Grazer Radfahrer Club
 
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Vélozipèdes und Tretwägen

Im März des Jahres 1869 gründete Friedrich Maurer, Importeur von Michaux-Vélocipèdes, den Wiener Velocipedisten Club. In Graz traten die ersten Tretradfahrer im Frühjahr auf, was auch gleich den Ruf nach einem Verbot laut werden ließ. So hieß es im Grazer Volksblatt vom 23.3.1869: "Es wäre wünschenswert, wenn den Velociped-Rittern ihre Fahrübungen auf den Gehwegen des Glacis ernstlichst untersagt, und ausnahmsweise, für die Verfolgung deise Verbote auch Sorge getragen würde." 


Vélocipèdist, aufgenommen vom Grazer Fotografen Samuel Volkmann
Vélocipèdist, aufgenommen vom Grazer Fotografen Samuel Volkmann
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Tatsächlich kommt es auch bald zum Einschreiten der Ordnungshüter, wovon zwei Berichte über vermutlich dieselbe Amstanshandlung Zeugnis geben:

"Das Fahren mit Velocipédes auf den Fußwegen am Glacis, in der Annen- und Ringstraße hat schon vielfach Klagen hervorgerufen, weil Passanten auf den Gehwegen überfahren wurden oder in Gefahr kamen, überfahren zu werden. Die städtische Civilwache hat nun die strengste Weisung zur Abstellung dieses Unfuges erhalten und hat gestern Nachmittags einen widerspenstigen Velocipedisten sammt seinem Instrumente zur Sicherheitsbehörde gestellt". (Tagespost 7.5.1869)

"Wegen des Befahrens der Gehwege des Glacis mit Velocipeden wurden schon wiederholt Klagen laut. Nun dürfte endlich dieser Unfug sein Ende erreichen. Die Civilwachen erhielten nämlich den Auftrag, jeden Velocipedisten, der sich anderswo als auf der Fahrstraße bewegt, anzuhalten und nach Umständen zu arretiren. Vorgestern Nachmittag wurde bereits ein Velocipedist samt seinem Instrumente auf das Rathaus escortiert." (Grazer Volksblatt 9.5.1869)


Hype in Wien, Spuren in Graz
Ziemlich zeitgleich mit diesen Berichten über das behördliche Einschreiten erschienen in der "Tagespost" erste Anzeigen der Wiener Vélocipèdes-Fabriks-Niederlage C. Lenz mit dem Offert diverser Systeme, "2rädrige für Knaben und Herren zum allgemeinen Gebrauch; 3rädrige für Damen und Kinder zum Gebrauche in Gärten, Parks und auf dem Lande."

Namentlich als Nutzer eines Velozipedes bekannt ist der der Dichter und Dramatiker Heinrich Schrottenbach (1848-1937), Mitbegründer des Grazer Bicycle-Club und des Steirischen Radfahrer-Gauverbands. Aus seiner Jugend berichtet er von einer Fahrt mit einem 160 kg (sic!) schweren, mit zwei gleich großen Eisenrädern ausgestatteten Veloziped, die er angeblich 1866 von Baden um die 7 km nach Tribuswinkel absolvierte.

Wie schnell der mit Michaux in Paris eingeleitete Vélocipèdes-Boom wieder vorbei war (und mit Ausgang in England von den hohen Zweirädern aus Stahl abgelöst wurden), gibt der Wiener Vorreiter Maurer selbst Zeugnis: Hatte er noch im April 1869 im Prater ein Vélocipèd-Gymnase eröffnet, wurden im November 1870 bereits 40 seiner Fahrzeuge zur Lizitation ausgeschrieben, weil er offenbar pleite war.


Inserat Lenz, 1869
Inserat Lenz, 1869
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Velócipèd, unbek. Herkunft
Velócipèd, unbek. Herkunft
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Velócipéd, Museum Leoben
Velócipéd, Museum Leoben
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Hauptmann Pistotniks Eisentretwägen mit "Berggang"
Aber auch in Graz tüftelte man an selbstfahrenden Räderfahrzeugen. So informiert im Juni 1869 die "Tagespost" (und in Übernahme die "Laibacher Zeitung") über einen "Gesellschafts-Tretwagen (Velocipede)", den ein Hauptmann Pistotnik konstruiert und vom Schlossermeister Stübinger in der Schießstattgasse 340/1 ausgeführt worden sei. Bemerkenswert dabei ist, dass auf dem "elegant aussehenden" und aus Eisen gebauten Wagen drei Personen fahren konnten: Die Formulierungen "auch Damen können in voller Beobachtung von Anstandsrücksichten an der Fahrt teilnehmen" und "das eigene Gewicht der Personen kann zur Fortbewegung des Wagens ganz nach Belieben verwerthet werden, so dass man auf minder guten und ziemlich ansteigenden Strassen noch recht gut und schnell fahren kann" legen nahe, dass alle Passagiere treten konnten, aber nicht (alle) mussten. Ganz offensichtlich handelte es sich um ein vierrädriges Gefährt, das - gemäß der Diktion dieser Zeit - auch als Externe Verknüpfung "Vélocipède" bezeichnet wurde.

