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Um Pavia - Zwischen Kulturgenuss und Patschenpicken

Pavia liegt 30 km südlich von Mailand und gilt als „Reishauptstadt" Italiens. Hier, genauer gesagt im Vorort San Genesio ed Uniti, starteten die fünf Touren der RadkulTour 2012 der Radlobby ARGUS Steiermark wie immer sternförmig in die Lomellina, die Ebene zwischen Ticino (Tessin) und Po.


Lomello Battistero e basilica S. Maggiore
Lomello Battistero e basilica S. Maggiore
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Stephan als Guide
Stephan als Guide
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Bereguardo ponte di barche
Bereguardo ponte di barche
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Durch die Lomellina
Der Film „Riso Amaro" aus dem Jahr 1949 erzählt verklärend vom Aufbegehren der "Mondine" (Reisbäuerinnen). Heute ersetzen Maschinen die schwere Handarbeit von damals, geblieben sind die Reiher, die in den überfluteten Reisfeldern nach Nahrung suchen. Nach der Mittagspause beim kleinen Castello von Alagna radelte die Gruppe weiter nach Lomello, das der Gegend ihren Namen gab. Vom einst bedeutenden Stützpunkt der Römer und Langobarden ist heute nur noch die wunderschöne backsteinrote Kirche S. Maria Maggiore und das Baptisterium aus dem 8. Jh. geblieben. Anfang des 20. Jahrhunderts von Wohnhäusern völlig umschlossen, erkannte man schließlich den Wert des Komplexes, und in einer einmaligen Kooperation kauften Gemeinde, Kirche und Staat die umliegenden Gebäude auf, brach diese ab und stellten den ursprünglichen Zustand wieder her.

Im Castello, heute Rathaus, befinden sich im Vorzimmer des Bürgermeisters schöne Fresken. Im Archiv sind antike Mosaike ausgestellt. Die ebenfalls sehr interessante romanische Kirche San Michele war leider geschlossen. Pieve die Velezzo, ein paar Kilometer außerhalb, wurde vor ein paar Jahren aufgegeben. Die romanische Kirche ist inzwischen baufällig, das ovale Baptisterium konnte jedoch besichtigt werden. Mit dem Zug ging es dann zurück nach Pavia.


Pappelwald im Parco del Ticino
Pappelwald im Parco del Ticino
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Ticino in Pavia
Ticino in Pavia
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Am Ticino entlang
Am Ticino entlang
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Gruppe unterwegs
Gruppe unterwegs
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Schlösser und Kirchen
Gleich in der Nähe des Hotels liegt die Certosa di Pavia (Kartause von Pavia). Ende des 14. Jahrhunderts von Gian Galeazzo Visconti begonnen, dauerte die Fertigstellung 200 Jahre. Ein Mönch führte die Gruppe durch das Kloster. Beeindruckend waren die vergleichsweise komfortablen Zellen, eigentlich eher kleinere Reihenhäuser mit Gärtchen, welche die Kartäuser früher bewohnten und die sie nur für den Kirchgang verließen. Mit Essen und Getränken wurden sie über eine drehbare Durchreiche versorgt, die verhinderte, dass sie die Person draußen sehen konnten.

Weiter ging es in das kleine Bauerndorf Bereguardo, das bereits bei den Visconti sehr beliebt war. Das Castello Visconteo - heute Rathaus - wurde im 14. Jh. zur Sommerresidenz umgebaut.
Bei der Schwimmbrücke über den Ticino nutzen einige die Gelegenheit für ein erfrischendes Bad im Fluss. Sehr schön zu beobachten waren dort diverse Fische, farbenfrohe Libellen, Seidenreiher und sogar eine kleine Wasserschlange.

Durch das Landschaftsschutzgebiet des „Parco Naturale della Valle del Ticino" ging es auf schattigen Waldwegen nach Pavia. Über die nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder errichtete gedeckte Brücke gelangte die Gruppe in die Stadt, und nach einem Eis folgte die Besichtigung einer der schönsten romanischen Kirchen der Stadt, S. Michele Maggiore.

Das Castello Visconteo, der wohl bedeutendste lombardische Schlossbau, entstand ab dem 14. Jahrhundert. Dort gab es aber nur einen kurzen Halt. Ein weiteres romanisches Kleinod, die Basilika S. Pietro in Ciel d'Oro, in dem unter anderem das marmorne Grabmal des Kirchenvaters Augustinus zu sehen ist, war die letzte Station der Reise. Dort wurde die Radlgruppe von einer Blaskapelle empfangen, allerdings war die Besichtigung wegen des kurz bevor stehenden Besuchs des Kardinals von Mailand anlässlich des Augustinus- Festes nur eingeschränkt möglich.


