Grazer Radfahrer Club
 
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'"Baar" oder "mit Angabe" - J. Puchs Maschinen-Verkaufs-Buch

Einen Einblick in die Anfänge von Johann Puch als Radhändler und -erzeuger gewährt ein "Maschinen-Verkaufs-Buch", in dem Verkäufe aus den Jahren 1889 und 1890 dokumentiert sind. Aufgetaucht ist dieses Dokument im Zuge der Recherchen für das Buch "Die Geschichte der PUCH-Fahrräder" im Steiermärkischen Landesarchiv.


Bauplan Reinitzhuber'' sches Glashaus, 1880
Bauplan Reinitzhuber'' sches Glashaus, 1880
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Rechnungen des Liqueurfabrikanten
Bekannt ist, dass sich Puch nach mehreren Stationen als Mechaniker und Vorarbeiter in der Strauchergasse 18a in das alte Glashaus von Karl und Anna Reinitzhuber einmietete und im Februar 1889 um Betriebstättenbewilligung ansuchte, die er nach einigen Problemen schließlich im Juni erhielt.

Dass Puch schon vorher tätig wurde, diesen Schluss lässt dass "Maschinen-Verkaufs-Buch" zu, in dem 227 Geschäftsfälle zwischen 29.3.1889 und 10.5.1890 über Verkauf bzw. Eintausch von neuen und gebrauchten Hoch- und Niederrädern sowie einigen Tandems dokumentiert sind. Neben Name und Adresse, Fahrradmarke- und Type sowie Zubehör (etwa Laterne, Gepäckträger, Werkzeugtasche ...)  wurden meistens auch Berufs- bzw. Funktionsbezeichnung der Käufer sowie Zahlungsmodalitäten notiert. Als Beleg dafür, dass das "Maschinen-Verkaufs-Buch" authentisch ist, darf die früheste von Puch ausgestellte Rechnung dienen: Abgezeichnet am 2.7.1889 bescheinigt sie den Kauf eines Knaben Bicycle durch den Liqueurfabrikanten Josef Mlekus und ist mit dem Stempel "Johann Puch Fahrradfabrik Strauchergasse 18" sowie zwei Unterschriften versehen. Dieser Geschäftsvorgang findet sich auch im Maschinen-Verkaufs-Buch wieder, auch der Preis - 55 Gulden in "Baarz.(ahlung)" - für das "Kinderbicycle" stimmt.

Liquörfabrikant Josef Mlekus scheint überhaupt ein treuer Kunde gewesen zu sein: Aus 1892 existiert eine weitere Rechnung für ein Styria I Niederrad, für das er ein altes Sparkbrook Bicyclette eintauscht, zwei Flaschen Hochprozentigen (Slibovitz, Cognac) gegenrechnet sowie den Rest in bar bezahlt. Im Maschinen-Verkaufs-Buch finden sich auch Teilzahlungen in Naturalien: in Form von Petroleum, eines Spiegels oder von Schmuck.

Zwar war der Radsport zu dieser Zeit nicht mehr ein exklusives Vergnügen besser gestellten Schichten  und begüterter Studierender, setzt man aber das im Buch abgebildeten Preisgefüge in Relation zu  einem durchnittlichen Taglohn von 1,3 Gulden (Wien 1890), ist nachvollziehbar, dass selbst Gewerbetreibende oder Beamte im höheren Dienst auf Ratenkauf zurückgreifen mussten. Puch dürfte da nicht knausrig gewesen sein, wie oft kleine Teilzahlungsbeträge, Eintäusche, Retouren und Ausleihungen für Radclubs vermuten lassen. So wurden dem Murecker RV und dem RV "Flavia" Leibnitz ein Schulwagen bzw. eine Schulmaschine geliehen. 

