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Wo Mann und Frau am Fahrrad schrauben
"Salzburger Nachrichten" vom 21.03.2014, Seite 16

Sattelfest. Bis zu 700 Fahrräder werden bei KTM in Mattighofen täglich montiert. Nicht nur Asien spielt dabei eine große Rolle, sondern auch eine reibungslose Paar-Arbeit.

Birgitta schörghofer Mattighofen (SN). Marina und Nenad Jevtic gehen gemeinsam durchs Leben, und das nicht nur als Ehepaar. Die beiden teilen sich auch den Arbeitsplatz. Box 6 in der Montagestraße beim Radhersteller KTM in Mattighofen ist ihr Reich. Marina schraubt und fixiert vorn, Nenad zieht hinten Kabel ein oder montiert Bremsen. Wer schneller arbeitet? „Ach, das kommt aufs Modell drauf an", antwortet Marina und lässt den Akkubohrer in ihrer Hand summen.

150 Modelle hat KTM im Programm. In den unterschiedlichen Ausführungen sind es 260 Radvarianten. Am Ende eines Arbeitstages verlassen 650 bis 700 funkelnagelneue KTM-Fahrräder die Montage. Jede Box schafft bis zu 30 normale Räder am Tag, etwa die Hälfte, wenn auch Scheibenbremsen eingebaut werden. Paar-Arbeit leisten dabei nicht nur Marina und Nenad. „Das Modell Mann-Frau hat sich in der Montage bewährt", sagt Marketingchef Josef Haider. „Frauen sind in manchen Dingen einfach feinfühliger, Männer haben die Kraft."

Eine Frau war es, die KTM als Fahrradmarke wieder auf die Erfolgsspur brachte. Die aus Taiwan stammende Carol Urkauf-Chen ist seit 1997 alleinige Besitzerin der KTM Fahrrad GmbH. Sie kam nach Österreich durch ihre Handelsfirma und ihren späteren Ehemann und Fahrradgroßhändler Hermann Urkauf. Dieser hatte nach dem Konkurs der KTM Fahrzeug AG Anfang der 1990er-Jahre die Fahrradsparte des Konzerns gekauft. Im Vorjahr stieg der Umsatz von KTM Fahrrad erstmals auf über 120 Mill. Euro. 240 der 300 Beschäftigten arbeiten in der Montage.

Der wichtigste Teilehersteller und -lieferant für die Branche ist Asien. Die Fahrradrahmen kommen aus China, die Feinmechanik aus Taiwan, die Schaltungen zumeist vom Marktführer Shimano aus Japan. Auch die deutsche Reifenhandelsmarke Schwalbe produziert in Indonesien. Ohne Komponenten aus Fernost würden nicht nur in Mattighofen, sondern auch in den USA, in Frankreich und Italien keine Räder mehr entwickelt und endmontiert werden.

Verkauft werden in Österreich jedes Jahr rund 400.000 Fahrräder. Der überwiegende Teil der 185.000 Stück, die bei KTM montiert werden, geht nach Deutschland, rund 60.000 werden im eigenen Land verkauft, in Summe ist KTM in 50 Ländern präsent.

Am Image wird laufend poliert. „Wir sind in Österreich eine sehr kultige, aber sicher keine hippe Marke", sagt Josef Haider etwas wehmütig. Im Mountainbike-Segment seien die US-amerikanischen Marktführer wie Specialized oder Cannondale eine Macht für sich. Von zwei auf ein Modell hat KTM die Downhill-Sparte reduziert. „In dieser Szene bauen sich viele ihre Räder einfach selbst zusammen."

Umso besser haben sich die Zahlen bei den Elektro-Bikes entwickelt. 2010 brachte KTM gerade einmal 7000 Stück auf den Markt, heuer werden es 35.000 sein. Immer leichter seien die E-Bikes geworden und immer vielseitiger in ihrer Anwendung. „Vom Trend eines Seniorenrads spricht man nicht mehr", betont Haider. Preisgekröntes Vorzeigestück bei KTM ist derzeit der E-Shopper, ein Lastenrad mit Elektroantrieb, mit dem bis zu 150 Kilogramm transportiert werden können. Zwar werde die Wachstumskurve flacher, weil immer mehr Hersteller auf den Markt drängten und E-Bikes auch beim Diskonter schon zu haben seien. In der Entwicklung aber sei noch viel möglich. Im Mai bringt KTM sein erstes vollgedämpftes E-Mountainbike auf den Markt. Knapp 4000 Euro wird das Hightech-Gerät kosten.

