Grazer Radfahrer Club
 
Sie befinden sich:  » Graz Radln  |  » Geschichte  |  » Panoptikum

Mathias Allmer: Zeugschmied als erster Radlbauer

Weder Benedikt Albl noch Johann Puch waren die ersten, die sich in der Steiermark mit der Erzeugung von Fahrrädern beschäftigten. Pionier auf diesem Gebiet war Mathias Allmer, Zeugschmied in Rothleiten etwa 30 km nördlich von Graz.

Mathias Allmer (geb. 2.2.1831) stammte aus Prebensdorf 44 (heute Gemeinde Ilztal) in der Oststeiermark und war gelernter Zeugschmied. Er übernahm Anfang 1885 von seinem verstorbenen Arbeitgeber Mathias Klummer bzw. dessen Witwe Viktoria den Schmiedebetrieb in Rothleiten (Hammerl 16 und 34), den er schon davor fast 20 Jahre lang geführt hatte. In der Region war er ein wichtiger Arbeitgeber, wie die Anstellungen von mehreren Schmiedegesellen, verzeichnet 1883-89 in einem örtlichen Arbeitsbuch, belegen.

Dass er schon seit 1884 - gemeinsam mit J. Jax in Linz - der erste Gewerbetreibende in Österreich war, der „mit Kraftbetrieb im bescheidenen Massstab die Erzeugung von Hochrädern" begonnen hat -, geht aus einem Artikel von Ing. R. Ritter von Paller (München) über die Entwicklung der Fahrradindustrie hervor, wobei er allerdings fälschlich von „J. Almer in Graz" schreibt.

Die Ortsangabe stimmt aber insoferne, als Mathias Allmer auch die Klumersche Liegenschaft in Graz, Wienerstraße 31 (heute 57), gemeinsam mit seiner Frau Aloisia übernahm und für seine Zwecke nutzte. "Der Gefertigte ist gesonnen, in seiner, laut Gewerbekonzession vom Februar 1885 (...) in Hammerl, Gemeinde Rothleiten bei Frohnleiten gegenwärtig in Betrieb stehenden Zeugschmiede auch sämmtliche Reparaturen von Velozipedes und Bicycles sowie deren Zusammenstellung vorzunehmen", meldete Allmer in einer behördlichen Anzeige, wobei in der Wienerstraße nur "Arbeitsaufnahmen und Ablieferung" erfolgen sollten. Weil er allerdings hier offenbar auch Reparaturen vornahm, bekam er Ärger mit der Behörde und musste auch für den Grazer Standort um das Zeugschmiedgewerbe ansuchen.

Inserat, 1888
Inserat, 1888
Bildvergrößerung


1886 firmierte Allmer im Grazer Adressbuch als „Velocipedes-Fabrikant" und hatte mit Franz Benesch einen Werkführer. Für kurze Zeit war auch der junge Johann Puch als Vorarbeiter in seinen Diensten, wohl in den Jahren 1885 bzw. 1886 und wohl in der Niederlage Wienerstraße; dass er in der Schmiede in Rotheiten arbeitete, dafür gibt es nur einen vagen Hinweis in einem Zeitungsartikel.

Bicycles, Tricycles und steirische Rover
In ersten Inseraten ab 1886 offerierte Allmer Bicycles und Tricycles - bei dem dabei dargestellten Modell handelt es sich um ein Kangaroo mit Kettenübersetzung, ein frühes Sicherheitsrad im Übergang zwischen Hoch- und Niederrad. 1888 erhielt Allmer ein Patent auf eine „Verbesserung für Bremsen an Velozipeden", in einem Inserat lautete die Bezeichnung nun auf „erste steiermärkische Velocipede-Fabrikation". Angeboten wurden „sämmtliche Bestandteile zur Selbsterzeugung, roh, halb und ganz ausgearbeitet". In einer anderen Werbeeinschaltung im selben Jahr bewarb er „feinste englische Premiers sowie selbsterzeugte steirische Rover", also Niederräder. Im Gebrauch derselben wurden die Käufer in der "Fahrschule im eigenen Hofe" unterrichtet.  

Aus 1889 stammt eine Rechnung über einen Bock Special Rover, gezeichnet von Allmer und adressiert an Dr. Karl Mayer, k.k. Gerichtsadjunkt in Wildon. Dieser wird im „Tourenbuch für Steiermark" als Einzelfahrer des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes mit dem Zusatz "Rep.(aratur) und Fahrradfabrik" in Rothleiten geführt. Schon zwei Jahre davor heißt es im „Der Radfahr-Sport" ohne namentliche Nennung, aber offensichtlich auf Allmer bezogen: „Frohnleiten besitzt seit längerer Zeit auch eine Velocipéd-Fabrik."



Inserat 1886: Auch Knallbomben
Inserat 1886: Auch Knallbomben
Bildvergrößerung

"Selbsterzeuge steirische Rover", 1888
"Selbsterzeuge steirische Rover", 1888
Bildvergrößerung

Rechnung, 1889
Rechnung, 1889
Bildvergrößerung


Schluss nach einem Jahrzehnt
Eine für Allmer nicht gerade schmeichelhafte Erwähnung ist von einem Tourenreisenden, Heinz Kurz, Lehrer aus Langenlois, anlässlich seines Graz-Besuchs 1889 überliefert. „In der Wienerstraße winkte mir das Schild des Mechanikers Almer so einladend entgegen, dass ich nicht umhin konnte, ihm mein Rad anzuvertrauen, da mehrere Speichen infolge schlechter Arbeit pfutsch waren", schreibt Kurz, um dann, als er sein Rudge Bicyclette wieder abholte, festzustellen: „Zwei Tage mußte ich darauf warten und sodann zahlen, dass mir die Augen übergingen".

