Grazer Radfahrer Club
 
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"Genialer Mechaniker" - Johann Puch starb vor 100 Jahren
(2014)

Am 19. Juli 1914, zwischen dem Attentat von Sarajevo und der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, starb der steirische Fahrzeugpionier Johann Puch in Zagreb. Museen in Slowenien und in Graz laden zu Gedenkveranstaltungen ein. 


Johann Puch
Johann Puch
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Sondermarke 2012
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Grazer Tor, Gerschacks Schlosserei
Grazer Tor, Gerschacks Schlosserei
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Externe Verknüpfung Johann Puch, am 27. Juni 1862 als Janez Puh in Sakušak (heute Gemeinde Juršinci) bei Ptuj (Pettau) im heutigen Slowenien geboren. Er war weder Erfinder noch Manager, sondern ein "genialer Mechaniker", wie der steirische Industriehistoriker Gerhard Pferschy schrieb: "Was seine Tätigkeit als Konstrukteur auszeichnete, ist eher blitzartiges Erfassen neuer Möglichkeiten der Anwendung gewesen, gepaart mit Sinn für das Praktische und Zweckmäßige und als Wesentlichstes ein ungemein feines Gefühl für den Werkstoff Stahl (...)."

Im Alter von 12 Jahren zog Puch in den nächsten Ort und lernte bei Johann Kraner das Schlosserhandwerk. Die anschließenden Wanderjahre führten ihn 1878 nach Radkersburg zu Schlossermeister Anton Gerschack und 1882 nach Graz, wo er seinen dreijährigen Militärdienst antrat. Er kam zur Artillerie und als Schlosser ins Zeugdepot. Hier hat er wohl auch zum ersten Mal Bekanntschaft mit Hochrädern und deren Wartungs- und Reparaturerfordernissen gemacht.

Damals entstanden in der steirischen Hauptstadt die ersten Bicycle-Werkstätten, meist als Abteilungen von Nähmaschinenniederlassungen. Der Bedarf war jedenfalls gegeben: Die Mitglieder des Grazer Bicycle-Club (gegr. 1882) hatten zu Beginn ihre Bicycles noch über Wiener Händler bezogen und diese bei gröberen Pannen nach England zur Reparatur schicken müssen.

Nach dem Militärdienst arbeitete Puch in der Schlosserwerkstätte der Brüder Friedrich und Daniel Lapp in der Mariengasse, wurde bald Vorarbeiter bei Mathias Allmer in Rothleiten bzw. in dessen Fahrradschlosserei, die sein Kompagnon Franz Benesch in der Wienerstraße 31 führte. 1887 wurde Puch Werkführer in der Fahrradabteilung des Nähmmaschinenhändlers Luchscheider im Reinerhof in der Sackstraße und wechselte in gleicher Funktion im Herbst 1888 in die neu erbaute Fahrradfabrik des Benedict Albl, Lendplatz 14.



Übersicht Liegenschaft Strauchergasse 18/ 18a
Übersicht Liegenschaft Strauchergasse 18/ 18a
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Detailplan Glashaus, 1880
Detailplan Glashaus, 1880
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Kartenausschnitt Lend, Volksgarten
Kartenausschnitt Lend, Volksgarten
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Erste Fabrikation im Glashaus
Frühes Inserat, 1889
Frühes Inserat, 1889
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1889 reiste Puch über Aufforderung seines Freundes und Gönners Victor Kalmann zur Fahrradausstellung nach Leipzig, offenbar schon mit der Absicht, die Gründung seiner eigenen Firma vorzubereiten. Er übernahm die Vertretung der englischen Humber-Werke und der deutschen Firma Winkelhofer & Jännicke.