Erste Testfahrten am 13. und 14. Juni von des Schlossers Werkstätte nach St. Leonhard und - in 20 Minuten - nach Puntigam bestätigten laut Zeitung den"praktischen Werth dieses Systems". Damit wäre das 110 Gulden teure Gefährt, so die Fahrt bis zur Brauerei ging, rein rechnerisch immerhin ca. 15 km/h schnell gewesen. Hingewiesen wird darauf, dass Pistotnik schon verschiedene Gesellschafts-Tretwägen konstruiert habe, "bei deren Fortbewegung die Muskelkraft nicht besonders angestrengt wird." Der Autor gibt an, Zeichnungen gesehen zu haben, "von verschiedenen durch Federkraft getriebenen Wagen, dann von solchen Selbstfahrern, bei welchen der Gang des Pferdes nachgeahmt ist, von Krankenvelocipedes, die insbesondere für Bäder geeignet sind, ferners von Tretwägen, bei denen Personen durch eine dritte geführt werden können, und schließlich die Zeichnung eines schnellfahrenden`Kriegs-Transports-Wagens´für je zehn Mann, der mit einer Kugelspritze versehen ist."

Etwas mehr Aufschluss über die Konstruktion vor allem des Antriebs gibt die Beschreibung Joseph Winters im Stmk. Industrie- und Handelsblatt vom Juni 1868. "Die den Wagen treibende Person setzt mit den Füßen durch Trittelmechanismus ein aus Hebeln und Kurbeln zusammengesetztes Triebwerk in Bewegung, welches auf die Umdrehung der Wagenräder einwirkt; oder es wird vom Trittel aus eine Art Stelzenmechanismus mit in den Boden eingreifenden Setzklauen betrieben, der den Gang des Pferdes nachahmt." Nachvollziehbarerweise eignet sich ersteres Prinzip auf ebener und sanft ansteigender Straße, letzteres bei stärkeren Steigungen, es könnten aber auch beide Systeme kombiniert werden, was dem Tretwagen sozusagen einen "Berggang" verlieh. 
   
Einen Monat nach dem ersten Testbericht, im Juli 1869, wird im "Grazer Volksblatt" wieder eine Ausfahrt mit Fahrzeugen Pistotnik´scher Konstruktion informiert:

"Eine Velocipede-Parthie unternahmen fünf Herren letzten Sonntag nach Peggau. Es wurden hiezu zwei Velocipede nach der Construction des Herrn Hauptmanns Pistotnik gewählt, das eine für drei, das andere, Herrn Hauptmann N. gehörig, für zwei Personen. Der Weg wurde nach Abrechnung einer halben Ruhestunde hinauf in drei, retour in zwei Stunden zurückgelegt. Kommenden Sonntag ist eine ähnliche Exkursion nach Wildon projectirt, wohin man in zwei Stunden zu gelangen hofft und wo sich auch die Mitglieder des naturwissenschaftlichen Vereins einfinden werden." 

Externe Verknüpfung Edmund Pistotnik (gest. 1891) ist in der Erfinderszene kein Unbekannter: Auf ihn gehen eine Fülle von militärischen und zivilen technischen Neuerungen zurück, seine Apologeten stellten sogar die kühne Behauptung auf, hätte die österreichischen Militärcamerilla auf ihn gehört und sein verbessertes Zündnadelgewehr übernommen, wäre die Schlappe von Königsgrätz 1866 gegen die preußische Armee ausgeblieben. In Schlossermeister Johann Stübinger, der seinen Betrieb in Pistotniks Nachbarschaft in der Schießstattgasse hatte und sich vornehmlich mit dem Bau landwirtschaftlicher Maschinen befasste, hatte der Erfinder offenbar einen kongenialen Parnter und Umsetzer seiner Ideen gefunden.  