Rechnung über ein Knaben Bicycle, 2.7.1889
Rechnung über ein Knaben Bicycle, 2.7.1889
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links oben: Korrespondierender Eintrag im Maschinen-Verkaufs-Buch
links oben: Korrespondierender Eintrag im Maschinen-Verkaufs-Buch
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Johann Puch, ca. 1896
Johann Puch, ca. 1896
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Indizien für Eigenproduktion erst ab 1890 erhärtet
Bisher immer strittig war, ob er mit der Produktion eigener Fahrräder - zunächst unter Verwendung englischer Teile - schon 1889 begonnen hat oder doch erst 1890. So ist im ersten bekannten Inserat von Mitte Juni 1889 neben der Alleinvertretung zahreicher englischer und deutscher Marken immerhin von der "Erzeugung von Fahrräder (sic!) jeglicher Art" die Rede.

Das "Maschinen-Verkaufs-Buch" brachte hier insofern mehr Klarheit, als unter den angeführten Verkäufen, die nach Käufernamen in einem Registersystem geordnet sind, die erste Maschinen der Eigenmarke "Styria" erst im Februar 1890 finden, und zwar Styria Rover II mit den Rahmennummern 10 und 12. Das mit No. 2 früheste dokumentierte Styria Safety wird im März um 200 Gulden an Ingenieur Victor Rumpf verkauft, ein Styria Rover II No. 6 um 230 Gulden an den Official Franz Trenk. Je ein Styria II (Rahmennummer 3 und 4) gehen ebenfalls noch im März an Heinrich Oleownig und Eugen Edler von Schickh.

Zwar ist es nicht ganz auszuschließen, dass Puch schon vorher Einzelstücke ohne Markenbezeichnung oder unter allgemeinen Bezeichnungen ("Humber Rover" oder "Bicyclette") assembliert und Teile auch selbst gefertigt hat, sehr wahrscheinlich ist eine eigene Fahrradproduktion schon 1889 jedoch nicht. Auch der Umstand, dass Puch am 6.2.1890 das "handwerksmäßige Kunstschlossergewerbe" zurücklegte und gemeinsam mit Financier Victor Kalmann um das "freie Gewerbe der fabriksmäßigen Erzeugung von Fahrrädern" ansuchte, untermauert diese Vermutung.  

Geschäftstüchtig und werbegewandt wie Puch war, holte er von einer Reihe seiner ersten Kunden "Urtheile über Styria-Fahrräder" ein, die er im Vorspann zum Katalog pro 1892 abdruckte. Alle Berichte sind natürlich voll des Lobes und etliche der Namen finden sich auch als Käufer im Maschinen-Verkaufs-Buch wieder.  

Die früheren, ab Juni 1889 verzeichneten Verkäufe umfassen - so ausgewiesen - durchwegs Fremdmarken wie Winkelhofer, Humber, Royal, Wanderer, Germania, Greger, Union, Hillman, Rudge, DHF oder allgemein als "Bicyclette" "Bicycle" oder "Rover" bezeichnete Maschinen.



Erstes bekanntes Puch Inserat, Juni 1889
Erstes bekanntes Puch Inserat, Juni 1889
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Erste Werbung für die Marke "Styria", März 1890
Erste Werbung für die Marke "Styria", März 1890
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Katalog 1892, Cover
Katalog 1892, Cover
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Oft auf Pump und im Tausch
Das Maschinen-Verkaufs-Buch bringt aber nicht nur Aufschlüsse über die Anfänge von Puch als Händler und Fabrikant, sondern gewährt auch Einblick in Kundenkreis und Zahlungsmodalitäten. Nicht überraschend rekrutieren sich die Käufer aus dem gutbürgerlichen und akademischen bzw. studierenden Publikum, viele Kunden sind Mitglieder und Funktionäre der örtlichen und regionalen Radvereine. Bemerkenswert ist, dass rund zwei Drittel der Fahrräder auf Pump gekauft werden: Puch listet die "Angabe" sowie die eingegangenen Ratenzahlungen auf. Seltener wird "baar" bezahlt, nicht selten - in einem Viertel der Geschäftsfälle -  werden alte Maschinen eingetauscht und deren Preis gegenverrechnet. So tauschte z.B. der Gründer der "Wildoner Radfahrer", Färbermeister Carl Kellner, am 25.3.1890 sein Safety-Tandem für 130 Gulden gegen ein Humber No. 5 zum Neupreis von 225 Gulden ein; 120 Gulden legte er bar drauf, 5 Gulden gab es Rabatt. 