Mezzana Corti - am Po-Deich bei 36 Grad
Mezzana Corti - am Po-Deich bei 36 Grad
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Universuta aula
Universuta aula
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Basilica di San Michele
Basilica di San Michele
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Erfrischendes Gelato
Erfrischendes Gelato
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Pavia
Pavia ist mit einer der ältesten Universitäten der Welt, aus dem Jahr 1361, auch Stadt der Wissenschaft: Die Habsburger hatten den Wert von Forschung und Lehre erkannt und so hat Kaiserin Maria Theresia wissenschaftliche Stars ihrer Zeit, wie Alessandro Volta, den Erfinder der Batterie, oder den Mediziner Scarpa nach Pavia geholt und heute für Uni-Angehörige unvorstellbar gute Konditionen geboten. So konnte Scarpa teure Wachsmodelle des menschlichen Körpers aus Florenz erwerben und Volta durfte so viel Reisen wie er wollte und alle wissenschaftlichen Geräte, die er brauchte, besorgen. Von diesem Ruhm und den Erkenntnissen profitiert nicht nur Pavia noch heute, wenn auch die Mittel dort inzwischen ebenso limitiert sind wie überall.

Früher waren die Geschlechtertürme Wahrzeichen der Stadt. Heute gibt es nur noch wenige davon. Nach einer Pause in ihrem Schatten ging es nach einem Eis über die gedeckte Brücke hinaus zum Ufer des Ticino, wo vor der Weiterfahrt nochmals Abkühlung im Fluss gesucht wurde. An dieser Stelle gab es neben den Fischen noch unzählige Muscheln. Gleich ein paar Meter hinter der Stadtgrenze ging es dann über Deiche und Brücken ins Flussland des Ticino und ein Stück entlang des Po.

Auf dem Rückweg nahm kurz vor dem Hotel das Schicksal dann seinen Lauf. Begonnen hat die Pannenserie bereits mittags mit einer abgebrochenen Sattelstütze von Christofs „Crazee Edelweiss". Es folgte ein Sturz aufgrund eines blockierenden Zahnrades, eine abgesprungene Kette und dann innerhalb einer Viertelstunde eine unglaubliche Serie von zahlreichen Patschen, von der in Folge fast alle MitradlerInnen betroffen waren. Spitzenreiter war Christof mit sieben Löchern in einem Reifen. Aufgrund der inzwischen einsetzenden Dunkelheit gelang es trotz vorbildlicher Teamarbeit nicht, alle Räder wieder fahrbereit zu bekommen. Ein freundlicher Camper und das Hotelshuttle luden die defekten Räder auf und führten sie zum Hotel zurück.


Regionale Spezialitäten
Regionale Spezialitäten
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Riparazioni ...
Riparazioni ...
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... in San Genesio
... in San Genesio
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Auf den Spuren von Leonardo und Reparatur-Workshop
An diesem Vormittag stand Leonardos „Letztes Abendmahl" auf dem Programm. Da die seit Monaten vorbestellten Karten nur in einem Fenster von genau einer Viertelstunde gültig waren, musste die Gruppe an diesem Tag leider auf die Fahrräder verzichten, da die Materialeinkäufe und Reparaturen länger gedauert hätten. Mit der S-Bahn ging es also nach Mailand. Dort besuchte die Gruppe eine der genialsten, meistgedeutetsten und mysteriösesten Schöpfungen Leonardo da Vincis, das Cenacolo (letztes Abendmahl). Auch wenn Leonardo das Fahrrad definitiv nicht erfunden hat Externe Verknüpfung 
(eine Zeichnung wurde ja 1997 als Fäschung entlarvt, Anm.), hätte dieses geniale Fahrzeug von ihm sein können. Das Museo della Scienza e della Tecnica Leonardo da Vinci zeugt davon. Das Kanalsystem um Mailand beruht ebenfalls auf der Lehre des Meisters, wurde aber erst unter Napoleon fertiggestellt.

