Grazer Radfahrer Club
 
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Ein ambivalentes Verhältnis: Rosegger und das Radfahren

2013 wird der 170. Geburtstag des steirischen "Nationaldichters" Peter Rosegger begangen. Dem Radfahren stand er - wie Werk und Vita zeigen - ambivalent gegenüber.


War selbst kein Radler: Peter Rosegger
War selbst kein Radler: Peter Rosegger
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Externe Verknüpfung Peter Rosegger (1843-1918), der es vom Bergbauernbuben zum Journalisten und angesehenen Heimatdichter brachte, lebte in einer Zeit der technischen und gesellschaftlichen Umbrüche und schrieb kulturkritisch vor allem über den Niedergang des Bauernstandes. Er wird aber auch als Sympathisant und Wegbereiter der Reform- und Ökologiebewegung gesehen.

Als er in den 1880er Jahren - schon um die 40 und beruflich bereits erfolgreich - erstmals ein Hochrad sah, verfasste er zwar nicht gleich eine Erzählung wie über seine erste Fahrt auf dem Dampfroß, aus einer Schilderung des Fahrradpioniers Franz Röschel ist aber Roseggers eher skeptische Reaktion dazu überliefert. Schauplatz der Begegnung war Mürzzuschlag, wo Röschel gemeinsam mit dem Wiener Tourenradler Jeremias Zwirn gerade Mittagsrast einlegte. Rosegger sah die abgestellten Bicycles und inspizierte sie neugierig, was die Besitzer beobachteten und den ihnen zunächst Unbekannten zur Rede stellten. Dieser stellte sich vor, und Zwirn erklärte ihm das Gerät und seinen Gebrauch. Doch die folgende praktische Vorführung endete mit einem Beinaheköpfler Zwirns und den Worten Roseggers: „Na, na, dies is nix für unserans, dös is ehender was für d´ Seiltänzer! Wir Steirer hab´n gern was Festeres unterm Schuhzeug!" 

Franz Röschel, der 1893 beruflich von Wien nach Bruck an der Mur zog und eine Schlüsselfigur des Brucker Bicycle-Club wurde, beendet seine Schilderung versöhnlich: Als er Rosegger nach Jahrzehnten wieder traf, erinnerte sich dieser an die Begebenheit, "indem er bewundernd mit großer Anerkennung über das Radfahren sprach."

Dennoch: Während sich Rosegger mit anderen technischen Errungenschaften wie der Eisenbahn sehr wohl anfreunden konnte, war dies beim Radfahren anscheinend nicht so der Fall. Anders als etwa die Literaten des Wiener Kreis ("Jung Wien"), die um die Jahrhundertwende auf Sommerfrische mit dem Fahrrad auch durch das steirische Salzkammergut pedalten, hat er das Radeln offenbar gar nie erlernt. In einem 1894 publizierten Aufsatz eines Autorenkollegen heißt es denn auch, er, Rosegger, fühle keine Lust, sich "dem beweglichen Fahrzeuge anzuvertrauen ...". Er hatte lieber festen Boden unter den Füßen. Daran konnte auch der Umstand nichts ändern, dass er unter Radsportfeunden verkehrte: Mit dem Grazer Hutfabrikanten Josef Pichler war er verschwägert, mit dem Direktor der Universitätsbibliothek und Literaturforscher Anton Schlossar war er ebenso befreundet wie mit Brauereibesitzer Hans von Reininghaus und den Mürzzuschlager Sportskanonen, dem Hotelier Toni Schruf und dem Industriellen Eugen Bleckmann. Dass die deutsch-national dominierte frühe Radlerszene ihm ihrerseits mit Wohlwollen begegnete, kann aus dem Umstand herausgelesen werden, dass der Steirische Radfahrer-Gauverband einen "Rosegger-Bausteinfonds" (zugunsten des Deutschen Schulvereins) unterstützte.



