Grazer Radfahrer Club
 
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In den Fremdenbüchern des Gauverbandes verewigt

Neben allgemeinen Grußworten finden sich in den drei erhaltenen bekannten Fremdenbüchern (Fürstenfeld, Burgau, Palfau) Sprüche, Anmerkungen über Stürze und Pannen, Berichte über das Wetter und Zeichnungen. Die Namen und Unterschriften widerspiegeln das Who is who der damaligen Radlerszene: Fahrradfabrikanten und Mechaniker sind ebenso vertreten wie die Club- und Verbands-Funktionäre oder Rennfahrer.


Eintrag Gergers im Burgauer Fremdenbuch
Eintrag Gergers im Burgauer Fremdenbuch
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Franz Gerger
Franz Gerger
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Gergers "patenter Sturz"
So ist
Franz Gerger 1891-93 wiederholt in Burgau zu Gast, als Mitglied beim Grazer RC „Wanderlust" ist er auf Trainingsfahrt, einmal berichtet er von einem „patenten Sturz". Josef Berghofer vom Pischelsdorfer RC schaut hier im Zuge einer Clubpartie im Sommer 1892 vorbei.

Im Fürstenfelder Brauhaus trägt sich Franz Urpani ein, als er am 9. September 1893 mit Trainer Alexander Gayer auf dem Weg zu internationalen Rennen in Pest ist. Einige Monate davor hinterlässt Gayer sein Autogramm in Burgau, wo er gemeinsam mit August Wagner vom GBC auf der Tour nach Ödenburg und Pressburg durchkommt. Er stattet Fürstenfeld nochmals, im Juli 1895, in Begleitung des Fahrradfabrikanten Franz Strametz ("Electra-Fahrradwerke") einen Besuch ab - unmittelbar vor Kunstrad-Meisterfahrer Hubert Endemann.

Aus der Fahrradbranche sind außerdem die eingetragenen Gäste Johann Luchscheider, Julius G. Sorg, Benedict Albl und Franz Koller, Vertreter der Brennabor-Fahrradwerke in Graz, der 1891-95 mehrfach Werbebotschaften zu Papier brachte, sowie der Mechaniker und Rennfahrer Josef Eigler, der mit zwei Kollegen vom Grazer RV „Eichenkranz" am 25. August 1895 eine Tagespartie von Graz nach Fürstenfeld, Blumau und retour unternahm. Ein anderer Mechaniker, Michael Wagenhoffer (GRV IV. Bezirk), war mit einem gewissen Franz Birnstingl (BdRÖ) mit dem Tandem unterwegs, Franz Seeger (GRC) kam vermutlich auf Trainingsfahrt im Mai 1902 nach Fürstenfeld - im August gewann er auf der klassischen Rennstrecke Graz - Bruck die Meisterschaft von Steiermark.

Josef Baltl, Ausweis 1900
Josef Baltl, Ausweis 1900


"Auf einem Bummel ins Blitzblaue"
Chronologisch gesehen stammen die ersten beiden Widmungen des Fürstenfelder Buches - wie viele der folgenden - von ungarischen Radlern, im speziellen Fall aus Körmend. In Burgau ist der erste Eintrag dem Obmann des Gauverbandes, Josef Baltl, und seinem Clubkollegen vom Grazer Bicycle-Club, Josef Ruderer, vorbehalten - die beiden dürften das Buch wohl auch mitgebracht haben -, in Palfau machte eine Gruppe des Brucker Bicycle-Club den Anfang. In Fürstenfeld findet sich Baltls Unterschrift im folgenden Jahr (1891). Wie ein späterer Eintrag ausweist, kam mit Oskar Zoth auch ein weiterer prominenter Grazer Funktionär „auf einem Bummel ins Blitzblaue" vom Gautag in Marburg auf dem Weg zurück nach Graz vorbei.

