Grazer Radfahrer Club
 
Sie befinden sich:  » Graz Radln  |  » Geschichte  |  » Panoptikum

Einblicke in Gleisdorfs frühe und "gemütliche" Radszene
1884 - 1945

Der Gleisdorfer Bicycle-Club wurde am 23. Juli 1884 als erster steirischer Provinz-Hochradclub und erster Radverein in der Oststeiermark aus der Taufe gehoben. In der damaligen Steiermark waren nur die Clubs von Graz und Marburg (Maribor) sowie jene der Bezirksstädte Liezen, Knittelfeld un Bruck an der Mur früher gegründet worden.


Ansuchen, 1884
Ansuchen, 1884
Bildvergrößerung


Angezeigt wurde die Vereinsgründung vom praktischen Arzt Arthur Laab und dem Holzhändler Jakob Wolf. Die Eintrittsgebühr lag bei 2 Gulden, das Clubabzeichen - ein weiß-grünes Wappenschild mit dem Clubnamen im weißem Querbalken - war bei jeder ordnungsgemäßen Fahrt auf der linken Brustseite zu tragen. Dazu kam ein entsprechender Dresscode: Helm mit doppeltem Schild aus Segeltuch, Wollhemd, Rock, Hose und Gamaschen aus Batist sowie ein Gürtel in den Farben Blau und Grün-weiß.

Doch bevor überhaupt gefahren werden durfe, hatte ein Fahr-Comite über die "Fahrtüchtigkeit"  des Mitglieds zu entscheiden. Die Fahrordnung bestimmte, dass nur als fahrtüchtig Beurteilte die Straße benutzen durften, und zwar erst dann alleine, wenn sie auf einer Weglänge von 20 km in Begleitung ihr Können bewiesen hatten. Beim Auftauchen eines anderen Verkehrsteilnehmers (Fußgänger, Reiter, Fuhrwerkes) musste 50 Meter davor eine "wenn nöthig anhaltende Signalisierung mittels der Huppe oder der Alarmglocke" erfolgen, bei Schwierigkeiten war in einer Distanz von mindestens fünf Metern abzusitzen und zu schieben. Bei gemeinsamen Ausfahrten war "dem Führer des Zuges unter allen Umständen unbedingter Gehormsam zu leisten."

Die Gemeindevertretung des damals kaum 2.000 Seelen zählenden oststeirischen Marktes war offenbar ziemlich liberal eingestellt: "Alle Strassen sind für Radfahrer frei, durch den Ort ist langsam zu fahren", lautet die Empfehlung im Tourenbuch des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes aus dem Jahre 1889. Andererseits lud der Gleisdorfer Club im gleichen Jahr vor einem "Kränzchen" auch die Nachbarvereine ein, gemeinsam über"die Mängel und Uebelstände, die sich einer gedeihlichen Entwicklung unseres schönen Sportes in der Oststeiermark hindernd in den Weg stellen" zu beraten.

Erster Obmann des Gleisdorfer BC und zugleich Ortswart des Gauverbandes war Theophil Edler von Schickh, wohnhaft in der Kaiser-Franz-Josefs-Straße 101. Sein Stellvertreter, der - damals angehende - Advokat Oskar Treffenschedl übernahm 1889 die Leitung und hatte diese bis zur Auflösung 1895 inne. Zum Vereinslokal wurde zunächst das Bahnhofsrestaurant gewählt, dann der Gasthof "zum goldenen Adler" der Witwe Anna Grabenhofer in der Alleegasse, später von Alois Schalk übernommen. Übungsabende fanden am Bahnhofsplatz statt, im Sommer jeden Sonntag von 6 bis 8 Uhr abends.

Erste Rennen und große Touren
Das erste Gleisdorfer Straßenrennen ging im Jahre 1885 in Szene, ein weiteres, internes Clubrennen folgte am 6. Oktober 1889. Sieger wurde Carl Bruckmayer, der die 19 Kilometer nach Eggersdorf und retour in 57 Minuten bewältigte, gefolgt von Theo Schickh, der genau eine Stunde benötigte.

