Zeitungsrad
 
Sie befinden sich:  » Graz Radln  |  » Medien

Warum Radfahren in Graz zu einer Zeitreise in die 50er wird

Unterwegs mit Fahrrad-Guru Mikael Colville-Andersen aus Kopenhagen: Ein ernüchternder Blick von außen auf die selbst ernannte Fahrradhauptstadt Graz.

Die gute Nachricht zu Beginn: Graz hat viel Luft nach oben, wenn es um das Radfahren in der Stadt geht. Und es kann schnell gehen, wenn man die richtigen Prioritäten setzt.

Das sagt Mikael Colville-Andersen, weltweit gefragter Mobilitätsexperte für Städte, Radfahrer aus Kopenhagen und Gründer von Copenhagenize. Die dänische Hauptstadt gilt vielen als das Mekka des urbanen Radfahrens mit einem Radfahrer-Anteil von insgesamt 30 Prozent. Arbeits- und Schulwege werden gar zu 45 Prozent mit dem Rad zurückgelegt. Die Zahlen aus Graz: 14,5 beziehungsweise 20 Prozent.

Bei der "Urban future"-Konferenz sprach Colville-Andersen darüber, wie man eine Stadt kann, indem man sie zu einer Stadt für Radfahrer macht. Von Graz ist er enttäuscht: „Es heißt ja, dass es eine Radfahrstadt ist.“ Er sehe davon aber nichts, die Stadt werde immer noch über das Auto gedacht.

"Was zum Teufel ist das?"
Das spürt Colville-Andersen bei einer gemeinsamen Radtour durch die Stadt mit Fachleuten von der Forschungsgesellschaft Mobilität und der "Kleinen Zeitung". "Was zum Teufel ist denn das?", fragt er, nachdem wir über den Joanneumring gefahren sind. Mit dem Rad, wohlgemerkt. Etwas, das sehr viele Leute sehr irritiert hat.

„Da ist ja aller Platz der Welt vorhanden, aber es gibt nur Autos“, staunt Colville-Andersen. Drei Fahrspuren und Diagonalparken links und rechts. „Graz ist eine Zeitmaschine“, scherzt er. „Das hier ist wie 1952.“ Warum das noch niemand verändern wollte, will er wissen.

Nun ja, es gab einen Versuch vor einigen Jahren. Der Widerstand der Geschäftsleute und der Wirtschaftskammer war aber zu groß. Ohne Auto bräche das Geschäft ein, war die Befürchtung. Colville-Andersen schüttelt den Kopf: „Es ist überall das Selbe. Dabei gibt es unzählige Erfahrungswerte aus aller Welt, die genau das Gegenteil belegen. Radfahrer sind die besseren Kunden, weil sie öfter Einkaufen." "Die da", sagt er und zeigt auf die vorbeifahrenden Autos, die bringen den Geschäftsleuten hier übrhaupt nichts. Bei 50 km/hist es schwer einzukaufen."

Demokratie auf der Straße statt Diktatur des Autos
Für Colville-Andersen ist der Joanneumring das Negativbeispiel: „Das ist die Diktatur des Autos. Wir brauchen eine Demokratisierung der Straße. Dabei müssten sich die Politiker nur die Zahlen anschauen, es ist simple Mathematik.“ Seine Zahlen lauten: Eine Autospur kann pro Stunde maximal 1300 Autos verarbeiten; ein viel schmälerer Radweg (2,3 Meter in Kopenhagen) bis zu 5500 Fahrräder. „In der Stadt, vor allem in einer wachsenden Stadt, geht es darum, möglichst viele Leute von A nach B zu bringen. Und da ist längst klar, dass das Auto am wenigsten effektiv ist.“

Weiter geht die Radrundfahrt. Wir stranden in einer Sackgasse. Für Radfahrer zumindest. Der Radweg entlang der Conrad-von-Hötzendorf-Straße stadteinwärts hört vor der Grazbachgasse einfach auf. Geradeaus Gebüsch, rechts der Gehsteig, links zwei Straßenbahngleise und drei Autospuren. „Das ist sehr schlecht geplant“, sagt Colville-Andersen.

 
So kann der Radanteil explodieren
Überhaupt kann er in Graz kein durchdachtes Radwegenetz erkennen. Dabei ist gute Infrastruktur der Schlüssel, wenn mehr Leute Radfahren sollen. Und genau das steht ja in den Mobilitätszielen, die sich Graz selbst gegeben hat.
In Kopenhagen haben wir in den vergangenen zehn Jahren 133 Millionen Euro in die Rad-Infrastruktur investiert.“ In Graz? Investiert man über 160 Millionen Euro in zwei Kilometer Straße, den Südgürtel. "Mit diesem Geld“, sagt Colville-Andersen, „kann der Radanteil in Graz binnen drei oder vier Jahren auf über 30 Prozent explodieren.“ Es geht um die Prioritäten.

Gerald Winter-Pölsler