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Ernüchternd: Weniger Wege in Graz mit Rad, mehr mit Auto

Ernüchterndes Ergebnis der Grazer Mobilitätserhebung 2013: Es wird wieder mehr Auto und weniger Fahrrad gefahren.

Modal Split - Wegeanteile nach Verkehrsmitteln
Modal Split - Wegeanteile nach Verkehrsmitteln
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Auf den Boden der Realität zurückgeholt wurden jene, die von einem kontinuierlich steigenden Radverkehrsanteil ausgegangen sind und schon mit einem Anteil (der von GrazerInnen in Graz mit dem Fahrrad zurückgelegten Wege) von an die 20 Prozent geträumt haben: Mit 14,5 Prozent wurde der Wert von 2008 (16,1 %) deutlich verpasst, statt des erwarteten Zuwachses ist man 15 Jahre zurückgeworfen und liegt wieder im Bereich des Ergebnisses von 1998 (14,2 Prozent).

Auf der anderen Seite ist der Motorisierte Individualverkehr (MIV) auf 46,8 % gestiegen (2008: 45,2 %) und liegt sogar wieder über dem Wert von 1998 (46,2 %). Die Nutzung der Öffentlichen Verkehrsmittel ist bei 19,8 (2008: 19,9 %, 1998: 18,2 %) ziemlich gleich geblieben, detto - etwas überraschend - der Fußgängeranteil, der bei 18,9 Prozent (2008: 18,8 %, 1998: 21,3 %) liegt.  

Bei dieser Untersuchung nach der Methode KONTIV (repräsentative Erhebung 3.276 Tageswegeprotokolle, postalisch, Rücklauf 53 %) ist zu beachten, dass nur die Mobilität von GrazerInnen (Personen mit Hauptwohnsitz in Graz), also keine EinpendlerInnen berücksichtigt wurden und auch der Werk- und Wirtschaftsverkehr nur zum Teil erfasst wird. Würde man diese autolastigen Teile einbeziehen, fiele das Verhältnis noch weit schlechter aus. Jedenfalls ist man von der Erreichung der Mobilitätsziele, die sich die Stadt selbst gesteckt hat (40 % MIV), meilenweit entfernt. 

"Das Ergebnis ist nicht erfreulich. Die Trendwende ist trotz vieler Maßnahmen nicht gelungen", kommentierte der Leiter der Verkehrsplanung, Martin Kroißenbrunner, das Ergebnis. 

Längere Wege, weniger Nachwuchs
Verkehrsstadtrat Mario Eustaccio (FPÖ) vermutete in der "Kleinen Zeitung", dass das Wachsen der Stadt in den Außenbezirken und die damit verbundenen längeren Wegelängen ausschlaggebend für diese Entwicklung sind. Tatsächlich ist die durchschnittliche Autowegelänge auf 10,6 km gestiegen (nach 10,1, 9,8 und 8,9 km in den vergangenen Fünfjahres-Schritten), während die Wegelängen von FußgängerInnen und RadfahrerInnen stabil geblieben sind.

Hier tut offensichtlich sich ein Raumordnungsproblem auf - die mit der Zersiedelung im Umland verbundenen Probleme offenbar die Stadt erreicht. Dünne Versorgungsinfrastruktur, niedere Bebauungsdichte und viel und günstiger Parkraum fördern die Automobilität. Dazu kommen immer mehr AuspendlerInnen im Gefolge der Verlagerung von Firmenstandorten wie z.B. im Fall der Raiffeisenlandesbank vom Zentrum nach Raaba.

Nicht unbedingt in Widerspruch zu den Ergebnissen stehen "gefühlte" Entwicklungen und auch Befunde, die auf ein Anwachsen des Radverkehrs in der Innenstadt hindeuten. Nur dürfte das Mehr in den ersten sechs Bezirken halt durch ein Minus in der Peripherie überholt worden sein.

Ziemlich trist sieht es beim Nachwuchs aus: Von den Sechs- bis Zehnjährigen sind 37 Prozent im "Elterntaxi" unterwegs, nur ein Prozent mit dem Rad (begleitet oder mitfahrend). Bei den Elf- bis Fünfzehnjährigen ist der Radanteil mit gerade drei Prozent ebenfalls marginal. Die Gefahr, dass der Nachwuchs aus einer Mischung an Elternbesorgtheit und früh anerzogener Bequemlichkeit als Radlerinnenpotenzial erodiert, ist nicht neu; schon 2010 hat die damalige Verkehrslandesrätin Kristina Edlinger-Ploder ein Förderprogramm ("Junges Rad") aufgesetzt, um dem entgegenzuwirken.      

Entfernung - durchschnittlich pro Weg
Entfernung - durchschnittlich pro Weg
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Verkehrsmittelwahl nach Alter
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Politischer Schlagabtausch
Eustacchios Vorgängerin im Verkehrsressort, Stadträtin Lisa Rücker (Grüne), äzte: „Dank ÖVP und FPÖ sind wir jetzt soweit, dass die Autofahrten in Graz entgegen allen internationalen Trends wieder ansteigen und Radfahrten und Fußwege weniger werden. Und das in einer Stadt, in der die Menschen zum Umstieg mehr als bereit sind."

Grund für diesen "besorgniserregenden Trend" sei, dass ÖVP und FPÖ nunmehr seit vielen Jahren den Anstieg des Autoverkehrs schulterzuckend zur Kenntnis nehmen und jede wichtige Ausbau­maßnahme des Rad- und Fußverkehrs im Keim ersticken. Was den Radverkehr anbetrifft, warf Rücker FPÖ und ÖVP vor"die Radwegverbindung am Joanneumring ebenso verhindert zu haben wie die Entschärfung der Situation in der Jahngasse oder die Radweg­verbreiterung am Marburgerkai.  „Wir haben keine einzige Fahrradstraße in Graz und es gibt auch keinerlei Initiativen für den Ausbau und die Beschleunigung wichtiger Radrouten." Auch bei Verkehrsberuhigungsprojekten wie in Rudersdorf oder der Umsetzung von Wohnstraßen seien ÖVP und FPÖ permanent auf die Bremse gestiegen. „Wir Grüne waren auf dem richtigen Weg, dort hätte man weiterarbeiten müssen."

Eustacchio konterte, dass das in der im Herbst 2013 abgebildete Mobilitätsverhalten wohl auch Ergebnis der Zeit 2008-12 sei, in denen die Grünen die Verkehrsagenden verantworteten. Die "Stadt der kurzen Wege" sei in einer wachsenden Kommune nicht leicht umzusetzen, das Ergebnis sei aber Auftrag, am Modell der "Sanften Mobilität" weiterzuarbeiten.

(ARGUS)