Grazer Radfahrer Club
 
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Ausseer Radler und ihre Corsobahn im Kurpark


Ausseer Radfahrer-Club, um 1895
Ausseer Radfahrer-Club, um 1895
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Zwar gibt es einen nachrichtlich einen frühen Einzelbeleg über ein Velociped in Aussee - es gehörte dem örtlichen Greißler Anton Zierler, der Ende Mai 1870 ein tragisches Ende durch eigene Hand fand -, wegen seiner eher exponierten Lage in einem Alpenbecken, umgeben von Bergen, war das steirische Salzkammergut aber nicht gerade prädestiniert für das Fahrrad und seine Vorläufer. Hin und wieder verschlug des wohl Athleten auf Hochrädern hierher, etwa als am 21.9.1884 das in Liezen gestartete I. Obersteirische Bicycle-Meeting den Wendepunkt in Aussee hatte und "eine unabsehbare Menge Publicum, darunter sehr viele Curgäste" zum Anfeuern gekommen war. Dieses Rennen erfuhr am 6.9.1885 seine zweite und letzte Auflage.

In der ersten Ausgabe des "Tourenbuch von Steiermark für Radfahrer" von 1889 wird Aussee auf der Route über die Salzstraße nach Ischl und Salzburg eher knapp als stark besuchter und teurer Curort beschrieben. Erst die späteren Ausgaben (1894, 1899) illustrieren die Vorzüge der wilden Berglandschaft und empfehlen Ausflüge in die Umgebung.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass im Ausseerland erst in der Niederradära verbreitet und organisiert geradelt wurde: Die Gründungsversammlung des Ausseer Radfahrer-Club fand am 26.10.1891 im Hotel „zum Wilden Mann" statt, die Statuten wurden vom Cafetier Franz Vesco, dem ersten Obmann, und seinem Stellvertreter, dem Kaufmann Johann Laimer, eingereicht. Weitere Funktionäre der ersten Stunde waren der Buchhalter Alois Georg Konrath (Schriftwart), der Vorstand des Consumvereines Johann Haim (Säckelwart), der Tapezierer Josef Graf (Fahrwart) und der Commis Wilfried Haim (Fahrwartstellvertreter). Ebenfalls im Vorstand: Der Wirt des Clublokals Wilhelm Siegl und der Conditor Gustav Lewandofsky - der gebürtigte Wiener sollte 1892 von seiner Frau die noch heute unter diesem Namens bekannte Lebzelterei übernehmen. Es waren also durchwegs einfache Bürger und Gewerbetreibende, die sich der "Verbreitung und zweckdienlichen Verwerthung des Fahrrades durch Veranstaltung von Vergnügungs- und Schulfahrten, mit besonderer Berücksichtigung des Straßenfahrens, sowie durch Anschluss an Vereine dieser Richtung zu fördern" verschrieben hatten. Und es waren - nachweislich zumindest bis 1895 - nur Männer.

Protokoll Gründungssitzung
Protokoll Gründungssitzung
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Mitgliederverzeichnis, Deckblatt
Mitgliederverzeichnis, Deckblatt
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Erste Mitglieder, 1891
Erste Mitglieder, 1891
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Wie bei anderen Radfahrvereinen auch gab es ein eigenes Klubabzeichen und eine eigene Kleiderordnung: blaue Pumphose und Sakko, schwarze Strümpfe und Schnürschuhe sowie eine Kappe.


Diplom für W. Haim
Diplom für W. Haim
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Inserat Adolf Graf, 1898
Inserat Adolf Graf, 1898
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Inserat Johann Baar
Inserat Johann Baar
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Fahrunterricht, erste Partien, Gewerbetreibende
Wilhelm Ziegelbauer, Fahrmeister und Vertreter der Grazer Fahrradfabrik Albl, erteilte Radfahrunterricht, wobei laut Inserat in der "Alpen-Post" eine Lehrdauer von drei bis sechs Stunden "nach der Methode der ältesten Radfahrschulen auf vollkommen gefahrlose Weise"  angeboten wurde. Offensichtlich mit Erfolg, denn: "Die Herren Schüler machen bedeutende Fortschritte in der Radfahrkunst; sechs Herren wagten sogar schon einen Ausflug und fuhren am 29. October auf Biciclen aus der Fabrik `Eibl´ in Graz von Steg nach Ischl." Abgesehen von der recht eigenwilligen Schreibung der Eigennamen (Bicycle, Albl) ist bemerkenswert, dass die erste, 18 km lange Tour im oberösterreichsichen Teil des Salzkammergutes absolviert wurde. Das legt den Schluss nahe, dass die Bedingungen in der näheren Umgebung nicht gerade günstig waren und man eine Anreise mit dem Zug (im Jargon "Freund") in Kauf nahm, um jenseits des Pötschenpasses bessere Fahrverhältnisse vorzufinden.