1891 suchte Allmer um Genehmigung für die Errichtung einer Dampfkesselanlage mit 4 PS in der Wienerstraße an, um den Werkstättenbetrieb zu erweitern und zu modernisieren und vermutlich die Fertigung von Rothleiten nach Graz zu verlagern. Die Behörde schrieb Allmer einen Schornstein von 15 m Höhe vor. Ob dieses Vorhaben jemals realisiert wurde, ist unklar; ab 1895 lautete Allmers Berufsbezeichnung jedenfalls Comptoirist, die Liegenschaft in der Wienerstraße hatte den Besitzer gewechselt. Auch Paller hält 1897 fest, dass Allmer - nun doch schon einiges über 60 Jahre alt - nicht mehr fabriziere. Inzwischen war das Fahrradgewerbe ja nicht mehr Schmiede-, sondern primär Mechanikerarbeit; Vertreter der jüngeren Generation wie Benedikt Albl, Johann Luchscheider, Julius G. Sorg und Franz Neger (Marburg) waren gelernte Feinmechaniker und übten zum Teil davor oder parallel das Gewerbe des Nähmaschinenmechanikers aus.

Die Zeugschmiede in Rothleiten ging 1918 an Valentin Brandstätter, dessen Enkel Ludwig noch heute einen metallverarbeitenden Betrieb in unmittelbarer Nähe betreibt. Danach wurde das Haus Hammerl 16, auch Koinerhaus genannt, als Gast- und Wohnhaus genutzt. 1974 fiel es - samt gegenüberliegender Schmiede und gemeinsam mit zahlreichen weiteren Objekten - dem Bau der Brucker Schnellstraße S35 zum Opfer.

Bedauerlicherweise ist kein Fahrzeug, egal ob Veloziped, Bicycle oder Rover, aus der Allmers Werkstatt bekanntermaßen erhalten. Auch Markennamen und -logos sind, so jemals verwendet, ebenfalls verschwunden und wurden nicht überliefert.  

Ansicht mit Koinerhaus, 1944 (Lagehinweis => klick aufs Bild)
Ansicht mit Koinerhaus, 1944 (Lagehinweis => klick aufs Bild)
Bildvergrößerung

Hammerhaus,  2013
Hammerhaus, 2013
Bildvergrößerung



Literatur und Quellen
Ing. R. Ritter von PALLER, Die Fahrradindustrie und die zugewandten Geschäftszweige in den Ländern deutscher Zunge, in: Paul Salvisberg (Hg.): Der Radfahrsport in Wort und Bild (München 1897), 2. erg. Nachdruck, München 1998
Gernot FOURNIER, Die Grazer Fahrrad-Industrie um die Jahrhundertwende, Manuskript, veröff. in Fahrradgeschichtswerkstatt Graz 1999, 50-62
Gerhard MARAUSCHEK, Johann Puchs frühe Anfänge in Graz, in: Janez Puh - Johann Puch - Človek, ki je svet obrnil na glavo, Zgodovonsiki arhiv Ptuj, 1999, Razstavni katalog št. 8, 110-113
Der Radfahr-Sport II/22/15.11.1887, 215
Deutsch-österreichischer Radfahrer II/3/1890, 42f
Grazer Tagblatt 11.3.1892, 3, Fahrräderfabrik an der Wienerstraße
Tourenbuch von Steiermark für Radfahrer, hg. vom Steirischen Radfahrer-Gauverbande 1887, 34
Neue Zeit 25.5.1971 (Abriss Koinerhaus, Puch-Erwähnung; Zettelkatalog Landesbibliothek mit offensichtl. falscher Datierung)
Inserate Stmk. Gewerbeblatt, Organ für Handels- und Gewerbetreibende, II/18/1886 u. IV/15.7.1888; Grazer Geschäfts- und Adressenkalender 1888, 370
Steiermärkisches Landesarchiv (StLA), Gewerbeakten Bez. GU 25-646/1885 (Schreiben M.A. an die BH Frohnleiten und Graz); Nachlass Dr. Karl Mayer, k.k. Gerichtsadjunkt in Wildon K-1-H-45
Stadtarchiv Graz Gewerbeakten 2-67004/1885 u. 2-2400/1886; Bauakt 66271/1891
Arbeitsbuch Rothleiten/ Frohnleiten 1897 bis 20.3.1890, Archiv Gde. Frohnleiten
Taufmatriken Pfarrgemeinde Pischelsdorf 1871, Diözesanarchiv Graz
Katalog der von dem kaiserl. königl. Privilegien-Archive registrirten Erfindungs-Privilegien 1888 (Rechereche Walter Ulreich)
Informationen Norbert Haidinger, Grabmaier, Ludwig Brandstetter an den A., alle Rothleiten, 2013