Zeitungsrad
 
Sie befinden sich:  » Argus  |  » Medien  |  » 2014

Wie schafft man es, 63 Jahre lang um drei Uhr früh aufzustehen?
"Kleine Zeitung" vom 23.11.2014, Seite 86

Christine Pölzl stellte 63 Jahre lang die Kleine Zeitung in Zettling zu. Dass sie nie den Führerschein machte, war dabei kein Hindernis. Ganz im Gegenteil. Der Sattel am Waffenradl hat sich schon fast aufgelöst, nur ein paar Streifen Klebeband halten ihn noch zusammen. Aber einen neuen Sattel will sie nicht. „Der geht noch gut", sagt Christine „Tini" Pölzl.

Ihr geliebtes Waffenrad ist auch fast ein Jahr nach ihrer Pensionierung täglich im Einsatz. Pölzl hat nämlich viel zu tun: Sie trägt weiterhin Zeitungen aus – die Gemeindezeitung von Zettling, Rundschreiben und ab und zu die „Neue Post". Die bringt sie den nicht mehr so mobilen älteren Damen nach Hause, zusammen mit den Einkäufen, die sie für ihre „Stammkundschaft" in Premstätten erledigt.

Transportiert wird alles am Waffenradl, denn den Führerschein hat Pölzl nie gemacht. Nicht einmal, als sie einmal in der Lotterie ein Auto gewonnen hat. Das wurde verkauft. Und auch ihr Moped, mit dem sie zwischendurch für kurze Zeit gefahren ist, steht seit 1979 in der Garage. „Dann ist der Helm gekommen", erzählt die 85-Jährige: „Das Radl ist besser."

Neues Radl? Na, danke!!

Über ihr Waffenradl, es ist erst das dritte in 63 Jahren, geht der rüstigen Steirerin nix. Mantel und Schlauch werden regelmäßig vom Mann ihrer Nichte repariert, ein neues Radl kommt ihr nicht unter die Füße: „Na, danke!!", kommt es ihr da entschlossen aus. Eine Gangschaltung braucht sie nicht, höchstens ein Licht, weil es halt Gesetz ist.

Mit dem Zustellen hat sie im 51er-Jahr begonnen, als ihr Vater starb. Da übernahm ihr Bruder die kleine Landwirtschaft – und sie die Arbeit des Bruders. Eine 15-Kilometer-Tour durch Laa (Gemeinde Zettling) mit rund 100 Haushalten, die sie 63 Jahre lang täglich absolvierte. Nur zwei Mal war sie krank. Und den Urlaub ließ sie sich möglichst oft auszahlen: „Die anderen waren zu gschlampert."

Mit ihr seien „ihre Leute" jedenfalls immer zufrieden gewesen. Dafür gab es von der „Tini", wie sie von vielen im 500-Seelen-Ort genannt wird, auch vollen Einsatz bei Wind und Wetter – bei Regen wurden die Zeitungen halt sorgfältig in Plastik eingepackt und bei Schnee schob sie, nur bei Glatteis war es gefährlich. Ganz selten wurde sie von ihrem Neffen mit dem Auto kutschiert.

Hinten auf dem Milchwagen

Motorisierte Hilfe nahm sie aber in jungen Jahren auch gelegentlich an – vom Milchwagen nämlich. „Der Fahrer hat geschrien: ‚Da, häng di an!‘, und das hab ich gemacht. So war ich schneller."

Dass der Wecker täglich um drei Uhr früh klingelte, war sie „einfach gewohnt". Den Morgenkaffee sparte sie sich, den gab es unterwegs bei der Kundschaft. Und wenn um sieben Uhr die eine Arbeit erledigt war, fing die nächste an – auf dem Hof des Bruders.

Dass sie um drei in der Früh aufwacht, kommt immer noch vor, „zwischendurch". Doch jetzt „dreh ich mich um und schlaf weiter".

NINA MÜLLER

"Kleine Zeitung" 23.11.2014
"Kleine Zeitung" 23.11.2014
Bildvergrößerung