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Radler waren Pioniere des Skisports in Mitteleuropa

Lange vor Schladming war Mürzzuschlag steirisches Wintersportzentrum. Das Schneeschuhlaufen, wie das Skifahren damals hieß, wurde von Radlern eingeführt. Schlüsselfiguren dabei waren Toni Schruf und Max Kleinoscheg, die vor 120 Jahren das erste Rennen organisierten. 


Max Kleinoscheg
Max Kleinoscheg
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Max Kleinoschegg mit Schwester Melitta, 1885
Max Kleinoschegg mit Schwester Melitta, 1885
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Die ersten Bicyclisten waren sportlich vielseitig interessiert, viele kamen aus den älteren Turnvereinen oder waren - wie die Gründungsmitglieder des Grazer Bicycle-Club von 1882 - Ruderer. Umgekehrt war es naheliegend, dass von den frühen Radlern auch Impulse für andere, in unseren Breiten noch unbekannte Sportarten ausgingen, wie Skilaufen, Bobfahren oder Fußball.

Einer dieser Allrounder war Max Kleinoscheg (1862-1940), der nach der Handelsakademie im Brotberuf Buchhalter und Geschäftsführer bei einem Kohlehändler sowie bei der
Fahrrad- und Maschinenfabrik Noricum (Cless & Plessing) war. Im Laufe seines Sportlerlebens begeisterte er sich fürs Bergsteigen, für Schwimmen, Tauchen und Eislaufen - und besonders fürs Radfahren.

Der "radsportliche Universalmensch", wie er auch genannt wurde, war schon von Beginn an dabei, als  die Bicyclisten in Graz ihren ersten Verein formierten, fuhr Straßen- und Bahnrennen, unternahm Fernreisen, profilierte sich als Vereins- und Sportfunktionär, als Redakteur und Chronist in Radsportsachen. 1884 absolvierte er eine 200-km-Rekordfahrt Graz−Mürzzuschlag−Graz in zwölf Stunden Fahr- und 17 1/2 Stunden Reisezeit. Vielleicht kannte er Toni Schruf (1863-1932), der in Mürzzuschlag später (1889) von seinem Vater das Hotel Post übernehmen sollte, damals schon oder er lernte ihn gar bei diesem Anlass kennen.


Vor dem Hotel Post ...
Vor dem Hotel Post ...
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und auf der Piste: Max und Toni Sxhruf
und auf der Piste: Max und Toni Sxhruf
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Schneeschuhe aus Trondheim
Im Dezember 1890 ließ sich Kleinoscheg von seinem Freund Nikolai Noodt Ski aus Trondheim schicken und probierte sie gleich in der Nacht auf einer Wiese nahe seiner Wohnadresse in Jakomini aus. Am darauf folgenden Wochenende ging es auf den Ruckerlberg, dann auf den Semmering - zunächst mit mäßigem Erfolg. Erst als er seinen Radlerfreund Externe Verknüpfung 
Toni Schruf in Mürzzuschlag aufsuchte, hatte Kleinoscheg mehr Glück mit den Brettln, damals „Schneeschuhe" genannt. Gemeinsam setzten er und Schruf Schritte, "die bestimmend und sehr weitgreifend die Einführung des Skilaufs in Mitteleuropa förderten", schreibt Hans Heidinger, 1982-97 Kustos des Externe Verknüpfung Wintersportmuseums Mürzzuschlag.

Schruf und Kleinoscheg verwendeten die Skier aber zunächst als Fortbewegungshilfe für Bergtouren im Winter. Gemeinsam mit dem Brucker Walther Wenderich bestiegen sie am 8. Februar 1892 das 1.782 Meter hohe Stuhleck, wo später (1896) auch die erste Skihütte der Alpen errichtet wurde. (Überreste der Nansenhütte sind heute noch zu sehen, Anm).

Kleinoscheg rührte in der Grazer Radlerschaft kräftig die Werbetrommel. Einer seiner Klubkollegen, Bela Kindl, der erste Radhändler am Jakominiplatz, erkannte sofort die sportliche Marktlücke im Winter und inserierte in den Mitteilungen des Radfahrer-Gauverbandes: „Unser Rad können wir nicht gebrauchen, wohl aber gibt es einen anderen Sport, der ebenso muskelstärkend, gesund, geist- und herzerfrischend ist, als das Tourenfahren - es ist das Schneeschuhlaufen."