Die meisten verkauften Räder bewegten sich im Preissegment zwischen 200 und 300 Gulden, weniger als 10 % der Verkäufe betrafen gebrauchte Bicycles (Hochräder) um unter 100 Gulden. Zu dieser Zeit war die Ablöse des Hochrades (Bicycle) durch das Niederrad (Safety) voll im Gange: Rund die Hälfte der verkauften Fahrräder waren bereits Bicyclettes, Rover oder Safetys, unter den verkauften Bicycles befanden sich fast nur noch gebrauchte 48-, 50-, 52-, 54- oder 56 Zoll-Maschinen. Allerdings: So man sich damals noch für ein neues Hochrad entschied, musste man mindestens gleich tief in die Tasche greifen wie für ein Niederrad. Interressanterweise handelte es sich bei allen in dem Zeitraum 1889/90 drei verkaufen Kindermodellen um Bicyles. Als "Exoten" wurden drei Safety-Tandems. ein Kangaroo und ein Wanderer-Dreirad verkauft.  



Victor Rumpf: Kunde - Vertrauter - Rivale
Victor Rumpf: Kunde - Vertrauter - Rivale
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Im Fall es erwähnten Styria Safety No. 2 ist Ing. Victor Rumpf, Ingenieur der Alpine Montangesellschaft und Funktionär des Akademisch-technischen Radfahr-Vereins, der Käufer. Wie aus einem Referenzschreiben im Katalog 1892 hervorgeht, legte er offensichtlich auf diesem Rad 1890/91 beachtliche 10 000 km zurück. Laut Aufzeichnungen erwarb er außerdem ein Tandem, vermutlich um mit seiner Gattin Lilly gemeinsame Ausfahrten unternehmen zu können. Rumpf sollte auch in der künftigen Entwicklung des Puch' schen Unternehmens eine maßgebliche Rolle spielen: Er stieg 1894 im Rahmen der Umwandlung der offenen Handelsgesellschaft in die Komanditgesellschaft "Joh. Puch & Comp." ein und wurde Betriebsdirektor und Prokurist. Mit dem Abgang Puchs 1897 schied er zunächst ebenfalls aus den Styria-Fahrradwerken aus, kehrte aber unter der Ägide des neuen Eigentümers Dürkopp zurück und stand bis zum Ende der Styria-Dürkopp-Werke 1932 auf deren Kommandobrücke.    

Alfred Bayer
Alfred Bayer
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Pietro Arnoldo
Pietro Arnoldo
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Franz Smutny
Franz Smutny
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Bekannte Namen, Adel und einfache Leute
Andere bekannte Namen, die Eingang in das Puch'sche sein Verkaufsregister gefunden haben: Der gebürtige Venezianer Pietro Arnoldo, Universitätsfechtlehrer und Mitglied der "Grazer Herrenfahrer", der den Ruf einer ruppigen, mitunter handfest zulangenden Radlerlegende genoss; Dr. Rudolf Ritter von Scheuer, der als Medizinstudent Rennen für den Akademisch-technischen Radfahr-Verein bestritten hatte und 1890 auf einem Niederrad von Graz nach Sarajevo und auf einem Hochrad nach über das Salzkammergut nach Linz und retour über den Pyhrn gefahren war; der Fotograf Victor Gagylaky vom Grazer Bicycle-Club, der 1890 auf eine Jahresleistung von fast 11 000 km kam, wobei er aber Mitte des Jahres von seinem Styria Rover I auf ein "Meteor" von Albl wechselte. 

Auch der Name der bekannten Leibnitzer Unternehmer-Familie Brüder Assmann, von der Puch fortan Lederwaren und andere Fahrradteile beziehen sollte, findet sich im Kundenregister. Detto vertreten der Landesbuchhalter Lieutnant der Reserve Franz Smutny, Sportler, Journalist und Militärradfahrer-Pionier, der als Kommandant des Grazer Freiwillingen Radfahrer-Halbbataillons im 1. Weltkrieg wegen Veruntreuung ärarischer Gelder in Triest verurteilt wurde. 

