Grazer Radfahrer Club
 
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Unschlagbar in den 50ern: Die Asse von Puch

Der RV Junior, Konkurrent in der eigenen Stadt, beherrschte in der Nachkriegszeit die Rennsportszene in der Steiermark und darüber hinaus. Jager und Rauschl, dann Deutsch, Perschy und Sitzwohl dominierten, Puch hatte nur wenig zu melden. Das wollte Direktor Wilhelm Rösche ändern: In der Tradition von Firmengründer Johann Puch sollte der Radsport wieder zur Trägerrakete für das Produkt Fahrrad werden. Das Radrennteam wurde 1950 aus der Taufe gehoben, in den folgenden Jahren ging man gezielt auf Einkaufstour.
Zieleinlauf in Graz, Triestersiedlung, 1952
Zieleinlauf in Graz, Triestersiedlung, 1952
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Klöckl und Durlacher, 1953
Klöckl und Durlacher, 1953
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Ö-Rundfahrt 1956: Sieg für Ignatowicz  Wien - Graz
Ö-Rundfahrt 1956: Sieg für Ignatowicz Wien - Graz
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Stefan Mascha, Glocknerkönig 1956
Stefan Mascha, Glocknerkönig 1956
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Rüsten gegen Junior
Aus Leoben wurde Richard Durlacher geholt, aus Wien Stefan Mascha, Eduard Ignatowicz war beim ARBÖ Eggenberg positiv aufgefallen und Heinz Klöckl bewog man zum Wechsel vom Stadtrivalen Junior. "Das Budget betrug 700.000 Schilling, das war 1953 viel Geld. Zu dieser Zeit hat ein Vorarbeiter 800 Schilling verdient, Frauen noch um einiges weniger", blickt Edi Ignatowicz zurück. Die Privilegien des Rennteams unter Trainer Kurt Urbanek, einem Wiener Ex-Profi, konnten sich sehen lassen: Eigener Mechaniker, eigener Masseur, ein Werksarzt, der den passenden Menüplan in der Kantine bestellte. Selbst die Kohle zur Beheizung der Werkswohnung mussten die Cracks nicht selbst schaufeln, weil - so das Attest - sonst die falschen Muskelpartien beansprucht worden wären.

Dafür revanchierte man sich mit guten Leistungen. Ignatowicz erinnert sich an das erste Rennen, das er 1954 für Puch fuhr, eine Schleife durch die Oststeiermark mit Start und Ziel in der Heinrichstraße: "Es war ein Start-Ziel-Sieg. Ich war immer in Sichtweite vorne, die Junior-Mannschaft ist nicht herangekommen. Meine Kollegen haben sie in Schach gehalten. Das war eine gute Werbung für das neue Team."

Mascha hatte sich schon in der Zeit, in der er noch für Junior fuhr, mit Durlacher angefreundet. Beim Erdöl-Rennen in Niederösterreich hatten beide gleichzeitig eine Panne. Gemeinsam gelang es ihnen, wieder an das Feld heranzufahren. "Als wir dran waren, war gerade ein leichter Berg. Da bin ich weggefahren, über 100 km alleine, und habe mit 7 Minuten Vorsprung gewonnen" , beschreibt der "Erdöl-Sieger" von damals.

Edi Ignatowicz wusste, worauf es ankam: "Es war schon Begabung. Ich habe auch versucht, taktisch zu fahren, habe mir meine Gegner immer genau angeschaut." Jeder einzelne nutzte seine Stärken und stellte diese in den Dienst des Teams: "Durlacher und Mascha waren am Berg sehr stark, ich war Allrounder und sehr stark im Endspurt." Man verstand sich untereinander, der Spirit stimmte: "Wir haben auch ausgemacht, dass wir alles, was wir gewinnen, zusammenlegen und aufteilen. Das war, glaube ich die beste Entscheidung für uns alle. Es war ein anderes Klima."

Die Preise, die man abräumte, wurden versteigert, der Erlös nach Leistung aufgeteilt, auch an Helfer und Betreuer. So etwa auch das Moped, das Mascha bei der Österreich-Rundfahrt 1959 als Siegespreis einheimste."Die Fans haben sich erkundigt, in welchem Hotel wir übernachten, weil sie wussten, dass wir die Preise versteigern."