Richard Mayr jun., ca. 1893
Richard Mayr jun., ca. 1893
Bildvergrößerung


Vom Clubrennen im Herbst 1890 ist überliefert, dass der Sieger, Bürgermeister-Sohn Richard Mayr jun., bei der abendlichen Feier in Schalk´s Gasthaus selbst "Clavierpiecen" intonierte.

Auch wenn es für die Gleisdorfer Racer nicht zu überregionalem Lorbeer reichte, sportlich waren sie allemal, wie ihre Tourenleistungen unter Beweis stellen. Jacob Wolf, zu dieser Zeit auch Fahrtwart des Gauverbandes, war über Salzburg und Nürnberg nach Franzensbad pedaliert, Obmann Schickh wählte für seine Fahrten in Salzburg, Tirol, Schweiz und Bayern bereits ein Bicyclette (frühes Niederrad) und Oskar Treffenschädel vermeldete eine Fahrt Gleisdorf - Mürzzuschlag und zurück. Das war 1887; im Jahr darauf lag die größte Kilometerleistung von einem Clubmitglied bei 4.265 Kilometer.

Hatte man im Ort eine Panne, waren Alfons Kerschl, Werkführer von J. Dangl´s Maschinenwerkstätte in der Bürgergasse, sowie Schlosser Josef Thalhammer - er war auch Fahrwart der Bicyclisten - die richtigen Adressen. 



Gaufahrt des StRGV nach Gleisdorf, 1893
Gaufahrt des StRGV nach Gleisdorf, 1893
Bildvergrößerung

RC "Die Gemüthlichen"
RC "Die Gemüthlichen"
Bildvergrößerung

Gruppe in Blumenschmuck
Gruppe in Blumenschmuck
Bildvergrößerung

Nach Umgründung mit Banner: "D´Gemüthlichen", ca. 1924
Nach Umgründung mit Banner: "D´Gemüthlichen", ca. 1924
Bildvergrößerung




Von "Gemüthlichen" und "Schwalben"
Warum der Gleisdorfer BC schon nach rund einem Jahrzehnt, am Ende der Hochradzeit und noch vor dem ersten großen (Nieder-)Radboom, seine Tätigkeit einstellte, kann nur gemutmaßt werden. Allerdings war die Mitgliederzahl mit nie mehr als zehn Ausübenden bescheiden, die Abwanderung groß und Obmann Treffenschedl widmete sich verstärkt der Gemeindepolitik; er war 1894 bis 1919 im Gemeindeausschuss (Gemeinferat) aktiv. 

Die Nachfolge des BC trat 1897 der Radfahr-Verein Gleisdorf an, um dessen behördliche Genehmigung Julius Axmann ansuchte. Die aufeinander folgenden Obleute, der Arzt und spätere Gemeindepolitiker Josef Wagner sowie der Bezirkstierarzt Fritz Kammler, scharten rund 20 Aktive um sich.

Abzeichen "Die Gemüthlichen"
Abzeichen "Die Gemüthlichen"
Bildvergrößerung


Zwei Jahre später trat der Gleisdorfer Radclub der "Gemüthlichen" an, der bei der Gründungsversammlung unter dem Vorsitz von Rudolf Hasenhüttl in Johann Pfeifers Gasthaus 23 ausübende Mitglieder - Herren und Damen - begrüßen konnte. Alois Pfeifer war der erste Obmann. Dass es die "Gemüthlichen" mitunter auch durchaus sportlich angingen, zeigt ein Eintrag ins Fürstenfelder Fremdenbuch von ihrem Mitglied Josef Ertl, der mit dem Grazer Rennfahrer Richard Baumgartner unterwegs ist, als er am 14. Mai 1901 knapp notiert: "Frühtour Gleisdorf - Fürstenfeld retour".

Der Verein war in der Zwischenkriegszeit unter Ziegeleileiter Pankraz Lackner und Friseurmeister Franz Prassl mit über 150 Mitgliedern sehr aktiv. Das Vereinslokal war Köberl´s Gasthaus in der Bürgergasse. Um ein Banner, das 1924 zum 25-Jahre-Jubiläum beim vom Club ausgerichteten Hauptgautag enthüllt wurde, auch wirklich ordnungsgemäß führen zu dürfen, mussten die Statuten geändert werden. Der Verein wurde - auf Behördengeheiß einigermaßen umständlich - umgegründet und hieß nun "D´Gemütlichen".