Die Gefahren des Hochradfahrens
Die Gefahren des Hochradfahrens
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Wider die Tyrannei des Reitrades

Als Journalist und Publizist zählte Rosegger zu den wichtigen Meinungsmachern in einem noch überwiegend agrarisch geprägten Land. Ab 1876 gab er in Graz die Zeitschrift „Der Heimgarten" heraus, die sich besonders der Pflege volkstümlicher und mundartlicher Dichtung widmete und sein Sprachrohr wurde. Die mit Abstand freundlichste Formulierung, die dem Heimatdichter über das Radfahren zugeschrieben wird, hat dieser als „Goldene Worte" für die Festschrift des Bundestags des Deutschen Radfahrer-Bundes 1895 in Graz verfasst:

"Es ist mir ein wahres Vergnügen, einen Radfahrer auf der Straße glatt, rasch und still daher gleiten zu sehen. Nur bangt es mir manchmal um seine Gesundheit. Wenn es sicher ist, dass die Radfahrerei, klug und mäßig betrieben, für die Organe nicht schädlich ist, dann preise ich diese Erfindung als eine der nützlichsten und köstlichsten."

Einen anderen Ton schlägt er im "Heimgarten" an, als es darum geht, die in seinen Augen bedrohten und verdrängten Fußgänger zu verteidigen, wobei er die Radfahrer als „natürliche" Gegner sieht:

"Die Fußgeher und die Radfahrer sind nicht bloß verschiedene Parteien, sie sind verschiedene Wesen. Die einen kriechen, die anderen fliegen. Der Käfer und die Libelle. Nur schade, daß diese Libelle für ihren pfeilschnellen Flug doch noch eines handbreiten Streifen Scholle bedarf von der Straße, die der Fußgeher gerodet und gebaut hat, die der Fußgeher erhält und bewacht. Der Fußgeher ist der älteste Bürger der Straße, dann kam der Reiter, dann kam der Fuhrmann; ohne einige Befehdung ging es nicht ab, der Fußgeher wurde etwas an den Rand gedrängt, aber auf diesem Bürgersteige fühlte er sich sicher, und die reitenden und fahrenden Herren zollten ihre Mauten. Da kam der Radfahrer angesaust, plötzlich und unvermittelt. Weder Straße noch Gesetz waren auf ihn vorbereitet, er zahlte keine Maut und keine Steuer, aber kühnlich eignete er sich die Fahrbahn an und den Reitweg und den Steig des Fußgehers. Der letztere war ihm am liebsten; er brauchte mit seiner Schelle nur zu klingeln, so sprang der Fußgeher zur Seite und blickte mit Bewunderung der Libelle nach. Ein einziges Bäuerlein war, das den ersten Radfahrer, den es sah, für einen verrückt gewordenen Scherenschleifer hielt - der Frevler wurde niedergerannt. Auch mancherlei anderes wurde niedergerannt, Ziegen, Kinder, alte Weiblein, Enten, Hunde; die Schuld war an ihnen, sie waren nicht ausgewichen oder zu langsam und ungeschickt." (1896)

Rosegger pocht auf das ältere Recht der Fußgänger und lehnt es ab, alte Verhaltensweisen und erworbene Privilegien aufzugeben. Der Schreck ist groß, wenn man harmlos seinen Erholungsspaziergang macht und ganz plötzlich huscht in nächster Nähe „lautlos so ein Gespenst vorüber, den Rock streifend". Der Heimatdichter lässt sogar gewisse Sympathie für jene erkennen, die ob dieser Bedrohung zur Selbsthilfe greifen: „Man hat bemerkt, daß die Radfahrer manchmal von Landbewohnern und auch anderen `attackiert´ wurden. Ich entschuldige das nicht, aber ich begreife es". Das Gefühl der „Fluchtsicherheit" sei es, das den Radfahrer „keck und grob" mache. (1897)

Für Rosegger ist das Fahrrad die noch größere Gefahr als das Auto, wie er 1903 schreibt: Selbst wenn der Fußgänger im hektischen Verkehrsgetriebe noch so aufmerksam ist, 

