Grazer Radfahrer Club
 
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"Wildoner Radfahrer" aus der Zeitkapsel im Kirchturm

Profilkarte, Ausschnitt, 1898
Profilkarte, Ausschnitt, 1898
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In den frühen 1980er Jahren wurde die Pfarrkriche St. Magdalena zu Wildon renoviert. Dabei fand man im Kirchturmknauf, verlötet in einer Kapsel, Dokumente, die bei der zuletzt erfolgten Generalsanierung 1894 gezielt der Nachwelt hinterlassen worden waren. Laut Archivar Gernot Peter Obersteiner (Stmk. Landesarchiv) handelt es sich bei dem Fund um eine zeithistorische Momentaufnahme aus der Sicht der damaligen Gemeindeverwaltung, der Institutionen und Vereine im Markt Wildon. Beigefügt waren Fotos, Münzen, Zeitungen etc. sowie Fragmente von Dokumenten aus früheren Renovierungen (eine fand zu Beginn des 19. Jahrhunderts statt). Bei der jüngsten Renovierung wurde anstelle der alten Dokumente wieder zeitgenössisches Material im Kirchturmknauf deponiert, in der Hoffnung, dass es möglichst lange dort verweilen möge ...

Radhistorisch interessant ist die Zeitkapsel aus dem Kirchturm vor allem wegen der "Kurz gefassten Vereinschronik" der "Wildoner Radfahrer", verfasst vom damaligen Vereinsobmann, Volksschullehrer Johann Grabenwarter. Die handschriftliche Aufzeichnung, datiert vom 14.10.1894, befindet sich heute im Pfarrarchiv und ist - in kursiver Schrift ausgewiesen - Basis für den folgenden Abriss der frühen Wildoner Radfahrgeschichte.

"Wildoner Radfahrer", 1895
"Wildoner Radfahrer", 1895
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Früher Provinzverein und seine Protagonisten
"Schon 1886 fanden sich auch in Wildon einzelne Radfahrer, wie Herr Karl Kellner, Friedr. Unger u.a., welche hoch auf dem Stahlrosse durch die Straßen fuhren, angestaunt von Jung und Alt." 

Die ersten erwähnten Bicyclisten waren also der Färbereiinhaber Carl Kellner und der Kaufmann Friedrich Unger, der 1861-72 und 1898-1913 auch Bürgermeister der Marktgemeinde war. Dass man sich im Folgejahr gemeinsam mit dem Lehrer Johann Grabenwarter an die Gründung eines Vereins machte und damit einen der ersten Hochradclubs in der steirischen Provinz schuf, hatte seinen Hintergrund wohl in der Nähe zu Graz und der verkehrsgünstigen Lage an der Reichs- und Kommerzialstraße nach Triest sowie im Vorhandensein eines für die neue Sportart empfänglichen Bürgertums.

"Über Anregung des H. Karl Kellner schlossen sich 6 Fahrer zu einer Vereinigung zusammen; ein Comité von den Herren E. Kellner, Friedr. Unger und Joh. Grabenwarter arbeitete sich nach bewährtem Muster (als Vorlage dienten die Statuten des Knittelfelder Bicycle-Club, Anm.) eigene Vereinsstatuten aus, welche der hohen Statthalterei zur Genehmigung eingesandt wurden. Am 10. März 1887 schritt man zur prov. Gründung des Vereins "Wildoner Radfahrer". Unter dem Vorsitz des Anregers des H. K. Kellner wurden in die Vereinsleitung folgende Herren gewählt: Obmann Friedr. Unger, Obm. Stellvertreter u. Fahrwart K. Kellner, Schrift- und Säckelwart Joh. Grabenwarter, Zeugwart Alois Zechner, einfache Mitglieder des Vereines waren die Herren Josef Leifert u. Franz Kohlmeier."