Es gab noch einen dritten Radverein in Gleisdorf. Von den "Schwalben", die in der Ersten Republik von einem gewissen Sepp Tieber geführt worden sein sollen, ist allerdings wenig bekannt. Auffallend in der frühen Gleisdorfer Vereinslandschaft ist das Fehlen eines Arbeiter-Radfahrvereins.



Bannerentwurf "D´Gemütlichen", 1925
Bannerentwurf "D´Gemütlichen", 1925
Bildvergrößerung

Banner
Banner
Bildvergrößerung

Urkunde für Friedrich Rath
Urkunde für Friedrich Rath
Bildvergrößerung


"Ungemein billiger Wein" beim Supperl
Zweimal, 1913 und 1924, war Gleisdorf Schauplatz des Hauptgautages des Steirischen Radfahrer Gauverbandes. Als Dachverband gab dieser sportlich und organisatorisch den Takt an, setzte sich für die Verbesserung der Straßenverhältnisse und der Akzeptanz des Radfahrens ein, verlegte Tourenbücher und Straßenkarten, stellte Warnschilder und Wegweiser auf, wie z.B. um 1890 am östlichen Ende von Gleisdorf.  

Ebenfalls vom Gauverband ausgeschildert wurden radlerfreundliche Gaststätten, wo auch Fremdenbücher für Radtouristen auflagen, ähnlich den Hüttenbüchern von heute. Ein solches, leider nicht erhaltenes, gab es auch im Clublokal der Gleisdorfer Bicyclisten. Der Bezug zur Gastronomie war immer schon ein ausgeprägter: So stand - wie bereits erwähnt - quasi die Wiege der "Gemüthlichen" im Gasthaus Pfeifer, Besitzer Johann Pfeifer war Schriftführer, sein Bruder Alois Obmann. Im Verbandsorgan "Mittheilungen des Steirsichen Radfahrer-Gauverbandes", erfuhr man auch von empfehlenswerten Labestationen, so etwa 1890:

"Der Gleisdorfer Bicycle-Club empfiehlt das an der Straße Graz - Gleisdorf in Höf zwischen dem 13.6 und 13.8 befindliche Gasthaus des Peter Supperl, welches von Mitgliedern des genannten Club´s wegen der guten Küche und hauptsächlich wegen des guten, ungemein billigen Weines häufig als Ziel für Abendpartien gewählt wird. Der Besitzer des Gasthauses ist den Radfahrern außergewöhnlich freundlich gesinnt und bemüht sich auch die Wegeinräumer auf entsprechende Weise zur bestmöglichen Beseitigung der den Radfahrern so lästigen Wasserabzugsgräben zu bestimmen." 
Oststeirische Handwerkstausstellung 1907
Oststeirische Handwerkstausstellung 1907
Bildvergrößerung



Bunte Feste und treu-deutsche Grüße
Die Tagespost berichtete am 15. September 1913 vom 27. Hauptgautag des Gauverbandes: "Gleisdorf zeigte sich seinen Radsportgästen zu Ehren im Festkleid. Reicher Flaggenschmuck zierte die Häuser. Bei der Einmündung der Reichsstraße in den Ort erhob sich eine Triumphpforte." Über 200 Radler fuhren unter Führung des bekannten Racers und Gaufahrwartes Franz Gerger unter Klängen der Feuerwehrkapelle in den Ort ein und weiter zum Hauptplatz.

Abzeichen Gautag 1913
Abzeichen Gautag 1913
Bildvergrößerung


Am nächsten Tag gab es einen Korso in Galadress und mit geschmückten Rädern. Bei zwei Rennen gewann Friedrich Wilhelmer das für die örtliche Radlerschaft offene 10 km-Rennen, beim Vorgabefahren über 20 km siegte Rudolf Potgorschek vom Eggenberger Radfahr-Verein, die schnellste Zeit fuhr Anton Smolnik vom Grazer RV "Ausdauer 1909".