Wenn bei den Schilderungen auch technisch viele Fragen offen bleiben und besagte Zeichnungen oder gar Objekte ja leider nicht mehr vorhanden sind, so scheint Pistotniks entwicklungsgeschichtlich eher in jener Erfinderlinie angesiedelt, die insbesondere im England der 1860er-Jahre (und auch schon vorher) auf selbstfahrende, drei- oder vierrädrige Fahrmaschinene mit verschiedenen mechanischen Antrieben setzte und eher interessante Prototypen, nicht aber das letztlich epochebildende Konzept des zweirädrigen Vélozipèdes, in England damals auch schon Bicycle genannt, verfolgte. Dass diese Linie aber nicht wirklich eine Sackgasse war, zeigen Dreiräder, Sociables und andere muskelkraftbetriebene Räderwagen, die daneben weiterhin ihre Nische hatten und bis in die Gegenwart haben. 
Velocipedes - vergleichbar mit jenen Pistotniks?
Velocipedes - vergleichbar mit jenen Pistotniks?
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Langenwanger Konstruktion - Teufenbacher Wette
Zeitlich zwischen Pistotnik und Trexler, von dem erste selbstfahrende Fahrmaschinen aus Graz bekannt sind, ist der Langenwanger Schlossermeister Pontasegger angesiedelt. Einziger Beleg seiner Konstruktion ist ein Foto vermutlich eines Modells, das, versehen mit einem Bildtext, in der Fachzeitschrift "Der Radfahrer" 1935 veröffentlicht wurde: Wie von einem Dr. Krischke, Wien, dazu behauptet wird, wurde das "Fahrrad" von besagtem Schlossermeister im Jahre 1860 wie abgebildet ausgeführt. Zu erkennen ist, dass es sich um ein Zweirad mit ungleich großen Rädern sowie zwei kleinen seitlichen Stützrädern handelt. Der Fahrer sitzt zwischen den Haupträdern und bedient mit den Füßen ein auf das größere Vorderrad wirkendes Antriebsgestänge. Gelenkt haben dürfte man über das kleinere hintere Rad.

Ein knappes Jahrzehnt später, im August 1869, wird aus dem Bezirk Murau von einem ersten "Downhill-Mountainbiker" berichtet: Einer Wette wegen fuhr ein Herr aus Neumarkt mit einem vierrädrigen Vélozipèd ("mit einem zwei- oder dreirädrigen Vélocipède wäre ein solche Fahrt ganz unmöglich") über eine steile Bergstraße von der Rudolfsbahn-Station Schauerfeld über den Lambach nach Teufenbach, und zwar "ohne die Räder zu bremsen, ohne eines zu berühren, ohne abzusteigen, noch weniger aber einen Augenblick stehen zu bleiben". Der Teufelskerl gewann die Wette "und gelangte, ganz ruhig in die grausige Tiefe fahrend, in 15 Minuten nach Teufenbach."    
Pontasseggers "Fahrrad"
Pontasseggers "Fahrrad"
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Literatur
J. BRUTON (Ed.), The Velocipede; Its History And How to Use It, London 1869 (Reprint 1994)
Heinrich SCHROTTENBACH, Rückblicke eines alten Radlers, in: 40 Jahre Steirischer Radfahrer-Gauverband, Bl. Neues Grazer Tagblatt, 27.6.1926, 18
Hippolyt de WESEZ, Erste deutsche Vélocipède Broschüre, Wien 1869 (Reprint 1995)
Joseph WINTER, Erfindungen von Edmund Pistotnik, Serie in Steiermärkisches Industrie- und Handelsblatt, Organ des steiermärkischen Gewerbe-Vereins, XIII. Jg. (1868), Nr. 12-18, 27-33, insbes. Nr. 16.
Constantin von WURZBACH, Biografisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, Bd. 22, 357 (Pistotnik)
Der Radfahrer, 31.7.1935, Wien, Mitteilung Dr. Krischke
(Grazer) Tagespost 15.5.1869 (Inserat Lenz); 6.5.1869 (Arretierter Velocipedist), 20.6.1869 (Industrielles)
Grazer Volksblatt 23.3.1869, 4 (Fahrverbot-Forderung); 9.5.1869, 3 (Arretierter Velocipedist); 29.7.1869, 4 (Ausfahrt)
 
Laibacher Zeitung, 22.6.1869, 1045 (s. Tp 20.6.1869)
Wiener Zeitung 7.8.1869, 14 ("Eine kühne Wette"); 27.11.1870, 16 (Lizitation Maurer)