Puch-Team 1956. Der Bus hieß "Kikeriki".
Puch-Team 1956. Der Bus hieß "Kikeriki".
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"Als Mannschaft waren wir unschlagbar"


"Glorreiche Vier": Durlacher, Mascha, Ignatowicz, Klöckl
"Glorreiche Vier": Durlacher, Mascha, Ignatowicz, Klöckl
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Länderkampf in Ungarn 1957: Ignatowicz beim Zielsprint
Länderkampf in Ungarn 1957: Ignatowicz beim Zielsprint
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12-h-Rekord zum Abschied: Durlacher hörte 1959 auf
12-h-Rekord zum Abschied: Durlacher hörte 1959 auf
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Gewann 160 Rennen im In- und Ausland: Edi Igantowicz
Gewann 160 Rennen im In- und Ausland: Edi Igantowicz
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England-Rundfahrt 1958: Sieger R. Durlacher (re.), Stefan Mascha
England-Rundfahrt 1958: Sieger R. Durlacher (re.), Stefan Mascha
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Der Radrennsport erreichte in den 1950er-Jahren eine Popularität, wie sie mit jenem von Fußball heute zu vergleichen ist. Heinz Klöckl erinnert sich an das unglaubliche Publikumsinteresse selbst bei regionalen Rennen: "Beim Eröffnungsrennen Graz – Kirchbach – Graz mit Ziel in der Triestersiedlung 1953, ich fuhr noch für Junior. Da waren Leute, die man heute nur bei einer Weltmeisterschaft sieht."

Als das Puch-Quartett - insgesamt zählte das Rennteam an die 16 Fahrer - antrat, war Junior angezählt. "Als Mannschaft waren wir unschlagbar. Egal wo wir aufgetreten sind, einer von uns hat immer gewonnen. Der Mascha und ich waren die Loks", berichtet Richard Durlacher, der als robuster Kämpfer und "Zeitfahrergröße" (Propst) galt und sich auch nicht davor scheute, sich mit "Platzhirsch" Franz Deutsch anzulegen: "Zuerst wir haben noch ein bisserl gerauft mit ihm, bis er kalt - warm von uns bekommen hat."

Neben zahlreichen steirischen Straßen- und Bergmeistertiteln siegten die Asse von Puch - Radsport-Autor Hanns Propst sprach vom "Wunderteam" - auf der Österreich-Rundfahrt drei Mal (Mascha 1959 und 1961, Durlacher 1958), belegten je zwei zweite und dritte Plätze (Mascha, Ignatowicz, Durlacher), sicherten sich vier Mannschaftstitel (1956-59) und zwei Mal die Einzel-Straßenmeisterschaft (Durlacher, Klöckl). International war Richard Durlacher am erfolgreichsten: Er gewann die erste England-Rundfahrt 1958 und wurde u.a. Vierter der Lombardei-Rundfahrt sowie Sechster des Critérium du Dauphiné. Heinz Klöckl gewann Kriterien in Augsburg und Agram, Mascha wurde zwei Mal Zweiter bei der Israel-Rundfahrt, im Team schlug man sich gut in Länderkämpfen gegen Ungarn und Jugoslawien, in der Schweiz. 


Legendentreffen im Burgenland 2012
Legendentreffen im Burgenland 2012
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Edi Ignatowicz, 2014
Edi Ignatowicz, 2014
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Heinz Klöckl, 2014
Heinz Klöckl, 2014
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Das Schicksal der "Fab Four"

So rasant der Aufstieg der "Fab Four" war, so schnell war die Ära auch wieder vorbei. Klöckl und Ignatowicz hörten 1959 auf. Durlacher fuhr in diesem Jahr noch die Tour de France, musste aber nach einem Sturz aufgeben. Er versuchte sich noch ein Jahr als Profi und trat mit einem 12-Stunden-Rekord (416,4 km) ab, der 30 Jahre halten sollte. Mascha fuhr 1961 seinen zweiten Sieg bei der Österreich-Rundfahrt heim und hängte dann ebenfalls das Renntrikot an den Nagel. Für diese letzte Etappenfahrt hatte er sich Urlaub nehmen müssen - bei Puch wehte inzwischen ein anderer Wind, was den Stellenwert des Radsports anlangte.