Elf Jahre später, im September 1924, luden "Die Gemüthlichen" zusammen mit dem Gauverband wieder zum Radfest: Abermals musizierte die Feuerwehrkapelle, beim diesmal angeblich sogar 600 Radler starken Korso flatterten 40 Banner und Autos fuhren vorneweg. Rennen gab es diesmal keine, aber der Grazer Radverein "Styria" fuhr am Bahnhofplatz Reigen und spielte Radball. Während seine Gattin das Banner des Gastgebervereins enthüllte, brachte der Gleisdorfer Bürgermeister Josef Winkelhofer die Grüße der Gemeinde dar: "Deutsch sind wir in Gleisdorf, deutsch und treu!" Auch sein Vor-Vorgänger Wilhelm Petritsch hatte 1913 eine "kernige" Rede gehalten, "die in ein All Heil auf den Gauverband als einen Hort der deutschen Sitte und Brüderlichkeit im Sport" ausklang.

Es folgten Jahre, in denen die ideologische Ausrichtung auch in den Radvereinen dominierte und einen zunehmend autoritäten und deutsch-nationalen Drall bekam. 1936 erfolgte die Gleichschaltung und Eingliederung aller Radvereine in die ständestaatiche Sport- und Turnfront. 1937 veranstalteten "D´Gemütlichen" gemeinsam mit dem Gleisdorfer Sportclub einen Sporttag in Verbindung mit dem Hauptgautag des Österreichischen Radfahrerbundes, Landesverband Steiermark. Dabei gab es - neben Boxen und Turnen - auch Straßenrennen, einen Langsamfahr-Bewerb auf dem Dr. Dollfuß-Platz sowie eine Sternfahrt, einen Korso und Kunstradvorführungen. Die Verbindung zum Tunern war - wie bei vielen Hochrad-Vereinen, etwa dem Grazer Bicycle-Club - traditionell eng: In der Stammriege des Gleisdorfer BC war nur einer der Herren nicht auch Mitglied beim Turnverein gewesen.

Nach dem "Anschluss" erfolgte im NS-Regime die Eingliederung aller Sportvereine in den Deutschen Reichsbund für Leibesübungen. In der Kriegszeit kam das Vereinsleben generell fast völlig zum Erliegen, so auch in Gleisdorf. Die offizielle Auflösung der "Gemütlichen" erfolgte 1946, wobei im behördlichen Bescheid eine Notiz der Gendarmerie protokolliert ist: Der Verein habe seine Tätigkeit schon länger eingestellt, der letzte Obmann Franz Prassl sich beim Einmarsch der Roten Armee das Leben genommen.

Einladung zum Hauptgautag 1924
Einladung zum Hauptgautag 1924
Bildvergrößerung



Literatur und Quellen
Vereinsakten des Gleisdorfer Bicycle-Club, des Radfahr-Verein Gleisdorf und des RV "Die Gemüthlichen/ "D´Gemütlichen", Steiermärkisches Landesarchiv (StLA)
Ausschreibung Sporttag anl. Hauptgautag des Österreichischen Radfahrerbundes, Landesverband Steiermark, Gleisdorf, 5.9.1937
Mittheilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes  4/1.12.1887 ("Rundreise per Bicycle" von Jacob Wolf, Teil 1); 11/15.1.1889 ("Mängel und Uebelstände"); 18/15.10.1889 (2. Rennen); 25/1.8.1890 (Gastro-Tipp des Gleisdorfer BC); 25/15.10.1890 ("Sieger am Klavier")
Steirischer Radsport 15/16/10.9.1924, 3ff (38. Hauptgautag)
Österreichisch-ungarische Radfahrer-Zeitung Nr. 22 vom 15.11.1887, 327 (Fernreisen)
Tourenbuch von Steiermark für Radfahrer, hg. vom Steirischen Radfahrer-Gauverband, Graz 1889
Fürstenfelder Fremdenbuch des StRGV, aufgelegen im Baugasthof Pferschy, heute Privatbesitz 
Tagespost 15.9.1913, 2. Bogen zum Abendblatt Nr. 253 (27. Hauptgautag)
Informationen Siegbert Rosenberger
Objekte des Museum im Rathaus (MIR) Gleisdorf