Am Anfang der Montagestraße sind noch keine großen Unterschiede zu erkennen. An großen Haken hängend, werden die blanken Rohlinge der Fahrradrahmen in die Lackiererei transportiert. Orange, die klassische Firmenfarbe, aber spielt nicht mehr die Hauptrolle. „Orange ist eine schwierige Farbe", erklärt Haider. Je weiter in Richtung Norddeutschland, umso begehrter seien bei den Konsumenten dunkle Farben. „Ganz oben haben sie am liebsten Schwarz."

Ohne Logo und Aufkleber aber geht nichts. In Handarbeit klebt eine Truppe von Frauen die Folien auf die Rahmen. Die Top-Räder ab einem Verkaufswert von 2000 Euro landen schließlich zur Montage in der A-Box. Die ist keine Koje mehr, sondern eine eigene Werkstatt. Nur die Besten und die Firmentreuesten unter den Monteuren würden hier arbeiten, erklärt Haider. Das derzeit höchste der Gefühle bei KTM ist ein knapp 7000 Euro teures Carbon-Rennrad, „etwas für Spezialisten". Der Großteil der Kunden greife nach wie vor zum praktischen City- und Trekkingbike.

In Summe auf rund sechs Millionen Fahrräder wird der aktuelle Bestand in den österreichischen Haushalten geschätzt. Mit einem so hohen Wachstum wie in den vergangenen Jahren rechnet die Branche zwar nicht mehr, leichte Zuwächse aber werden weiter erwartet. „Der Gipfel ist noch nicht erreicht", sagt der Sprecher der ARGE Fahrrad, Fred Schierenbeck. Die Umsätze würden mit der aktuellen Entwicklung hin zu höheren Durchschnittspreisen und hochwertigeren Fahrrädern weiter wachsen. Durchaus zulegen können die Österreicher auch noch beim Kilometerstrampeln. Pro Kopf und Jahr legt man hierzulande rund 300 Kilometer mit dem Rad zurück, die Niederländer schaffen im Schnitt 900 Kilometer, die Dänen mehr als 1000. „Aber natürlich", sagt Schierenbeck, „Berge haben die keine."

Birgitta Schörghofer



Mechaniker in den Werkstätten fehlen

Die Fahrradbranche boomt. Rund 1000 Händler sind in Österreich im Fahrradsegment tätig, schätzt die ARGE Fahrrad. Kritik wurde zuletzt laut, was Servicequalität und Preise in den Händler-Werkstätten betrifft. Bei einem jüngsten Test des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) in Wien haben elf von 14 geprüften Werkstätten sicherheitsrelevante Mängel übersehen. Vergangenen Herbst schnitt beim Fahrrad-Check in Tirol die Hälfte von zehn getesteten Werkstätten weniger zufriedenstellend ab. Die Servicepreise variierten in den Wiener Werkstätten zwischen 39 und 80 Euro. Einheitliche Preise für den oft angebotenen „großen" oder „kleinen Service" gibt es nicht. Preisabsprachen habe die Wettbewerbsbehörde untersagt, erklärt Sporthandelsbranchenobmann Ernst Aichinger. Er gibt aber zu: „Für Kunden ist das natürlich undurchsichtig." Unterm Strich arbeite man aber unter dem Preis von Mechanikerstunden in Kfz-Werkstätten.

Den Beruf des Fahrradmechanikers gibt es in Österreich jedoch seit den 1970er-Jahren nicht mehr. Dabei sind Vielfalt und technische Raffinessen im Fahrradangebot enorm gestiegen. Die ARGE Fahrrad und der Verband der Sportartikelausrüster und -hersteller in Österreich (VSSÖ) arbeiten nun daran, gemeinsam mit Wifi und Wirtschaftskammer ein Schulungsprogramm für Fahrradmonteure auszuarbeiten. „Ziel wäre natürlich wieder ein Lehrberuf Radmechaniker", betont ARGE-Fahrrad-Sprecher Fred Schierenbeck. In Deutschland und der Schweiz gibt es ihn bereits wieder.