Adolf W.K. Hochenegg, ebenfalls eine schillernde Figur der Grazer Szene, war hier 1897 zu Gast, zwei Mal, nämlich auf der Osterfahrt sowie auf der Rückfahrt vom 200-km-Radrennen Ober- Unterdrauburg, stößt man im folgenden Jahr auf schriftliche Spuren des Sport-Pioniers Max Kleinoscheg, zu dieser Zeit 1. Gaufahrwart des StRGV. „Freundlicherweise in Burgau" zu Gast war er schon am 22. Oktober 1891.

Manche Gäste, meist aus der oststeirischen Region, kommen öfter, wie der Obmann des Radkersburger Radfahrer-Clubs Franz Kleinoscheg und sein Kollege Franz Rieger vom Hartberger Radfahrer-Club, die zu den häufigsten Frequentanten des Fürstenfelder Brauhauses zählen. Beim „Hirschen" in Burgau sind die Aktiven des Pöllauer RV und des Fürstenfelder Zweirad-Clubs öfters zu finden.


Sidi Baltl
Sidi Baltl
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Pöllauer RC, um 1910
Pöllauer RC, um 1910
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"Zur Kaisergemse", Palfau
"Zur Kaisergemse", Palfau
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Erste Radtouristinnen
Die erste Frau, die sich einträgt, ist Luise Sorg, die Fahrwartin des Grazer Damen Bicycle-Clubs, die am 8. August 1893 mit ihrem Vater Julius G. Sorg im Fürstenfelder Brauhaus zu Gast ist. Wenige Tage später findet sich Klubkollegin Sidonie Baltl in Begleitung ihres späteren Gatten Josef Baltl (Vorsitzender des Steirsichen Radfahrer-Gauverband 1887-94) im Burgauer Register. Dort sind auch Luise und Mutter Rosa im Oktober vorbei gekommen.

Dass Lina Koller, die gemeinsam mit Karl Koller, Fahrwart des Pöllauer Radfahrer-Club, auf dem Weg nach Gleichenberg Halt macht, neben ihrem Namen „P.R.C. Pöllau" einträgt, dürfte sie anno 1894 als frühes weibliches Mitglied in einem Provinz-Verein ausweisen. Als fleißige Tourenfahrerin scheint sie auch im Burgauer Buch mehrmals auf. Sportler, Touristen und Vertreter stellen das Gros der Gäste. Auch der neu gegründete Steirische Arbeiter Radfahrerbund veranstaltet im Juni 1896 seine „Club-Parthie" nach Fürstenfeld, eine Woche später macht hier der Grazer Militär Radfahr Curs Station.

Zwischendurch schmachtet ein August nach seiner offensichtlich davongeradelten Mitzi, finden sich kunstvoll von Hand applizierte Vereinsabzeichen oder mittels Zeichnung geschilderte Situationen, beispielsweise ein „Patschen". Später werden auch einige Marken eingeklebt, für eine Fahnenspende des Grazer Radfahrer-Vereins I. Bezirk sowie so genannte „Schotter-Steine" des StRGV, die für Spenden, die den Wegeinräumern und damit der Verbesserung des Fahrkomforts zugute kommen, ausgegeben werden.

"Wildwest" in Palfau
In Palfau, das stark von Wiener und niederösterreichischen Radlern besucht wird, sind u. a. die Fahrradproduzenten Gustav und Ludwig Brand zu Gast. Im September 1898 beschwert sich Karl Gustav Scheer aus Wien, Mitglied Nr. 1959 des Bundes deutscher Radfahrer Österreichs, dass er vor der Salza-Brücke zu Sturz gekommen und beinahe in den Fluss gestürzt sei. Seine Anregung, ein Warnzeichen anzubringen, wird auch von einem nachfolgenden Adjunkt der k. k. Sternwarte Wien bekräftigt. Auffallend sind im Palfauer Buch um die Jahrhundertwende Cleveland- und Wild-West-Aufkleber sowie ein Pickerl mit einem auf einem Rad „galoppierenden", den Tomahawk schwingenden Indianer.