Bei der ersten offiziellen Clubpartie gab man es billiger als geplant: Statt nach Wien führte sie tags darauf über 25 km vom Clublokal nach Gössl und über Obertressen und Altaussee wieder retour. Neben den Brüdern Haim, Graf und Josef Kohn aus dem Vorstand waren Johann Kogler, Lewandofsky und Jacob Sonnenschein dabei. Die meisten Kilometer im ersten Vereinsjahr machte Fahrwart Graf mit insgesamt 751 km, eine vergleichsweise eher bescheidene Leistung. In den folgenden Jahren wurden - offensichtlich um die sportlichen Ambitionen zu stimulieren - ein 1000-km-Preis und eine Prämie für den 8-Stunden-Rekord ausgelobt.

Als Mechaniker wurde vom Steirischen Radfahrer-Gauverband Karl Koidl, Spengler und Maschinenmeister im Kaiser-Franz-Josef-Kurbad empfohlen. Wie Inserate von 1898 zeigen, setzten zu dieser Zeit mehrere Gewerbetreibende und Dienstleister auf das Fahrrad: Adolf Graf vertrieb in seiner Niederlage in der Ischlerstraße 67 verschiedene Modelle, darunter aus heimischer Produktion
"Styria" und "Meteor"; ebenfalls in der Ischlerstraße (Nr. 86) erweiterte Schlosser und Büchsenmeister Leopold Kogler - ein Proponent des Auseer RC - seine Reparatur- und Verkaufsaktivitäten auf Fahrräder. Vertreter für das Steyr Waffenrad war Johann Baar in Alt-Aussee.

Karl Körner jun., der zunächst als Generalvertreter für das Wiener Versandhaus für Fahrradbestandtheile Mittler & Comp. sowie Dürkopp´s Diana-Fahrräder auftrat, bot 1899 als diplomierter Radfahrlehrer seine Dienste in der "1. Ausseer Radfahr-Schule" am Stephanie-Quai 229 nahe der märktischen Schwimmschule an. 


Skizze Torbogen zur Corsobahn
Skizze Torbogen zur Corsobahn
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Skizze Musikpavillon
Skizze Musikpavillon
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Die Corsobahn im Praunfalkh-Park
Mit der Zunahme der Radfahrer wird seitens der Gemeinde probiert, für die beengten Verkehrsverhältnisse des Kurortes Regelungen einzuführen. So wird in den Mitteilungen des Gauverbandes 1892 ersucht, "auf der Hauptstraße von Curhausplatz in den Markt hinein und auf dem engen Theile der Straße zum Grundlsee nicht zu fahren, bezw. abzusitzen". Weil es auf dem Alt-Ausseer Seeweg immer wieder zu Konflikten mit Spaziergängern kam, wurde ein Fahrverbot erlassen, das - zumal nicht immer eingehalten - durch Gittertore, Schwellen und Drehkreuze durchgesetzt werden sollte.

In dieser Situation, die danach verlangte, die radfahrerischen Aktivitäten - nicht zuletzt auch der Kurgäste und Sommerfrischler selber - in geordnete Bahnen zu lenken, ging der Ausseer Radfahrer-Club daran, die Pläne einer Corsobahn umzusetzen. Eine Art Vorläufer hatte es schon 1895 in der Schulbahn im Neuper-Prater gegeben. Tatsächlich zeigte sich nun die Curcommission, an die man sich gewandt hatte,  aufgeschlossen: Die Anlage einer Bahn wurde am 18. April 1898 im Kurpark (Praunfalkh-Park) zwischen Alt-Ausseer Straße und Traun bewilligt, die Kosten von 1.600 Gulden für die Errichtung wurde vom Club in erster Linie über Mitgliederdarlehen aufgebracht.

Die geplante festliche Eröffnung am 10. Juli 1898 fiel zwar ins Wasser, am darauffolgenden Wochenende war aber eine Abordnung der Ausseer Radfahrer-Clubs beim Radfahrer-Huldigungsfelst für Kaiser Franz Josef I. in Bad Ischl dabei. 

