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Firmen zahlen Mitarbeitern fürs Radlen
"Salzburger Nachrichten" vom 19.04.2013, Seite 13

Fahrrad. Teurer Sprit, fehlende Parkplätze und Gesundheitsbewusstsein: Schon mehr als 300.000 radeln in die Arbeit.

Regina Reitsamer Salzburg (SN). Radeln setzt sich durch, nicht nur in der Freizeit, sondern auch in der Arbeitswelt. 305.000 Österreicher und damit 8,5 Prozent aller Beschäftigten fahren schon jetzt mit dem Rad in die Arbeit. In Salzburg liegt der Anteil mit 14 Prozent noch weit höher. Und die Zahl der Radler steigt. „Durch die hohen Spritpreise sind in den vergangenen Jahren viele aufs Rad umgestiegen, aber auch das Gesundheitsbewusstsein steigt", sagt Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). 2011 radelten laut VCÖ erst 270.000 Österreicher in die Arbeit, die Steigerung liegt damit bei weit mehr als zehn Prozent.

Mittlerweile entdecken auch immer mehr Unternehmen, dass sie von radelnden Mitarbeitern profitieren. 1,70 Euro zahlt der Grazer Industriebetrieb Anton Paar jedem Mitarbeiter für die Radfahrt ins Unternehmen, wer öffentlich anreist, bekommt etwas weniger. 40 Prozent der 870 Mitarbeiter reisten mittlerweile „alternativ" an, sagt Unternehmenssprecherin Sonja Hiebler. Die Idee hatte eigentlich ein Mitarbeiter: Er rechnete durch, wie viel sich das Unternehmen erspart, wenn man weniger Platz für Parkplätze braucht und die frei gewordene Fläche für den Betrieb genutzt werden kann. Den so gewonnenen Betrag pro Parkplatz zahlt man an die Mitarbeiter aus, die die Idee umsetzen. „Man kann es aber natürlich auch philosophisch aufrollen und sagen: Es ist Teil der Firmenphilosophie, dass wir etwas für die Umwelt und die Gesundheit unserer Mitarbeiter tun wollen", meint Hiebler.

Auch im Pinzgau zahlt die Mittersiller Firma Fahnen Gärtner für jeden in die Arbeit geradelten Kilometer zehn Cent. Das Geld fließt hier allerdings in soziale Projekte, unterstützt werden hilfsbedürftige Familien in der Region.

Geld fürs Radeln gibt es zwar bei Bosch in Hallein nicht - während man vom Mitarbeiterparkplatz aber acht Minuten ins Werk gehen müsse, sei der überdachte Radparkplatz direkt vor der Tür, sagt Betriebsrat Michael Priller. Für die fünf Kilometer von Bad Vigaun bis ins Halleiner Werk rechne sich für ihn das Fahrrad damit jedenfalls. „Und ich bin seither deutlich weniger krank", ergänzt Kollege Peter Marchl, der täglich zehn Kilometer von Kuchl radelt. Reparaturwerkzeug liegt beim Portier jederzeit bereit, auch Duschen für die Mitarbeiter gibt es. „Wobei das in der Produktion wohl ohnehin weniger ein Thema ist als im Büro", sagt Marchl. Rund 300 der 1100 Bosch-Mitarbeiter kommen mit dem Rad.

Fördern wollen das Radeln in den Betrieb auch Stadt und Land Salzburg. Wer einen Kollegen im Mai und Juni zum Radeln überredet, kann Räder, Wellnessaufenthalte und andere Gutscheine gewinnen (werradeltgewinnt.at). Schwieriger sei das Projekt „Schnellradweg" umzusetzen, erklärt Ursula Hemetsberger, Radverkehrskoordinatorin des Landes Salzburg. Nach dem Vorbild Dänemark soll entlang der Salzach zwischen Bergheim und Hallein ein breiterer, kreuzungsfreier, durchgehend asphaltierter Radweg entstehen. „Wer in die Arbeit will, möchte beim Radeln wenig Zeit verlieren und sich nicht mit Schlamm bespritzen." Zudem sei im Winter eine Räumung möglich. Noch heuer soll eine Machbarkeitsstudie vorliegen.