Seine erste Werkstatt richtete er in einem ehem. Glashaus mit Gärtnerwohnung hinter dem Haus Strauchergasse 18 (heute 12) auf dem Areal des heutigen Volksgartens ein. Die Liegenschaft gehörte seinen künftigen Schwiegereltern Karl und Maria Reinitzhuber. Trotz einiger Probleme mit den Behörden nach einer anonymen Anzeige, die seinem früheren Arbeitgeber Albl zugeschrieben wird, begann er 1889 mit der Reparatur und vermutlich auch schon mit der Produktion von Fahrrädern. Die erste bekannte Rechnung mit Stempel und Unterschrift datiert vom 2.7.1889. Umstritten ist, dass es bei einem aus dieser Zeit stammenden Kreuzrover, der sich in Graz in Privatbesitz befindet, um das von Puch erste gefertigte Fahrrad handelt.  

Noch im selben Jahr, am 18. September, heiratete "Johann Puh" (so die Schreibung im Trauungsbuch) die 20-jährige Maria Reinitzhuber (1867-1931) in der Domkirche. Als einer seiner Trauzeugen fungierte Doktorand der Medizin Victor Kalmann. Es war eine Doppelhochzeit: Sein Marburger Freund und nachmaliger Fahrradfabrikant Franz Neger ehelichte die Pflegetochter der Reinitzhubers und wurde so quasi Schwager von Puch. 



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... mit Rennerfolgen
... mit Rennerfolgen
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Rennerfolge brachten Durchbruch
Johann Puch scheint zunächst ein Naheverhältnis zum Akademisch-technischen Radfahr-Verein (AtRV) gehabt zu haben, worauf mit der Freundschaft mit Vereinsfunktionär Victor Kalmann zu tun gehabt haben dürfte. Er soll für den AtRV auch als Vereinsmechaniker tätig gewesen sein, schreibt Pferschy.

1889 trat Puch dem Grazer Radfahrer-Club (GRC) bei, wurde 1891 für fahrtüchtig erklärt und fungierte als Zeugwart (1890/91). 1890 legte er laut Vereinschronik 600 km zurück, 1892 wurde er im Clubrennen hinter Franz Fuchs und Karl Weranitsch Dritter, was ihm einen Revolver als Preis einbrachte. Er war auch dem Velociped-Club „Germania“ München und dem Marburger RC, wo Franz Neger Funktionär war, als Mitglied verbunden. 

Sein um vier Jahre älterer Bruder Martin arbeitete ebenfalls im Betrieb und galt als Spezialist für die Reparatur von Pneumatics. Er war auch Radrennfahrer und übernahm die Vertriebsniederlassung in Budapest.

Mit der Übersiedelung in die Karlauer Straße 26 im Jahre 1891 erfolgte die Umgründung in die offene Handelsgesellschaft "Joh. Puch & Comp." mit Victor Kalmann als zweiten Gesellschafter und schließlich 1894 in die Kommanditgesellschaft „Styria-Fahrradwerke Joh. Puch & Cie.“ (mit Victor Rumpf als weiteren Gesellschafter und der Steiermärkischen Escompte Bank als Kommanditistin). Der Geschäftsgang erfuhr durch Rennerfolge weitere Impulse: 1893 und 1894 gelang es Externe Verknüpfung Franz Gerger, mit dem dritten Platz bei Wien – Berlin und dem ersten beim Rennen Paris – Bordeaux auch international aufzuzeigen und "Styria"-Fahrräder werbetechnisch zu platzieren. 1895 beschäftigte Puch 330 Arbeiter, die 6.000 bis 6.500 Fahrräder erzeugten.

Neben der unternehmerischen Tätigkeit widmete sich Puch der Tierzucht: Er unterhielt einen eigenen Traberstall, war Obmann des Alpenländischen Vereins für Hundezucht und Präsident des Grazer Trabrennvereins.