Laut "Alpen-Post" wurde die Anlage im Praunfalkh-Park dazumals "schon recht gut benützt". U.a. sollte ein in Bau befindlicher Musikpavillon dafür sorgen, dass Park und Bahn "zu einem beliebten Vereinigungspunkte der radfahrenden Sommergäste und des Fremdenpublicums überhaupt" wird. Auch wenn anlässlich der Eröffnung ein Clubfahren über drei Runden mit Ehrenpreisen angekündigt war, die 400-m-Bahn war eher nicht für sportliche Bewerbe und dem Training dafür gedacht. In der Bahnordnung ist jedenfalls festgehalten: "Das Fahren und Spurten im Rennbahntempo ist unbedingt verboten".     

Für die Benutzung der Bahn wurde eine "mäßige" Taxe - 1900 wurden 20 Kronen für die Tages- und 3 Gulden für die Saisonkarte - eingehoben, aus Teilen der so erzielten Einkünfte wollte der Club einen Fonds zur Errichtung und Erhaltung von Radfahrwegen gründen. Ein solcher Radfahrweg war von Aussee nach Alt-Aussee in Planung. Ebenfalls zu dieser Zeit wurde vom benachbarten Grundlseer Radfahrverein (gegr. 1897) entlang der Straße nach Grundlsee mit Hilfe von Mitteln der Gemeinde und des Oesterreichischen Touring-Club ein "Radfahr-Bankett" angelegt, nachdem es von radfahrenden Curgästen zu zahlreichen Beschwerden über die Rücksichtslosigkeit der Kutscher beim Begegnen und Ausweichen gekommen war.  

Wie aus den Protokollen hervorgeht, sollte das Areal im Praunfalkh-Park für zehn Jahre gepachtet werden. 1900 war sie in den Sommermonaten noch in Betrieb, fehlende weitere Nachrichten lassen aber den Schluss zu, dass das Interesse bald erlahmte und die Bahn mit Abebben des ersten großen Fahrradbooms bald aufgelassen wurde.  

Ausseer Radfahrer-Club, 1904
Ausseer Radfahrer-Club, 1904
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Wie aus den Aufzeichnungen im "Touren-Buch des Aussee Radfahrer-Club" zu entnehmen ist, stellte der Verein seine Aktivitäten 1906 weitgehend ein. 1923/24 gab es durch Alt-Obmann Josef Graf Bemühungen um eine Wiederbelebung. Mit Ausfahrten, an denen bis zu 100 Personen teilnahmen und einem größeren Zulauf an Mitgliedern, schien dieses Vorhaben zunächst auch zu gelingen; aus nicht näher bekannten Gründen schliefen die Aktivitäten aber bald wieder ein, was auch das endgülitige "Aus" des Ausseer Radfahrer-Clubs besiegelte. 

Schon weit früher lief der von Oberlehrer Rudolf Wernbacher gegründete Radfahr-Verein Grundlsee auf Grund: Obwohl man im Vorstand mit Rudolf Schraml vorstandsmäßig einen Capitain (Schifführer) und mit Moritz Graf Strachwitz einen Adeligen an Bord gehabt hatte, löste sich dieser schon 1904 "wegen Mangel an Beteiligung" selbst wieder auf.  
Ausseer Radfahrer in den 1920er Jahre
Ausseer Radfahrer in den 1920er Jahre
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Literatur und Quellen
Allgemeine Sport-Zeitung 25.9.1884, 850 (I. Oberst. Bicycle-Meeting); 18.9.1885, 871 (2. Oberst. Bicycle-Meeting)
Innsbrucker Nachrichten 13.6.1870, 6 (Velocipede-Mord)
Steirische Alpen-Post 1.11.1891, 525 (Inserat Radfahrunterreicht, erste Ausfahrt); 28.5.1898 (Inserat Graf); 9.7.1898, 244 (Alt-Ausseer Seeweg, Aviso Eröffnung Corsobahn); 16.7.1898, 252 (Eröffnung Corsobahn, Inserat Baar); 16.6.1899 (Radfahr-Schule Körner)
Mittheilungen des "Oesterreichischen Touring-Club" 4/1898, 8
Mitteilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverband 44/1.9.1892, 94 
Obersteirerblatt 38/1884, 5 (I. Obersteirisches Bicyclemeeting)
Tourenbuch von Steiermark für Radfahrer, hg. vom Steirischen Radfahrer-Gauverband, Ausg. 1889, 1894, 1899
Stmk. Landesarchiv, Vereinsakten Statth. 53-26 747/1891; 53-4256/1898 
Konvolut Akten "Ausseer Radfahrer-Club", Archiv Kammerhofmuseum Bad Aussee
(Touren-Buch, Protokolle, Mitgliederlisten, Statuten, Bahnordnung)

WOLFGANG WEHAP