Grazer Radfahrer Club
 
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Der Grünwirt in St. Stefan und andere Haltestellen für Radfahrer
und: Aus den Fremdenbüchern des Radfahrer-Gauverbandes

Felsenkeller in der Weizklamm
Felsenkeller in der Weizklamm
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Das Tourenfahren führte ab den 1880er Jahren Schwärme an hungrigen und durstigen Radlerinnen und Radler aus den Städten hinaus aufs Land in die Einkehrgasthöfe. Der Steirische Radfahrer-Gauverband StRGV (gegr. 1887) erkannte die Bedeutung der Gastronomie, die ja schon von Beginn an Dreh- und Angelpunkte des organisierten Vereinswesens war, nicht nur für die Versorgung, sondern auch für die Verbreitung des Radfahrgedankens. Radlerfreundlichen Gaststätten wurden mit dem Verbandswappen ausgezeichnet - an der Wende zum 20. Jahrhundert gab es an die 400 Verbandsgasthöfe, die mit dem am Eingang montierten Schild den Radlern ein Willkommen signalisierten.
Über die Attraktion, die von diesen gastlichen Stätten auf "Roß und Reiter" ausging, gibt eine satirische Notiz im Grazer Tagblatt vom 8.9.1888 Auskunft:
"Es ist zum Verzweifeln! Vorig's Jahr hab' ich mein Gaul weggegeben, weil er vor jedem Wirtshaus stehen geblieben ist, und nun, da ich mir ein Velociped angeschaftt, kennt das Fuhrwerk die Wirtshäuser auch schon!" 



Hans Rinner, um 1890
Hans Rinner, um 1890
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"Rast in St.Stefan beim Rinner", 1895
"Rast in St.Stefan beim Rinner", 1895
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Radfahrer-Verein "Kornähre 1904" Gratkorn
Radfahrer-Verein "Kornähre 1904" Gratkorn
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Siegerplaketten Rinner-Gedenkrennen
Siegerplaketten Rinner-Gedenkrennen
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Der "geheime Mittelpunkt"
Der Gastwirt Rinner vulgo „Grünwirt" wurde schon im ersten Tourenbuch des Steirschen Radfahrer Gauverbandes (1889) als Ortswart in St. Stephan am Gratkorn geführt. Vater Martin starb früh bei einem Fährunglück, seine Frau Anna und der junge Sohn Hans führten den Betrieb weiter.

Hans Rinner (1871-1928) dürfte, wie ein um 1890 aufgenommenes Foto dokumentiert, zu den ersten Niederradfahrern im Raum Graz gehört haben. Bald war der „Restaurateur" (lt. Tourenbuch) Fahrwart beim 1889 gegründeten Verein Gratweiner Radfahrer. Mit seinem Einstieg wanderte der Vereinssitz vom Fischerwirt in Gratwein ins eigene Haus in St. Stephan am Gratkorn (heute Gratkorn, Bruckerstraße 22), das er nun auf Ansichtskarten als „Haltestelle für Radfahrer" bewirbt. Wahrscheinlich klubinterne Reibereien führten später dazu, dass Rinner bei den Gratweinern ausstieg und dem schon vorher verbundenen
Grazer Radfahrer-Club beitrat. Schließlich gründete er 1904 seinen eigenen Verein, den RV St. Stephan am Gratkorn, später „Kornähre Gratkorn".

„Der Großvater hat gelebt für das Gasthaus und die Vereine", erzählt Horst Rinner, Zivilingenieur in Graz, über seinen Großvater. Der „Grünwirt" war der „geheime Mittelpunkt" von Gratkorn, nicht nur die bürgerlichen Radlerkreise verkehrten beim ihm, auch die Arbeiter waren gern gesehen, es gab eine eigene Tür im Zaun als direkten Zugang von der gegenüber liegenden Papierfabrik Leykam-Josefsthal. Die Küche, die unter dem Kommando von Ehefrau Maria (geb. Greiner) stand, hatte einen außerordentlich guten Ruf. „Er war überall dabei - ein Mensch für die Öffentlichkeit", beschreibt der Enkel den Gastronomen, der Musik machte, dem Waidwerk huldigte und zwischendurch das Amt des Bürgermeisters bekleidete. Politisch war er deutsch-national, wie seine Funktionärstätigkeit für den Deutschen Bauernbund und den Verein "Südmark" nahelegt.

Seine besondere Liebe galt aber immer dem Radsport. Überliefert ist auch, dass der erste Radler im Neuen Jahr mit einer damals wertvollen Flasche Sekt belohnt wurde. Schon vor Mitternacht sollen daher Gestalten im Radlerdress um das Gasthaus geschlichen sein.

Hans Rinner starb früh mit 58 Jahren im Jahre 1928. Seine Frau gab das Gastgewerbe auf, bis 1965 wurde es von einem Pächter weitergeführt. Nach dem Grünwirt wurde das Hans Rinner-Gedenkrennen benannt, das erstmals von „seinem" Klub „Kornähre" am 21. Oktober 1934 veranstaltet wurde. Das 30-km-Rennen mit Start und Ziel in Gratkorn endete traditionell mit der Siegerehrung im Gasthaus Rinner. Es wurde bis in die 1960er Jahre ausgetragen und erfuhr 1986 mit dem „Internationalen Raiffeisen Grand Prix Judendorf-Straßengel" eine Nachfolgeveranstaltung.