In der Stadt Salzburg hat sich das Radeln schon angesichts der teuren Parkplätze durchgesetzt. 12.000 Radler zähle man an Spitzentagen bei der Zählanlage an der Radfahrunterführung unter der Staatsbrücke, sagt Peter Weiss von der Stadt Salzburg. Dass gut ausgebaute Radwege das Radeln im Alltag deutlich erhöhten, hätten Studien längst bewiesen.

Das Potenzial liegt aber auch auf dem Land hoch. 40 Prozent der Salzburger Beschäftigten arbeiten in jenem Ort, in dem sie wohnen, wie Hemetsberger betont. Der Anteil der Radler könnte sich damit noch kräftig erhöhen.

Regina Reitsamer

Kilometergeld für dienstliches Radfahren
Was bisher nur wenige wissen, man kann für dienstliches Radeln auch Kilometergeld verrechnen. Und zwar seit dem Jahr 2011 ab dem ersten gefahrenen Kilometer, egal ob mit dem herkömmlichen Fahrrad oder dem E-Bike gefahren wird. Der amtliche Satz, den der Dienstgeber dafür auszahlen muss, liegt mit 38 Cent pro gefahrenem Kilometer beinahe gleich hoch wie beim Auto (42 Cent), ausbezahlt wird das Geld steuerfrei. Genutzt wird das bisher noch wenig, die steigende Zahl von E-Bikes könnte das aber ändern, meinen Experten. Freilich, für die Fahrt vom Wohnort in die Arbeit kann kein Kilometergeld verrechnet werden.

STANDPUNKT: Eine einfache Rechnung
Warum soll ein Industriebetrieb seinen Mitarbeitern Geld dafür zahlen, dass sie in den Betrieb radeln, statt sich ins Auto zu setzen? Beim Grazer Messgerätespezialisten Anton Paar ist man dennoch auf diese Idee gekommen. 1,70 Euro bekommen Mitarbeiter für jede Radfahrt ins Unternehmen. Übers Jahr gerechnet können so 350 Euro mehr herauskommen. Ein simpler Marketinggag? Oder doch mehr?
Die Grazer sind nicht der erste Betrieb, der mit Projekten in Bereiche vordringt, die auf den ersten Blick längst nichts mehr mit dem klassischen Aufgabengebiet eines Unternehmers zu tun haben. Die Ideen werden dabei immer vielfältiger: vom einfachen Apfel, der zur freien Entnahme täglich im Büro steht, über die Krabbelstube im Betrieb bis hin zum Fitnesscenter auf dem Unternehmensgelände, das Mitarbeitern auch am Wochenende zur Verfügung steht - samt ihren Familien, versteht sich. So mancher Großkonzern geht gar so weit, nach Dienstschluss keine Nachrichten auf Firmenhandys mehr weiterzuleiten, um den Mitarbeitern nach einem ohnehin anstrengenden Arbeitstag wenigstens abends eine Pause zu gönnen.
So uneigennützig, wie das auf den ersten Blick erscheinen mag, ist das gar nicht. Im härter werdenden Kampf um die besten Mitarbeiter zählt längst nicht mehr nur ein gutes Gehalt zu den Entscheidungskriterien. Gerade junge Menschen nennen neben Geld immer öfter auch Arbeitsklima oder Vereinbarkeit von Beruf und Familie als ausschlaggebende Faktoren für die Wahl ihres Arbeitsplatzes. Wer als soziales Unternehmen gilt, findet leichter Mitarbeiter und profitiert zudem vom Imagegewinn. Denn nicht nur die eigenen Mitarbeiter, auch Kunden schauen immer genauer hin. Letztlich ist es also eine ganz einfache wirtschaftliche Rechnung: Wer seine Kinder gut betreut weiß, arbeitet konzentrierter. Wer sich gesund ernährt, ist leistungsfähiger. Und wer täglich radelt, ist laut Studien um 1,5 Tage weniger krank - und braucht zudem keinen teuren Parkplatz. So gesehen sind 1,70 Euro pro Fahrt gut investiertes Geld.

Regina REITSAMER