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Unter Strom
"Der Standard", 02.02.2016, Seite 14

Erster nachweisbarer Fall von Technikdoping im Radsport - Illegal und teuer, aber nicht gesundheitsschädlich.

Als seit 20 Jahren im Radsport wirkender Funktionär hat Rudolf Massak verinnerlicht, dass alles, was möglich scheint, auch ausprobiert wird. „Solange Menschen am Werk sind, kann man gar nichts ausschließen“, sagt der Generalsekretär des österreichischen Radsportverbandes (ÖRV).

Femke van den Driessche hat ihn am vergangenen Samstag wohl bestätigt. Kommissäre des Weltverbandes UCI hatten aus dem Fundus der 19-jährigen Belgierin während des U23-Rennens der Querfeldein-WM von Zolder ein Rad sichergestellt, das über einen Hilfsmotor verfügte. Van den Driessche, die nach einem Defekt vorzeitig abgestiegen war, sprach von einer Verkettung unglücklicher Umstände, allein den Adressaten ihrer Beteuerungen fehlte der Glaube. „Es ist absolut eindeutig, dass ein technischer Betrug vorliegt“, sagte Brian Cookson, der Präsident der UCI.

Der Athletin drohen eine sechsmonatige Sperre und eine Geldstrafe von bis zu 180.000 Euro. Der belgische Verband ging in Person von Nationaltrainer Rudy de Bie („Ich bin angewidert“) aus gutem Grund auf Abstand, könnte doch auch dem Verband eine empfindliche Geldstrafe blühen.

Im Unterschied zum herkömmlichen Doping, also dem Tunen des Athleten selbst, dem die UCI einfach nicht Herr wird, sieht sich der Verband in puncto Technikdoping noch nicht geschlagen. Seit Jahren wird stichprobenartig kontrolliert, seit diesem Jahr sind drakonische Strafen ausgelobt. Auslöser war ein Vorfall bei der Vuelta 2014. Ryder Hesjedal stürzte während einer Abfahrt der siebenten Etappe. Ehe es der Kanadier einfangen konnte, drehte sich sein Rad auf dem Asphalt liegend, anscheinend von der Kurbel angetrieben, im Kreis. Die Szene wurde dem Profi nicht zum Verhängnis, aber ein Youtube-Hit.

Zum nun offenbar ersten nachweisbaren Fall von Technikdoping ließ die Gazetta dello Sport einen anonymen Experten zu Wort kommen, der von elektromagnetisch angetriebenen Hinterrädern berichtet – angeblich der letzte Schrei, allerdings mit Kosten von rund 200.000 Euro für einen Leistungsschub von 20 bis 60 Watt eher nicht in Reichweite eines Talents, als welches Van den Driessche bis Samstag galt. Dennoch soll der geheimnisvolle Guru auf diesem Sektor in den vergangenen Jahren insgesamt 1200 Zusatzantriebe verkauft haben: „Mit Elektrizität kann man größere Wunder bewirken als mit Chemie. Außerdem ist sie weniger schädlich für die Gesundheit.“ Deutlich kostengünstiger, aber ausdrücklich nicht für Radsportler mit krimineller Energie stellt die Wörgler Firma vivax Assist einen Leichtantrieb für Fahrräder her. Der durch eine Taste am Lenker zuschaltbare Motor wird im Sattelrohr untergebracht und leistet 110 Watt, der Akku findet in der Satteltasche Platz. Kostenpunkt: 2699 Euro. 1500 bis 2000 Stück werden pro Jahr verkauft.

In aller Munde war die Innovation 2010, als Fabian Cancellara während des Klassikers Paris– Roubaix eine Attacke ritt, die übermenschlich schien. Dem Schweizer konnte nichts nachgewiesen werden. Und die Tiroler verweisen darauf, dass sie keinen Einfluss darauf haben, was mit ihren Motoren passiert.

Dass Händler versucht haben, den Antrieb unsichtbar zu verbauen, ist Geschäftsführer Dido Kopp bekannt. Und dass ihn Rennsportler für Trainingszwecke nutzen. Missbrauch sei vorstellbar: „50 Watt entscheiden auf diesem Niveau zwischen Sieg und Niederlage.“ Der Betrugsnachweis, sagt ÖRV-General Massak, sei in Zeiten elektronischer Schaltungen schwer: „Ein paar Kabel fallen gar nicht auf. Und das Rollgeräusch von Carbonrädern ist deutlich lauter als jeder Motor.