Kindl bot neben Original-Skis aus Norwegen und Fachliteratur auch an, „den Laien im Erlernen des Skilaufens Anleitung zu geben" und war sich des Entwicklungspotenzials des neuen Sportzweigs bewusst: „Wir zählen bereits viele gute Skiläufer, die fast durchwegs Radfahrer sind und die ihre sommerlichen Radtouren durch herrliche Winterpartien auf Schneeschuhen fortsetzen".


Erstes Skirennen 1893
Erstes Skirennen 1893
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Radfahrerfreundliche Werbung für Schrufs Hotel
Radfahrerfreundliche Werbung für Schrufs Hotel
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Doppel-Urkunde Franz Schilling
Doppel-Urkunde Franz Schilling
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Erstes Skirennen Mitteleuropas 1893
Kleinoscheg gründete den Verband Steirischer Skiläufer mit, der am 1. Februar 1893 in Schrufs Hotel Post aus der Taufe gehoben wurde. Die Satzungen orientierten sich an den Statuten des Radfahrer-Gauverbandes, die ersten Mitglieder rekrutierten sich vorwiegend aus Radlerkreisen. Tags darauf ging das erste Skirennen Mitteleuropas in Szene, organisiert von Kleinoscheg, Schruf und Wenderich. Die Herren traten in Lodenrock, Lederhose und Steirerhut an. Die Damen trugen lange Röcke und breite Hüte, die mit einem Tuch festgebunden waren.

Die Streckencharakteristik auf der Fuchswiese hinter dem Mürzzuschlager Bahnhof: Eine zehn Meter breit abgesteckte Bahn mit zehn Prozent Gefälle, 600 Meter lang, hierauf rechtwinkelige Kurve nach links, schließlich 20 Meter ebener Auslauf. Sieger wurde, vor dem Postwirt Schruf, der Norweger Bismark Samson. Dieser begeisterte die Anwesenden u.a. mit einem 6,8 Meter weiten Sprung über einen Misthaufen. Bei den Damen lag Mitzi Angerer aus Langenwang voran.

Neben Walther Wenderich spielte übrigens ein zweiter Brucker Radsportler eine wichtige Rolle bei der Einführung einer Wintersportdisziplin: Philipp Weydmann galt als Protagonist des Bobsports in Österreich. Er war Mitglied im Brucker Bicycle-Club, der 1903 eine eigene Bobmannschaft formierte. Wenderich, Offizier und Postbeamter, war übrigens seit 1889 Mitglied des Grazer und dann des Brucker Bicycle-Club; seine Frau Vicenza "Vinci" gründete 1893 gemeinsam mit Elise Steininger den Grazer Damen Bicycle-Club. 

1904 holte Schruf - nach der Premiere 1901 in Stockholm - die 2. Nordischen Spiele, quasi die Vorläuferveranstaltung der Olympischen Winterspiele, nach Mürzzuschlag. 10.000 Besucher waren dabei, damals machte der Schruf zugeschriebene Spruch "Davos is Davos, oba Mürzzuschlag is a wos" die Runde. Schon bald wurde aber klar, dass die neuen touristischen Skisportzentren woanders lagen. Das Publikum aus Wien und Graz wandte sich entfernteren Zielen zu.

Literatur
Gustl DAMBEGER, Skisport feiert Doppel-Jubiläum, in: Kleine Zeitung, 7.1.2013
Hans HEIDINGER, Der Beitrag Mürzzuschlags zur Entwicklung des Skilaufs, in: Sport - Sinn & Wahn. Steir. Landesausstellung 1991, Mürzzuschlag, 17.4.-27.10.1991, 153-156
Mittheilungen des Steir. Radfahrer-Gauverbandes 15.10.1892, 16; 15.2.1893, 36
Kleine Zeitung vom 4.1.2010, Schipionier Toni Schruf in umfassender Biografie gewürdigt
Obersteirerblatt 5.5.1913, 4
Zentrum Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung, Österreichisches Biografisches Lexikon  1815-1950, Bd. 3 (Lfg. 15, 1965), S. 391f (Kleinoscheg); Bd. 11 (Lfg. 53, 1998), S.264f (Schruf) http://www.biographien.ac.at/
"Davos is Davos, aber Mürzzuschlag is a wos", TV-Doku 2007 


WOLFGANG WEHAP


Didier Cuche, Planai  2012
Didier Cuche, Planai 2012
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