Wie in Fürstenfeld kommen viele Durchreisende auch in Burgau aus Ungarn, einzelne Tourenradler im „Hirschen" reisen aus Agram oder Brünn an. Der am weitesten gereiste Gast im Brauhaus ist Curt Scherpe aus Leipzig, der mit seinem Reisegefährten im Juni 1895 auf Durchfahrt nach Triest ist - im folgenden Jahr trifft ein Tandem-Duo aus Turin ein, das über Berlin nach Amsterdam weiterfahren will. Wieder ein Jahr später, im Mai 1897, kehrt ein Mitglied des Wiener Velocipedisten-Clubs auf einer Rundfahrt über Triest, Klagenfurt, Innsbruck und retour über Zell am See und Admont im Brauhaus ein. Auch weit herumgekommene Radler aus Japan und Pretoria finden sich, wobei die tatsächlich per Rad zurückgelegten Strecken nicht vermerkt sind. Nämliches gilt auch für den Eintrag von Jeanne Waldtschmidt, Tourfahrer aus Brüssel, der sich im Sommer 1897 ins Buch der „Kaisergemse" einträgt.


Alois Baumann
Alois Baumann
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Immer weniger Einträge ab 1900
Mit einer jedenfalls beachtlichen Leistung wartet 1899 der Schweizer Rennfahrer Alois Baumann auf, als er das Fürstenfelder Brauhaus besucht, das er später selbst pachten sollte: Nach einer Tour durch Österreich und die Schweiz berichtet er eine „Cyclometerregistration km 1159". Schließlich hinterlässt im Sommer 1905 noch derjenige, dessen Nachfahren später das Fürstenfelder Fremdenbuch aufbewahren sollten, nämlich der Fahrrad- und Nähmaschinenhändler Josef Kainz aus Brunn, im Zuge einer Clubpartie der Fehringer Radfahrer seine Unterschrift.

Nun kommen immer mehr Einzelfahrer, um 1900 nimmt die Dichte der Eintragungen merklich ab. Am 22. Juni 1905 wird im Fürstenfelder Register die erste Motorfahrt verzeichnet, von zwei Männern aus St. Gotthardt, die die 23 km in 20 Minuten durchbrausen. 1906 folgt eines weitere Motorfahrt, ausgeführt einem Baron Leo Mann, der die 55 km von Graz in einer Stunden und 15 Minuten zurücklegt. Verglichen mit den Radlerzeiten hat sich die Fahrzeit halbiert.

Bewegte Geschichte
Das „Fürstenfelder Fremdenbuch" hat selbst eine bewegte Geschichte hinter sich: Nach dem Tod des Pächters Alois Baumann gelangte es 1918 an seine Nichte, Anna Schneider, später verehelichte Kainz.

Ihr Ehemann Josef Kainz (1862-1935) war Fahrrad- und Nähmaschinenhändler in Brunn bei Fehring. Nach dem Tod der Mutter kommt das Buch 1950 an Sohn Josef jun. (1892-1979), der den Fahrradhandel bis 1945 weiterführt. Wie er in einer dem Buch voran gestellten Bemerkung im September 1952 festhält, bleibt das gute Stück trotz fünfmaligem Wechsel des Hauses im Zuge der Kriegshandlungen 1945 erhalten. Sein Sohn Karl (Jg. 1929) bewahrt das Buch bis 1995 auf und verkauft es dann an einen Sammler.

Im Burgauer Buch wird mit einer Ausfahrt des Gauverbandes am 24. Juni 1923 - nach großer Lücke seit 1908 - der Schlusspunkt gesetzt, im Palfauer tröpfeln die Eintragungen ab 1903 nur noch vereinzelt. In einer Zeit, in der schon fast jeder radelt, sind auch Tourenfahrten nichts Besonderes mehr - zumindest nicht per Rad.

Burgauer Radfahrer am Fürstenfelder Bahnhof
Burgauer Radfahrer am Fürstenfelder Bahnhof
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Quellen
Fremdenbücher des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes für
- Fürstenfeld, Bauhaus (Kopie Karl Kainz, Fehring),
- Blumau, Gasthof "Zum Hirschen", Burgau (A. Postl) und
- Palfau, Gasthaus "Kaisergemse" (Besitz Josefa Scheiblechner)