Doch nicht alles lief wie geschmiert. In der Arbeiterschaft gärte es, Aufrührer wurden entlassen und am Fahrradmarkt kriserlte es infolge von Überproduktionen. Dennoch galt Puch eher als Mittler denn als Scharfmacher, wie "Der Arbeiterwille" später in einem Nachruf schreiben sollte: "Dem ehemaligen Schlossergesellen widerstrebte es, die Methoden jener Unternehmer anzuwenden, die stets den `Herren im Hause´ hervorkehren. Die Aussprache mit Vertrauenmännern galt ihm mehr als die Einflüsterungen Unverantwortlicher, und so ist es begreiflich, dass unter seinem Regime kein Ausstand der Arbeiter vorkam."

Puch setzte weiter auf Expansion und erwarb 1896 die Köstenbaummühle in unmittelbarer Nähe zum alten Standort Karlauerstraße, baute sie um und nahm sie 1897 in Betrieb. Für diesen Expansionsschritt holte er sich die Bielefelder Maschinenfabrik, vorm. Dürkopp, die schon in Wien einen Zweigbetrieb unterhielt, an Bord; Kalmann und die Escompte Bank schieden aus. Nach Unstimmigkeiten ließ sich Puch abfertigen, wobei er eine zweijährige Konkurrenzklausel unterzeichnen musste.

Diese Karenzzeit umging der umtriebige Puch, indem er mit seinen früheren Mitarbeitern Anton Werner und Martin Nöthig in der Laubgasse 8 als Fahrradwerke Anton Werner & Comp. ab Ende 1897 weitermachte. Produziert wurde unter der Marke „Original Styria“-Fahrräder, was prompt rechtliche Streitigkeiten mit den Styria-Fahrradwerken zufolge hatte.

1899 griff Puch wieder direkt ins Geschehen ein und baute etwa einen Kilometer weiter südlich in der Gottliebgasse 17 bzw. Fuhrhofgasse 44 (heute: Puchstraße) seinen neuen Betrieb, der unter „Johann Puch – Erste steiermärkische Fahrrad-Fabrik-Actiengesellschaft in Graz“ firmierte. 1900 baute und teste Puch sein erstes Automobil, ein Ereignis, dass sich auch bildlich auf dem Cover des Liederblattes zum "Johann-Puch-Marsch" wiederfindet. Auch engagierte sich Puch für den in diesem Jahr gegründeten Steiermärkischen Automobil-Club. Doch die eigene Autoproduktion startete mit einer Panne: Wegen zu hoher Verluste wurde die Erzeugung 1902 zugunsten des Motorrades aufgegeben und erst 1906 mit neuen Modellen und dann tatsächlich erfolgreich wieder aufgegriffen.

Katalog 1901, Titel
Katalog 1901, Titel

Vollscheibenrad
Vollscheibenrad
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Briefkopf, 1909
Briefkopf, 1909
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Altmeister Puch
Altmeister Puch
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Erfolg posthum - seit 1987 ohne Zweirad
Im Match der Konkurrenten Styria – Puch hatte sich schließlich Puch durchgesetzt: Er erzeugte 1903 zuerst ein Motorrad und war seinem ehem. Kompagnon und nachmaligen Konkurrenten Victor Rumpf hier ebenso voraus wie mit der Fertigung des ersten Autos. Die Styria-Fahrradwerke, 1908/09 durch einen fünfmonatigen Streik schwer ramponiert, wurden im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1927 von der Steyr AG übernommen und 1932 in der Weltwirtschaftskrise stillgelegt. Die nach Steyr verlegte Fahrradproduktion wurde im Zuge der Fusion von Steyr mit Puch 1935 zur Gänze nach Graz transferiert.


Emil Meniga
Emil Meniga
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Eintrag Sterberegister
Eintrag Sterberegister
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Grab am Grazer Zentralfriedhof
Grab am Grazer Zentralfriedhof
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1914 starb Johann Puch an einem Schlaganfall in einem Hotel in Zagreb, wo er sich anlässlich von Pferderennen aufhielt. Er starb in den Armen des kroatischen Rennfahrers Emil Meniga (1880-1959), den freundschaftliche Beziehungen mit dem Rennplatz Graz und Puch verbanden.