Bildpostkarte, 1899
Bildpostkarte, 1899
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Ausschnitt, dat. 1906
Ausschnitt, dat. 1906
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ehem. "Grünwirt" heute
ehem. "Grünwirt" heute
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Höflers Gasthaus
Höflers Gasthaus
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"Erinnerung an Wundschuh"
"Erinnerung an Wundschuh"
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Vor dem Gasthaus Köhrer in Ragnitz bei Leibnitz
Vor dem Gasthaus Köhrer in Ragnitz bei Leibnitz
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Am Radlpaß, 1911
Am Radlpaß, 1911
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Beliebte Ausflugsziele und billiger Wein
In der Umgebung von Graz waren im Norden neben dem Grünwirt und dem Fischerwirt (lt. Tourenbuch 1889 "beliebter Sonntagsausflug der Grazer") links und rechts der Mur vor allem der Tomahan in Friesach/ Wörth ein beliebter Ausflugsgasthof - Fischerwirt und Tomahan sind heute noch  florierende Gaststätten. 

Vom Tomahan, wo sich eine Straßenmaut befand und von wo aus über viele Jahre Radrennen Richtung Bruck gestartet wurden, gelangte  man in westlicher Richtung nach einem Kilometer zur Fähre nach Stübing. Eine Wiener Fachzeitschrift lobt den Tomahan, weil er "bei civilen Preisen eine ebso gute Küche wie werthen Keller führt". Und weiter:
An schönen Sommertagen lagern sich die müden und durstigen Raderlsleute im Schatten des Obstgartens und wenn sie es sich dort ganz bequem machen wollen, dann bringt ihnen wohl die geschäftige Schankmaid ein weiches Polster für das müde Haupt, und Manchem mögen da schon nach anstrengender Fahrt beim Summen der Käfer und dem Zwitschern der Vögel die Augen zugefallen sein zu einem erquickenden Mittagsschläfchen. 

Von Graz nach Osten lockte ebenfalls die eine oder andere lohnende Einkehr. So liest man in den Mittheilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes vom 1.8.1890:
"Der Gleisdorfer Bicycle-Club empfiehlt das an der Straße Graz - Gleisdorf in Höf zwischen dem 13.6 und 13.8 befindliche Gasthaus des Peter Supperl, welches von Mitgliedern des genannten Club´s wegen der guten Küche und hauptsächlich wegen des guten, ungemein billigen Weines häufig als Ziel für Abendpartien gewählt wird. Der Besitzer des Gasthauses ist den Radfahrern außergewöhnlich freundlich gesinnt und bemüht sich auch die Wegeinräumer auf entsprechende Weise zur bestmöglichen Beseitigung der den Radfahrern so lästigen Wasserabzugsgräben zu bestimmen."

Die oft doch recht innige Beziehung mancher Radler zu den "Haltestellen" und deren häufige Frequentierung wurde alsbald auch bewitzelt:
"Es ist zum Verzweifeln! Vorig´s Jahr hab´ich mein Gaul weggegeben, weil er vor jedem Wirtshaus stehen geblieben ist, und nun, da ich mir ein Veloziped angeschafft, kennt das Fuhrwerk die Wirtshäuser auch schon!"  

Gasthof "Zum goldenen Kreuz" in Mariazell
Gasthof "Zum goldenen Kreuz" in Mariazell
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Aufschlussreicher Blick in die "Fremdenbücher"
Was in den Verbandesgasthöfen so los war, wer hier wann mit wem vorbeikam, dokumentierten die Fremdenbücher des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes. Ähnlich den Hüttenbüchern von heute luden sie Fremde dazu ein, sich, ihre Clubs und die eine oder andere Anekdote zu verewigen.

Erhalten geblieben und bekannt sind die drei Fremdenbücher von Fürstenfeld (aufgelegen 1891-1913 im „Brauhaus"), Burgau (1890-1923 im Gasthof Postl „Zum Hirschen") und Palfau (1896-1922 im Gasthaus „Kaisergemse").

Das älteste Register soll im erwähnten Gasthof Tomahan aufgelegen sein, eines, in das sich Peter Rosegger als Dichter und Zeichner verewigt hat, in Toni Schrufs Gasthof "Zur Post" in Mürzzuschlag. Belegt ist auch, dass schon 1888 im Clubhaus des Grazer Bicycle-Club an der vereinseigenen Rennbahn ein Fremdenbuch geführt wurde: In dieser Saison wurde der Besuch von 118 auswärtigen Radfahrern registriert, die größtenteils im Clubhaus oft für mehrere Tage beherbergt werden und u. a. aus Fiume, Triest, Prag, Breslau, Ingolstadt, Budapest und Mostar kommen.

Literatur und Quellen
Wolfgang WEHAP, frisch radn, steirisch. Eine regionale Kulturgeschichte des Radfahrens, Graz 2005, 55, "Haltestelle für Radfahrer" 
All Heil! Zeitschrift für Radfahrsport und Rad-Technik", I/13/8.5.1897, redigirt von Emil Walther Schmal, Wien
Mittheilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes 25/1.8.1890 (Gastro-Tipp des Gleisdorfer BC)
Österreichisch-ungarische Radfahrer-Zeitung IV/6/1889, 59 (Fremdenbuch an der GBC-Rennbahn 1888)
Der Radfahrer 25.11.1934, 11; 18.5.1936, 14 (Hans-Rinner-Gedenkrennen)
Fremdenbücher des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes (Fürstenfeld, Blumau, Palfau)
Grazer Volksblatt 8.9.1888, 4 (Witz)
Info Karl Kainz, Fehring (2005)