Stark vertreten war naturgemäß die Kollegenschaft aus den Reihen des Grazer Radfahrer-Club, dem auch Puch angehörte: Papiergroßhändler und Publizist Robert Seeger, übrigens der Großvater des Externe Verknüpfung 
ORF-Sportreporters Robert Seeger, der schon erwähnte Landesbeamte Franz Trenk, der mehrfach als Kunde in Erscheinung trat, und der Strohhutfabrikant Jacob Ladstätter. Vom Schwesternclub in Marburg, wo Puch auch Mitglied war, kamen Alois Heu und Franz Neger - letzterer war eng mit Puch verbunden, übernahm die Styria-Vertretung in der Drau-Stadt und produzierte später selber Fahrräder.

Aber auch Funktionäre anderer Clubs kamen zu Puch: Dr. Theophil Edler von Schickh, erster Obmann des Gleisdorfer Bicycle-Club, Gustav Caprez, Obmann des Leibnitzer RC, Josef Bancalari, Apotheker am Marburger Hauptplatz, Leiter der Gemeindesparcasse und Obmann des Marburger Bicycle Club, Dr. Heinrich Casper, Jurist, Gemeinderat und Obmann des Akademisch-technischen Radfahr-Vereins, Fritz Pferschy, langjähriger Obmann des Fürstenfelder Zweirad-Clubs. Einige Male scheinen auch nur Clubs als Bezieher von Fahrrädern auf, so zweimal der Akademisch-technische Radfahr-Verein und der Marburger RC sowie GRC und Feldbacher RC.

Doch finden sich auch einfache Leute unter Puchs Kunden, Kaminfeger, Schriftsetzer, Kleidermacher, Fleischer, Geschäftsdiener, Comis. Zwei Frauen sind ebenfalls registriert: Comtesse Louise von Attems, die im Juli 1889 ein Wanderer Dreirad I (ebenfalls auf Raten) kauft und Giselle Baronin Washington, die am 28.12. ein 302 Gulden teures Humber No. 4 Bicyclette gekauft hat, vermutlich als Weihnachtsgeschenk für jemand aus ihrer Familie auf Schloss Pöls. Eigens ausgewiesen ist nur ein "Damen-Rover", bezogen von Germania.

Mehr als die Hälfte der Kunden kam aus Graz, eine weitere erkleckliche Anzahl aus dem Großraum Graz. Dennoch reichte der Kundenkreis Puchs schon in seiner Anfangszeit über die Hauptstadt des Kronlandes hinaus: Interessenten kamen aus der ehemaligen Untersteiermark, insbesondere aus Marburg (13 Geschäftsvorgänge), Pettau und Cilli, aus Krain (Laibach), Nord-Kroatien und Preussisch-Schleßien.

Literatur und Quellen
Externe Verknüpfung Walter ULREICH, Wolfgang WEHAP: Die Geschichte der PUCH-Fahrräder, Gnas 2016
Gewerbeakt Puch, Stadtarchiv Graz
Grazer Tagblatt 8.11.1918, 3, Die Verurteilten des Grazer Radfahrer-Halbbataillons
Joh. Puch & Comp. Fahrrad-Fabrik, Erzeuger der "Styria-Fahrräder", Katalog 1892, Sammlung Egon Lampl
Maschinen-Verkaufs-Buch (1889/1890), Stmk. Landesarchiv, Archiv Graz-Stadt, K-087-H-0597, Werbematerial Puch
GÖRLICH Ernst Joseh, ROMANIK Felix, Geschichte Österreichs, Inssbruck 1976, Löhne und Jahresdurchschnittspreise im Jahre 1890
Wikipedia, Eintrag Robert Seeger
Bildquellen: Festbuch XII. Bundestag des Deutschen Radfahrerbundes in Graz, 1895; Allgemeine Sport-Zeitung (ASZ) 6.8.1898, Wien ; Österr.-ungar. Radfahrer-Zeitung (OeuRZ) 16/1896


WOLFGANG WEHAP