Am 7. April 1887 wurden die Satzungen genehmigt, der jährliche Mitgliedsbeitrag betrug 2 Gulden. Wie bei den Hochradvereinen üblich, erklärte der Vorstand (Ausschuss) Mitglieder für fahrtüchtig und damit zu ausübenden Mitgliedern. (Vgl. die Statuten des vier Jahre später gegr. Ausseer Radfahr-Verein, in denen nur noch vorausgesetzt wird, dass die ordentlichen Mitglieder "des Radfahrens in den Anfangsgründen kundig sind ...")

Im ersten Jahr zählte der Verein 11 ausübende und 26 unterstützende Mitglieder, in der Folge wuchs die Mitgliederzahl kontinuierlich auf 43 Ausübende (1893 u. 1894) an. 


Ernest Strallegger, um 1890
Ernest Strallegger, um 1890
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Vereinsabzeichen
Vereinsabzeichen
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"Bierzipf"
"Bierzipf"
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Sport und Geselligkeit
Als man dem nahezu zeitgleich gegründeten Steirischen Radfahrer-Gauverband (gegr. 6.3.1887) beitrat, übernahm Josef Leifert die Funktion des ersten Ortswartes. Mit dabei war auch schon der Predinger Gastwirt und Fleischer Ernest Strallegger, der auch als Ortswart für seine - noch vereinslose - Heimatgemeinde fungierte.

"Das Vereinsabzeichen, welches die Mitglieder zuerst auf der linken Brustseite, später auf der Kappe trugen, hat mit Genehmigung des Gemeinderates das Wildoner Marktwappen (wilder Mann mit schwungener Keule) auf rothem Felde und auf grünem Rande mit Goldumschrift Verein `Wildoner Radfahrer´ 1887. Die Kleidung der Radfahrer ist eine dunkelblaue Dreß. Den Zweck des Vereins `Die Förderung des Radfahrens durch Veranstaltung von Vergnügungsfahrten, geselliges Zusammenwirken auf dem Gebiete dieses Sports und Anlehnung an Vereine gleicher Richtung´ hielt der Verein von jeher hoch."

Bereits im ersten Vereinsjahr betätigte man sich im sportlichen Wettkampf, und zwar mit der Ausrichtung des ersten internen Straßenwettfahrens, das über 10 km von Lebring bis Grünauer (Einfahrt Leibnitz) und retour führte. Sieger wurde in 29 Minuten Alois Zechner vor Josef Leifert und Franz Kohlmeier. Josef Leifert etablierte sich später als Fahrradmechaniker am Hauptplatz, seine Nachfahren führten den Betrieb zumindest noch in den 1940er Jahren.

Das zweite interne Straßenrennen über 20 km, das am 14.7.1889 auf der Reichsstraße von Lebring nach Landscha und zurück stattfand, entschied der nachmalige Obmann Franz Krendl in 56 Minuten vor Josef Grabenwarter und Josef Prenner für sich. Geübt wurde des Abends im Sommer auf der Reichsstraße zwischen 23. und 19. Kilometer(stein), ist im Tourenbuch nachzulesen.

Auch bei den Gaupartien und -wettfahren sowie bei den Internationalen Pfingstrennen in Graz waren die Wildoner dabei, bei letzteren wohl nur als Besucher. 



Vollscheibenrad Leifert, 1915
Vollscheibenrad Leifert, 1915
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Klingel Leifert
Klingel Leifert
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Leiferts Geschäft, 1930er Jahre
Leiferts Geschäft, 1930er Jahre
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"Manch Faß von Reininghauser-Märzen kredenzt"
Wie jährliche Leistungen von über 6.000 km durch Johann Grabenwarter zeigten, war man viel auf Tour, was etwa durch Einträge von Vereinsmitglied Josef Überbacher in den Fremdenbüchern von Burgau und Fürstenfeld untermauert wird. Josef Grabenwarter stieg am 9.9.1893 auf der Rückfahrt vom Hauptgautag in Hartberg im Fürstenfelder Brauhaus ab. In der Heimat zählten die Gasthäuser von Carl Ortner im Ortszentrum und Josef Stift nahe dem Bahnhof neben zwei weiteren zu den Stammlokalen.


