zahlreichen Sektionen, darunter der Philatelie, von der der Anstoß für die Jubiläumsmarke kam, und - danke Brigitte Schicho für den Hinweis, c'est la vie - die Autobahnabfahrt "Graz-Puchwerk".

(ARGUS)