Ein chronisches Herzleiden soll sich der Altmeister schon beim 
Distanzrennen Wien–Triest 1891 mit einer Verkühlung und einer offenbar nicht ausgeheilten Lungenentzündung eingehandelt haben, die er sich als Schrittmacher für die eigene Rennmannschaft zugezogen hatte. 1912 hatte er sich wohl aus gesundheitlichen Gründen weitgehend beruflich zurückgezogen.

Die Entwicklung des Puchwerks gestaltete sich in den Jahren nach dem Tod des Gründers weiter erfolgreich. Mit der Auflassung der Zweiradproduktion 1987 konzentrierte man sich auf dias Vierrad, speziell die Fertigung von Gebtriebe und Antriebsstrang sowie das Assembling für diverse Autohersteller. Nach der Übernahme durch den austro-kanadischen Magna-Konzern verschwand der Name Puch 2002 aus der Firmenbezeichnung (Magna-Steyr). 

Nach Puch sind in Graz, Feldkirchen, Wien und Ptuj Gassen, Plätze Brücken und Stege benannt. In Graz und Judenburg gibt es Johann-Puch-Museen, in Externe Verknüpfung Puchs Geburtshaus in Sakušak eine Gedenkstätte mit Museum. Neben dem Technischen Museum in Wien halten auch viele Privatsammler - allen voran Egon Lampl mit seinem Fahrradmuseum "Neumühle" in Werndorf - das Andenken an Johann Puch über die Pflege und Präsentation seiner Erzeugnisse hoch.

Mit der Unabhängigkeit ist auch das Interesse an Puch in Slowenien gewachsen. Hatte man ihn in Jugoslawien noch als assimilierten Slowenen behandelt, wurde er nun als wichtige Figur für die Konstruktion der modernen nationalen slowenischen Identität entdeckt und gewürdigt. 1999 waren Puch in Ptuj und in seinem Geburtsort in Sakušak umfangreiche Ausstellungen gewidmet, ergänzt von Katalog und Beitragsband. Auch zum 100. Todestag fanden in Slowenien und Kroatien, organisiert vom Externe Verknüpfung Puchmuseum Sakušak, sowie im Externe Verknüpfung Puchmuseum Graz Gedenkveranstaltungen statt.     

Literatur und Quellen
Friedrich EHN, Das große Puch-Buch, Die Zweiräder 1890–1987, 9–22
Gerhard MARAUSCHEK, Gerhard: Johann Puchs frühe Anfänge in Graz, in: PUH 1998; 110–113
Club-Zeitung des Grazer Radfahrer-Club, II/2/28.2.1891
Gerhard PFERSCHY, Johann Puch, ein Pionier des Fahrzeugbaues, in: Steirische Unternehmer des 19. und 20. Jahrhunderts, hg. von Ferdinand Tremel (Zeitschrift des Historischen Vereinses für Steiermark, Sonderband 9), 58-62.
Janez Puh – Johann Puch: clovek, izumi telj, tovanar, vizionar (1862–1914), Zgodovonski arhiv Ptuj 1998
Martin STRUBREITER, Von leichtem Tritt, in: 100 Jahre..., 54–61
Herbert VÖLKER, Die Wege des Johann Puch, in: 100 Jahre Steyr-Puch 1899–1999, Graz 1999, 18–35
Der Arbeiterwille, 22.7.1914, 8 (Nachruf)
Der Radfahrer 11/1.10.1932, 11
Mittheilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes 47/ 15.2.1893, 34
Tagespost 22.8.1892, Grazer Radfahrerclub
Radfahr-Humor, München; Radfahrer-Club-Chronik Nr. 407 Bl. IX/24/21.12.1895, 334; Radfahr-Chronik VII/31/16.1.1895 (Unruhen), IX/62/1896, 947
Archiv der Diözese Graz-Seckau, http://matriken.graz-seckau.at/
Stadtarchiv Graz, Bauakten
Günther NEGER, Familiengeschichte, ca. 1993, Kap. 8 Puch