Die Fahrt entlang des Naviglio Pavese musste aber leider ausfallen. Dafür wurde dann spontan nach der Rückkehr ein an sich nicht geplanter Programmpunkt, nämlich ein gemeinsamer Radreparatur-Workshop eingefügt. Die Gruppe war aber offenbar in diesen Tagen nicht alleine mit dem Patschen-Problem. Auffällig waren unzählige Dornen, die reiszweckartig in den Mänteln steckten. Sie mussten von morgensternartigen Früchten einer rätselhaften Pflanze stammen. Der Radmechaniker konnte jedoch auch nicht sagen, woher diese „maledette spine" (verfluchten Dornen) stammten. Er war ebenfalls schon völlig verzweifelt und hatte kaum noch Material, das er verkaufen konnte. Sämtliches Pickzeug war bereits ausverkauft, und Nachschub sollte erst am nächsten Tag geliefert werden. Auch neue Mäntel wollte und konnte er uns nicht in größeren Mengen verkaufen und riet, die Dornen mit einer Pinzette zu entfernen. Auch war er so überlastet, dass er keine Reparaturaufträge annehmen konnte, sodass für den Rest des Nachmittags im Keller des Hotels kollektives Schrauben, Zupfen und Picken angesagt war.


Filighera gambero
Filighera gambero
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Klettert harmlos über Wege ...
Klettert harmlos über Wege ...
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... maledetta pianta
... maledetta pianta
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Die Genüsse der Bassa Pavese
Gleich am Morgen überzeugte man sich, ob die Reifen noch genügend Luft hatten, und es war auch nur ein Fahrrad wieder platt. Nach erneuter Reparatur ging es diesmal in den östlichen Teil der Provinz, in die „Bassa Pavese". Durch das Naturschutzgebiet von S. Alessio gelangte die Gruppe nach Filighera. Dort waren Radweg und Fahrbahn übersät von teilweise bereits überfahrenen Krebsen, diesmal Neozoen, die zu hunderten aus den Reisfeldern gekrochen kamen. Ihre Taktik, sich bedrohlich aufzustellen, mag gegen natürliche Feinde Sinn machen, ein Fahrzeug überzeugt das eher nicht. Der Louisiana-Flusskrebs (Procambarus clarkii) auchExterne Verknüpfung 
Roter Amerikanischer Sumpfkrebs genannt, wurde entweder versehentlich eingeschleppt oder, was wahrscheinlicher ist, von den Bauern als Zusatzeinnahmequelle in den Reisfeldern gezüchtet. Er ist essbar, aber das Fleisch ist eher von minderer Qualität.

Die Gruppe gelangte schließlich nach Belgioioso. Die dortige Burg aus dem 14. Jh. wurde im 18. Jh. zu einer noblen Residenz umgebaut. Bemerkenswert ist auch der große italienische Park, den mehrere Architekten gestaltet haben, der allerdings nur bei Festivitäten geöffnet ist. Während der Mittagspause gab es eine üppige Verkostung regionaler Spezialitäten von Bauern der Umgebung, unter einen Bonarda Frizzante aus dem Oltrepò Pavese. Nach der Pause musste wieder ein Fahrrad repariert werden.

Auf dem Rückweg begab man sich mit detektivischem Spürsinn dann noch auf eine Erkundungstour entlang des Kanals auf der Suche nach der rätselhaften Rad-Killer-Pflanze. Es stellte sich heraus, dass es sich um den Externe Verknüpfung Erd-Burzeldorn oder auch Erdsternchen (Tribulus terrestris), einen Neophyten handelt, der aus der Phytotherapie auch als Dopingmittel bekannt ist. In unserem Fall hat er diese wirkung gänzlich verfehlt und vielmehr die ganze Gruppe lahmgelegt. Heimisch ist er in tropischen und subtropischen Ländern. Er ist eine unscheinbare kleine Pflanze, die im Bereich des Straßenrandes wurzelt und lange Ausläufer bildet, die genau in die Fahrspur der RadlerInnen hineinragten. Blüten und Samen sind gleichzeitig an der Pflanze zu finden.

Der Radhändler wurde nochmals aufgesucht und ein Stück der Pflanze dort abgegeben. Er wollte selbst die Stadtverwaltung informieren und auffordern, etwas dagegen zu unternehmen. Auch die Gruppe schrieb noch einen Brief an den Bürgermeister und schilderte den Vorfall und es bleibt zu hoffen, dass ernsthaft etwas dagegen unternommen wird.

HEIDI SCHMITT