Gaufahrt 1891
Gaufahrt 1891
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Gesellschaft auf dem Schlossberg
Gesellschaft auf dem Schlossberg
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Vom 21. Jänner 1891 hielt der Verein über Antrag des damligen Obmannes H. Franz Krendl monatliche Vereinsabende abwechselnd in den 4 Vereinsmitgliedern gehörigen Gasthäusern ab, an welchen bald ein Vereinsquartett durch seine gut zu Gehör gebrachten Weingesänge besonders zur Unterhaltung beitrug. Auch das Band kollegialer Freundschaft knüpfte der Verein mit verschiedenen Radfahrvereinen und empfing verschiedene derselben als liebenswerte Gäste, kredenzte ihnen manch Faß von echtem Reininghauser-Märzen auf dem eine herrliche Fernsicht gewährenden Schloßberge, wo es bei Becherklang immer hoch hergieng und so mancher Bruderkuß ausgetauscht wurde.

Hoch herging es jedenfalls am 19. April 1891, als der Gauverband eine Gaufahrt nach Wildon veranstaltete. Die "Wildoner Radfahrer" empfingen die Gäste aus Steiermark und Wien beim Brückenwirth 4 km nördlich des Ortes, wie die Gauverband-Mittheilungen berichteten: "In wohlgeordneter, langer Reihe erfolgte gegen 10 Uhr die Einfahrt in den freundlichen, festlich geschmückten und reich beflaggten Markt Wildon, wo am Hauptplatz eine sehr zahlreiche Menschenmenge und die Capelle des Grazer Bürgercorps den Zug erwarteten. Nachdem die Radfahrer - schon über hundert an der Zahl - in drei langen Reihen Aufstellung genommen hatten, wurden sie von zarten Händen mit Blumensträußchen geschmückt." Das Stift´sche und Ortners Wirtshaus wurden aufgesucht, Apotheker Otto Schwarzl redete über die Verdienste zur Hebung des Radfahrwesens und am Schlossberg erfolgte der offizielle, bei einem Tanzkränzchen in Stifts Gasthaus der inoffizielle Ausklang.

Abriss über die rasante technische Entwicklung
Der Chronist illustrierte in einer Zeit, als der Fahrradboom auf dem Höhepunkt war, auch die rasche technische Entwicklung dieser Jahre. Unter den Beilagen des Kirchturmknauffundes fand sich - neben Hoch- und Niederradmodellen aus dem Münchner Fachblatt "Radfahr-Humor/ Radfahr-Chronik" - auch schon eine Werbung für ein Motorzweirad (Hildebrand & Wolfmüller), das angeblich schon 70 km/h und schneller fuhr.

"In den ersten Jahren bedienten sich die Radfahrer einzig des Bicycles (Hochrad), und es gewärte einen gar prachtvollen Anblick, wenn eine Schar Bicyclisten in schön geordnetem Corso und strammer Haltung auf dem hohen Stahlrosse in den Wohnort einfuhren; es war gewiß nicht zu verwundern, wenn Groß und Klein, darunter manch hübsches Mägdelein, links und rechts Front machten, um sich am Anblick der stolzen Radler zu weiden.

Bald aber tauchten sogenannte Sicherheitsräder auf, welche den Fahrer vor dem schlimmen Kopfsturz schützen sollten. Sie hatten einen viel kleineren Raddurchmesser, der Sitz war niedriger, der Aufstieg bequemer und gefahrlos. Solche Arten der Niederräder waren das Facile, das Kangoroh, das Rover u.a. Mit Stolz schaute der Bicyclist auf den Niederradfahrer herab. Die Niederräder kamen immer mehr in Aufschwung, da sie immer mehr verbessert wurden u. auch durch die große Übersetzung das Hochrad an Schnelligkeit übertrafen. Von den Sicherheitsrädern hat das Rover (Niederrad) die anderen gänzlich verdrängt."