"(...) noch bedroht ihn das furchtbare Automobil, das die Geschwindigkeit der Elektrischen, aber nicht ihren vorgezeichneten Weg hat, und dessen geheimnisvolles Pusten man erst versteht, wenn es einem schon an den Leib rückt, und noch schlimmer das unaufhaltsame Reitrad, das darauf angewiesen ist, sich just durch diese Engpässe, die dem Fußgänger noch übrig bleiben, hindurchzuzwängen. Das Automobil ist die brutalste, das Reitrad die tückischste dieser Gefahren. Hier wie dort maßt sich der einzelne an, mir nicht nur, wie es das Fahren längst mit sich brachte, den Weg vorzuschreiben, sondern mich zur demüthigen Flucht, zum furchtsamen Rennen, zur äußersten Kraftanstrengung des Gepeinigten zu verurtheilen." 

Besonders wurmt den Schreiber, dass sich die Fahrradnutzung nicht an die sozialen Klassen halte: „Aber daß jeder Laufbursche, der auf dem Rade thront, mich, der ich ruhig an meine Geschäfte gehe, zu einer Art Cake-Walk-Tanz (sic!) auf offener Straße nötigen kann, das geht über alle Geduld und Fügsamkeit, die in einem demokratischen Gemüth liegt." Und: „Das Vorrecht des Rades ist zur Tyrannei geworden, es trägt alle Kennzeichen des Despotismus an der Stirne (...)" 



Kunstfahren ... wie "Seiltänzer"
Kunstfahren ... wie "Seiltänzer"
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Radfahren im "Heimgarten"
Immerhin räumt der Heimgärtner ein, dass das Radfahren auch gute Seiten hat; recht wenig hält er jedoch von sportlichen Ambitionen. Zu praktischen Zwecken oder zur Erholung sei es eine schöne Sache, aber das Radfahren stehe in Gefahr, wie viele andere Betätigungen - etwa Jagen oder Bergsteigen - auch, „vom Sport zu Tode gesündigt zu werden". Viele der „fernhungrigen Luftschnapper" führten ihre „lungenlähmenden Touren" nur darum aus, „um dann prahlen zu können. Und auf diesem Triumphzug sind sie imstande, alles zu zermalmen, was ihnen zufällig in den Weg läuft oder ruhig auf dem Wege dahinschreitet." Rosegger setzt auf die Radfahrvereine, die ihren Mitgliedern Mores lehren sollen:

"Gegenwärtig ist die Radfahrerei noch in den Flegeljahren. Die Radfahrervereine werden ihre Mitglieder erziehen, ihre Bestrebungen adeln, den Mitmenschen anpassen, und die nächsten Geschlechter werden überzeugt sein, daß Radfahren kein windiger Sport ist, sondern eine herrliche Erfindung voll des Nützlichen und Angenehmen."

Welche Bedeutung der Radsport vor der Jahrhundertwende erlangt hat, räumt er in einer Schnurre, erschienen im "Grazer Sport-Blatt" ein: Sie spielt im Gasthaus "Zur Rose" nahe der Hauptstadt, das, obwohl verkehrsgünstig gelegen, unter Gästeschwund leidet. Der schlaue Hausknecht rät dem Wirten, ein ausgedientes Fahrrad vor die Türe zu stellen und am Fenstersims eine Radlermütze hinzulegen, um die vorbeisegelnden Radfahrer zum Einkehren zu bewegen. Tatsächlich hält ein Radler und nach ihm der nächste usw., und weil das Angebot auch stimmt, ist die simple Marketing-Idee ein durchschlagender Erfolg.

Als Herausgeber lässt Rosegger aber auch andere Positionen zu. So ermuntert er den jüngeren Schriftstellerkollegen Externe Verknüpfung Josef Wichner (1852-1923), Germanist und Gymnasialprofessor in Krems, sich des inzwischen omnipräsenten Themas anzunehmen. Wichner erlernt selbst das Radfahren, um einen authentischen Bericht verfassen zu können, der unter dem Titel „Etwas übers Radfahren" veröffentlicht wird und geradezu euphorisch ausfällt:

