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Graz nimmt seine Radwege unter die Lupe
"Kleine Zeitung" vom 04.12.2014, Graz, Seite 28

Ein rostiger Steher mitten im Weg, wuchernde Hecken, die die Sicht nehmen: die Gefahrenquellen im Radwegenetz und was man dagegen tun kann.

Erfreulich ist: Die Anzahl der Radfahrer steigt. Der Haken: Auch die Zahl der Unfälle zeigt stetig nach oben. Und fast die Hälfte aller Radunfälle in der Steiermark passieren in Graz.

Auf diese Situation hat die Stadt nun reagiert. Gemeinsam mit dem Kuratorium für Verkehrssicherheit hat man ein Pilotprojekt durchgeführt und die 4,7 Kilometer lange Radstrecke vom Bad Eggenberg bis zum Sonnenfelsplatz bei der Universität einer genauen Sicherheitsanalyse unterzogen. „Die Radfahrer müssen sicher von A nach B kommen können", sagt Peter Felber, Leiter des Kuratoriums.

Herausgekommen ist ein dicker Katalog mit teils kuriosen Gefahrenstellen. Verrostete Steher oder Ampeln stehen zentral am Radweg, Fahrradständer sind so platziert, dass jedes Fahrrad, das tatsächlich hier abgestellt wird, in den Radweg hineinreicht, Hecken wuchern und nehmen die Sicht.

„Die Fülle an Gefahrenpunkten war für uns überraschend", gibt Verkehrsstadtrat Mario Eustacchio (FPÖ) zu. „Aber wenn man mit dem bewussten Blick hinschaut, erkennt man auch viel." Das bestätigt auch Felber. Oft geht es um banale Dinge wie „einen Mistkübel, der falsch hingestellt wird und dann die Sicht verstellt".

Die gefährlichste Stelle entlang der Strecke liegt für Felber vor dem Bauamtsgebäude am Europaplatz. „Hier ist die Situation wirklich kritisch, da haben wir viele Unfälle." Während hier oder auch in der Wickenburggasse nach der Keplerbrücke oder Ecke Jahngasse größere bauliche Veränderungen notwendig sind, gibt es vieles, was schnell umzusetzen ist. In der Keplerstraße, Höhe Marienplatz, etwa wurde vor Kurzem der funktionslose Steher entfernt, der genau zwischen Rad- und Gehweg vor sich hinrostete.

Eustacchio kündigt an: „2015 schauen wir uns die Conrad-von-Hötzendorf-Straße an."

GERALD WINTER-PÖLSLER

KOMMENTAR

Den Blick schärfen

Da steht jahrelang ein verrosteter Steher mitten auf einem Rad-und Gehweg, noch dazu ohne Funktion - und keiner der für Verkehrssicherheit Verantwortlichen merkt es. Was das aussagt? Dass Radfahrer als Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse wahrgenommen wurden.

Das scheint sich nun zu ändern. Die Stadt schaut mit einem neuen Blick auf ihre Verkehrswege - mit dem Blick der Radfahrer. In einem Pilotprojekt mit dem Kuratorium für Verkehrssicherheit wurde eine 4,7 Kilometer lange Radroute analysiert - mit haarsträubenden Ergebnissen.

Denn der neue Blick aus Radlerperspektive ergibt: Gefahrenstellen, wohin man schaut (S. 28). Oft sind es einfache Dinge wie wild wachsende Büsche, welche die Sichtbeziehung zwischen den Verkehrsteilnehmern stören. Da reicht eine Heckenschere - und fertig.

In manchen Dingen geht es aber auch um Grundsätzliches, um die Frage: Wie wird der wenige Platz für den Verkehr verteilt? Denn eines zieht sich wie ein roter Faden durch die Untersuchung: Die Radwege sind meist zu eng.

Bisher wurden Radwege ja dort hineingequetscht, wo neben Autos und Bussen noch Platz war. Und in der Regel müssen sich Radler und Fußgänger den engen Platz teilen. Wenn die Stadt jetzt den Blick für die Radler schärft, vielleicht ändert sich ja auch etwas an diesem Zugang, der eher nach 1980er-Jahre klingt - und nicht nach einer Radfahrhauptstadt im 21. Jahrhundert.

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gerald.winter-poelsler@kleinezeitung.at