Statt der massiven Gummilaufringe erzeugte man bald hohle (sog. Kissenreifen) zur Verminderung des Stoßes. In England erfand man einen Reifen, der mit Luft aufgepumpt wurde. Clincher hatte seinen Mantel zum Abnehmen, Dunlop aber zuerst auf der Felge festgeklebt. Diese Räder gestatteten ein äußerst ruhiges, schnelles Fahren. Zuerst bediente man sich dieses Rades nur auf der Rennbahn. 1890 wurden schon Straßenwägen mit Pneumatik- od. Luftreifen erzeugt. Verschiedene Erfinder neuer Luftreifen machten einem die Wahl schwer, welchem Reifen man den Vorzug geben sollte. Alle aber hatten den Nachtheil, daß sie von spitzen Gegenständen wie Nägeln, Glassplittern u. dgl. leicht durchstochen wurden und den Fahrer zwangen, bis zur nächsten Stadt den Freund (Eisenbahn) zu benutzen. Diesen Nachtheil musste man mit in den Kauf nehmen, wollte man anders bequem und schnell fahren.

Zwar nicht in Chronik Eingang fand der Wildoner Franz Gutjahr, dessen zu Anfang der Niederradzeit patentierte Neuerung aber durchaus bemerkenswert erscheint: Die Stoßdämpfung für das Fahrrad. Sie teilte das Schicksal unzähliger anderer technischer Geniestreiche, die sich im Laufe der Radgeschichte am Markt nicht duchsetzen konnten und bestenfalls in Prototypen realisiert wurden.
Stoßgedämpftes Fahrrad nach Gutjahr
Stoßgedämpftes Fahrrad nach Gutjahr
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"Mit erhabenem Lächeln zurückdenken"
Selbstreflexiv versuchte Grabenwarter zu antizipieren, was wohl die Finder der Zeitkapsel weiland über die Errungenschaften von anno 1894 denken würden.

"Unsere Nachkommen aber werden beim Lesen dieser Zeilen mit erhabenem Lächeln auf uns zurückdenken, die wir, auf allen Unbilden der Witterung ausgesetzten, oft recht abscheulichen, auch bergigen Straßen herumwimmeln mußten, während sie in den Luftregionen auf der Flugmaschine oder dem lenkbaren Luftballon mit Eilzugsgeschwindigkeit, durch keine Zollschranken oder andere Hindernisse aufgehalten, die Länder durchfliegen. Aber auch unser herrlicher Sport war recht schön, brachte uns manch heitere, vergnügte Stunde und so rufen wir neidlos den aufgeklärten Nachkommen ein herzliches, sportkameradschaftliches `All Heil´ zu."




"Kurz gefasste Chronik"
"Kurz gefasste Chronik"
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"All Heil" zum Schluss
"All Heil" zum Schluss
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Literatur und Quellen
Hilde HARRER, Grazer Radfahrvereine 1882-1900. Ein Beitrag zur Geschichte des steirischen Radfahrwesens. (Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark, hg. von der Historischen Landeskommission für Steiermark, XLI. Band), 1998, Graz (Fotos)
Gernot Peter OBERSTEINER, Der Verein "Wildoner Radfahrer", in: hengist magazin 1/2008, 23-25

Mittheilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes 31/1.5.1891, Gaufahrt nach Wildon
Tourenbuch von Steiermark für Radfahrer, hg. vom Steirischen Radfahrer-Gauverband, 1889
Stmk. Landesarchiv, Vereinsakt Statth. 53-6025/1887 ("Wildoner Radfahrer")
Kaiserliches Patentamt, Patentschrift No. 58187, ausgeg. 18.8.1891
Kirchturmknauffund, Pfarrarchiv Wildon