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Abfahren auf die Puch-Fahrradstory
"Salzburger Nachrichten" vom 18.01.2016, Seite 10

Seine Verwandten waren „Puchianer“: Der Volkskundler, Journalist und Fahrradaktivist Wolfgang Wehap hat nun die Geschichte der Zweiradproduktion des Industriellen Johann Puch erforscht.

Er ist ein Fahrradaktivist der ersten Stunde. Das Vorstandsmitglied der Radlobby ARGUS Steiermark fährt ganzjährig mit seinem Drahtesel, Schnee und Eis stellen für ihn keine Hindernisse dar. Er hat als Volkskundler einschlägige Bücher wie etwa „Frisch, radln, steirisch – eine regionale Kulturgeschichte des Radfahrens“ verfasst und als Journalist über Jahrzehnte immer wieder Beiträge zur alternativen Mobilitätskultur geschrieben.

Jetzt hat der 57-jährige Grazer Wolfgang Wehap , der den Leitspruch „Es gibt ein Leben nach dem Auto“ verinnerlicht hat, gemeinsam mit dem Fahrradhistoriker Walter Ulreich ein wichtiges Stück heimischer Fahrrad- und Industriegeschichte erforscht: Das 400 Seiten starke Buch „Die Geschichte der Puch-Fahrräder“ (Weishaupt-Verlag) wird am Freitag im Grazer Johann Puch-Museum präsentiert. Wolfgang Wehap ist in unmittelbarer Nähe zum Puchwerk in Graz-Thondorf aufgewachsen. Sein Großvater war Oberwerksmeister in der Lehrwerkstätte, auch seine Mutter und sein Bruder waren Mitglieder der Puch-Familie, also „Puchianer“. Sein erstes Lieblingsfahrrad? „Natürlich ein altes Puch-Waffenrad, dass ich aber pink angemalt habe“, berichtet der 57-Jährige, der eineinhalb Jahre lang intensiv in Sachen Altmeister Johann Puch und dessen Zweiradindustrie recherchiert hat. Dass zwischen 1889 und 1987 unter dem Namen Puch in der steirischen Landeshauptstadt nicht weniger als zehn Millionen Fahrräder produziert worden sind, ist vielfach vergessen. Warum Wehap generell vom Zweirad fasziniert ist? „Weil es das optimale Verkehrsmittel ist. Es ist energieeffizient, immer betriebsbereit, gesundheitsfördernd und insbesondere im urbanen Raum auch zeitsparend“, berichtet Wehap, der – wenn es um die Fahrradkultur in seiner Heimatstadt geht – mittlerweile hadert: Graz sei längst nicht mehr – anders als in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren – die Fahrradhauptstadt Österreich. Viele Ideen, die einst vom legendären Stadtplaner und Fahrradfreund Erich Edegger (ÖVP) umgesetzt wurden, sind heute wieder vergessen. Die Folge: Der Radverkehranteil ist 2013 erstmals wieder von 16 Prozent auf 14, 5 Prozent gesunken.

„Dabei wäre Graz von der Topografie her prädestiniert für einen funktionierenden Zweiradverkehr“, sagt Wehap. Es gebe wenig Hügel, das Klima sei milder als in vielen anderen Städten Österreichs und die Größe der Stadt sei so, dass man mit dem Rad alles erreichen kann. Während es um 1900 noch rund fünf Fahrradwerke in Graz gab, ist diese Tradition mit dem „Aus“ für den Zweiradsektor 1987 endgültig Geschichte. Ob Puch eine unternehmerische Fehlentscheidung begangen habe? „Tatsache ist, dass Puch den Mountainbiketrend verschlafen hat und der Fahrradboom Ende der 1980er-Jahre eingesetzt hat. Und es hätte auch eine Option gegeben, mit einer ausgegliederten Gesellschaft in einem anderen Werk weiterzumachen“, sagt Wolfgang Wehap, der heute fünf Fahrräder, darunter drei Oldtimer, sein Eigen nennt. Die Marke Puch hat auch heute noch einen guten Klang: „Puch lebt, sowohl durch neue Konfektionsware mit Puch-Logo als auch durch die vielen unverwüstlichen Originale aus der Grazer Fahrradschmiede, die heute noch bundesweit im Straßenraum präsent sind.“ In seinem Buch listet der Steirer die unzähligen Produkte aus dem Hause Puch auf, beginnend vom Hochrad und dem Styria Rover über das legendäre Silberrad, die S 50, S 60 und S 70 der Nachkriegszeit, die Bergmeister-, Jungmeister- und Clubman-Serie bis zu den Top-Rennmaschinen Royal Force und Mistral Ultima.

„Das Grundkonzept für das Fahrrad war schon vor 100 Jahren vorhanden. Und obwohl oftmals totgesagt, ist das Radl quicklebendig. Das taugt mir“, erklärt Wehap, der sich auch über etliche Aktivitäten jüngerer Pedalritter freut. So werden in Graz etwa seit einigen Jahren „Altbaukriterien“ in großzügigen Wohnungen gefahren. Was 2010 begann, ist mittlerweile ein kultiger Szeneevent, der bereits international Nachahmer gefunden hat: Bikefun auf einem Zwei-Minuten-Rundkurs über Laminatboden in einer Altbauwohnung, bisweilen aber auch in einer Tiefgarage oder in einer Bar: ziemlich abgefahren. Angetan ist Wehap auch von der im Aufwind befindlichen Radballszene, und auch Bikepolo hat sich in Graz als Szenesportart etabliert: Gespielt wird mit einem Kunststoffball, und man tritt eben in die Pedale und sitzt nicht auf einem hohen Ross.

Die Buchrecherche kam für Wolfgang Wehap bisweilen einer Reise in die eigene Kindheit und Jugend gleich: „Es war ein Wiederentdecken von Vertrautem, wenn ich beim Graben in US-amerikanischen Prospekten auf die Farbvariante ,Thondorf-purple‘ stieß.“ Er ist auch Interviewpartnern gegenübergesessen, die bei seinem Großvater gelernt und möglicherweise am ersten Puch Touring – in Dunkelgrünmétallisé mit Duomatic-Rücktrittschaltung –, das er von ihm bekommen hat, mitgebaut haben.

Martin Behr