So unterschiedliche Typen sie im Team waren, so verschieden waren auch ihre weiteren Lebenswege: Mascha bekam einen gut dotierten Job in der Energiewirtschaft und wandte sich immer mehr seinem Hobby, der Fischzucht, zu, Durlacher baute die Marke Peterquelle auf, wurde Marktfierant und ist noch heute gerne auf Achse, Ignatowicz bewies sich als Trouble Shooter in diversen Betrieben und leitete zu Beginn das Shopping Center West. Nur Klöckl blieb bei Puch, wo er als Fahrer angestellt war, und ging dort in Pension. Als man ihn als Trainer haben wollte, winkte er ab: "Ich habe gesehen, dass die Einstellung der jungen Burschen nicht mehr stimmt. Wir sind zum Rennen nach Knittelfeld mit dem Rad gefahren, haben das Rennen gewonnen und dann auf der Rückfahrt die gewonnene Stange Wurst am Straßenrand verzehrt. Da habe ich mir gedacht: Ich verbringe lieber meine Freizeit selber am Rad."

Gesagt, getan. Heinz Klöckl fuhr bis Anfang der Nuller-Jahre erfolgreich Seniorenrennen und ist auch heute noch 4.000 bis 5.000 km mit Rennrad und Mountainbike unterwegs. Richard Durlacher bringt es auf ähnliche Kilometerleistungen, fährt aber lieber mit seiner Frau - zum Teil in deren E-Bike-Windschatten - rund um Graz oder im Winter auf Cran Canaria. Nach mehreren Herzinfarkten blieb  Edi Igantowicz dem Fahrrad treu, greift aber auf elektrischen Rückenwind zurück. Er fungiert auch als Testfahrer für eine E-Bike-Firma. Als einziger des Kleeblattes der inzwischen über Achtzigjährigen fährt Stefan Mascha nicht mehr selbst: Aufgrund seines körperlichen Zustandes musste er absatteln und kümmert sich heute vornehmlich um seine Tiere.

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Richard Durlacher, geb. 6.6.1932, Stubenberg, lernte in Leoben Weber und Kaufmann. Nach Ende seiner Rennkarriere baute er die Mineralwasser-Marke Peterquelle auf. Später wurde er Marktfierant, eine Tätigkeit, die er nach dem frühen Tod seines Sohnes gemeinsam mit seiner Tochter wieder aufnahm.
 
Eduard Ignatowicz, geb. 23.12.1933, Czernowicz, lernte Former und Gießer in Feldbach. Nach seinem Engagement bei Puch wurde er Registrierkassenverkäufer beim US-Konzern NCR und bildete sich selbst in Sachen Betriebswirtschaft weiter. Er wurde Verkaufsdirektor und beriet in der Folge viele Betriebe bei der EDV-Umstellung. Sein letztes Projekt vor der Pensionierung war die Leitung des Center West in Graz.

Heinz Klöckl, geb. 6.7.1931, Graz, lernte Sattler und arbeitete zunächst in der Brauerei Reininghaus. Bei Puch übte er den Job eines Fahrers und Chauffeurs aus. er war auch der einzige der vier, der nach Ende der sporlichen Laufbahn bei Puch weiter dem Broterwerb nachging.

Stefan Mascha, geb. 6.2.1932, Wien, lernte Tischler und wechselte nach Beendigung der Radsport-Karriere bei Puch zum Landesenergieversorger Steweag. Später verlegte er sich auf die Fischzucht und betrieb den Autobahn-Zoo in Graz-Liebenau, den heute sein Schwiegersohn führt. Dem Sieger des  Grazer Altstadtkriteriums 1986 überreichte er einen Papagei. 

Alle vier des ehem. Kleeblatts wohnen heute in Einfamilienhäusern im Süden von Graz bzw. Graz-Umgebung.


WW/ September 2014



Literatur und Quellen
Hanns PROPST, 125 Jahre Radsport, 2. Auflage, Graz 1991
Marcus STOIMAIER, Alles Gute zum runden Geburtstag, Glocknerkönig!, in: Woche, Graz-Umgebung, 18.1.2012, 14 (anl. 80. Geburtstag von Stefan Mascha)
Die Gespräche mit Stefan Mascha, Heinz Klöckl, Richard Durlacher und Eduard Ignatowicz wurde im Sept. 2014 geführt und sind hier auszugsweise (Zitierungen) wiedergegeben.
 

WOLFGANG WEHAP