"Und wie wunderlich ist´s, am frühen Morgen oder in kühleren Abendstunden durch die reizendsten Landschaften dahinzufliegen, entgegen dem erquickenden Strome balsamischer Lüfte! Wie labt sich der Blick an den wechselnden Bildern und wie schmeckt nach vollbrachter Arbeit die Labung, die der Wirtin Töchterlein mit segnendem Lächeln bietet! Der Radfahrer ist ein Freiherr in des Wortes schönster Bedeutung, ihn bindet nicht die Minute, die das gewaltige Dampfroß beherrscht, er entflieht im Nu dem Gefängnisse der Mauern und dem Tagesgetratsche und rettet sich in das ferne, blühende Thal, in die beglückende Einsamkeit der heiligen Natur."

Die Konflikte mit den anderen Straßennutzern sieht er zwar, leitet daraus aber - anders als Rosegger - einen notwendigen Gewöhnungseffekt und Erziehungsprozess ab: „Das Volk muß eben auch fürs Radfahren erst erzogen werden." Wichner anerkennt die Bedeutung des Fahrrades für das tägliche Leben, auch ökonomisch ("eine gar brauchbare Waffe in dem harten Kampf ums Dasein") und unterstreicht ebenfalls die positive gesundheitliche Wirkung: „(...) für den gelehrten Stubenhocker, für den Herrn Wamperl und für das Heer der Nervösen [gibt es] kein besseres Mittel als das Rad."  

Wichner ist im Grunde aus dem gleichen Holz geschnitzt wie der Heimgarten-Herausgeber. Wie dieser hat er ein Problem mit Radsportlern, sie sind für ihn „Sportfexen, welche sich in wahnsinnigen Wettrennen die Lungen aus dem Leibe fahren und eines krankhaften Ehrgeizes halber ihr Lebens aufs Spiel setzen."  Er weiß um die Vorteile, die das neue Verkehrsmittel allen Bevölkerungsschichten bietet, zweifelt aber an dessen Demokratisierbarkeit: "Ein gutes Rad ist nämlich ein teures Einrichtungsstück, und also ist´s wohl nicht leicht denkbar, dass auch der Bettelmann und der Handwerksbursche auf dem Rade über Land reitet." 

Frauen billigt er das Radfahren zwar zu - es sei „jedenfalls (...) dem Tanze im überhitzten, miasmenreichen Ballsaale, sowie dem tagelangen Clavierklimpern vorzuziehen" -, bezieht sich aber nur auf Damen der besseren Gesellschaft, da Hausfrauen dafür ohnedies keine Zeit hätten. Schneidige, selbstbewusste Radlerinnen sind ihm nicht geheuer; in ihnen sieht er eine Bedrohung des patriarchalen Rollenbildes, für ihn eine Schattenseite der durch das Niederrad verliehenen Freiheit und Unabhängigkeit.

Literatur

Peter ROSEGGER, Das Gespenst auf der Straße, in: Heimgarten
21/21/1897, 231-233
- Das Recht des Rades, in: Heimgarten 25/27/1903, 789-791
- Goldene Worte, in: Festschrift des Deutschen Radfahrer-Bundes 1895, 86.
- Ein Schlaumeier, in: Mittheilungen des "Oesterreichischen Touring-Club" 12/1898, 21, zit. nach "Grazer Sportblatt", Bl. zur "Grazer Montagszeitung"
Franz RÖSCHEL, Als Peter Rosegger das Hochrad sah, in: Der Radfahrer 31.7.1935, 7f
- Aus alter Radlerzeit. Als Peter Rosegger das Hochrad sah, in: Grazer Volksblatt 22.11.1934, 5f
Grazer Volksblatt 7.5.1910, 6 (Bausteinfonds des StRGV)
Wolfgang WEHAP, Frisch, radln steirisch. Eine Zeitreise durch die regionale Kulturgeschichte des Radfahrens, Graz 2005, Das Gespenst auf der Straße, 82ff
Josef WICHNER, Etwas übers Radfahren, in: Heimgarten 19/1/1894/95, 48-52 
- Zwei Radlerinnen, in: Heimgarten 21/1/1896, 52-54

WOLFGANG WEHAP